Die Rap-Genies, die uns die Welt erklären

Eine New Yorker Website will jede Zeile von News-Texten erläutern und mit Kontext versorgen. «News Genius» ist das ernsthafteste News-Start-up Amerikas – doch gewachsen ist es aus dem Hobby-Projekt dreier spassverrückter Rap-Fans.

Drei junge Männer sitzen lachend auf einer Couch

Bildlegende: Aus Spass wird Ernst: Nach «Rap Genius» gründeten Mahbod Moghadam, Ilan Zechory und Tom Lehman (v. l.) «News Genius». Rap Genius

Dan Berger hat seine Konkurrenz immer im Auge – buchstäblich: Sitzt er in seinem Büro, ragen die Türme einiger der grössten Medienhäuser der Welt in sein Blickfeld. Es sind die Hauptsitze von Amerikas grössten Zeitungen, Fernsehsendern und Radios in Manhattan. Deren Konsumenten wolle er bilden, sagte Dan Berger SRF kürzlich aus dem Hauptquartier von «News Genius» in Brooklyn, New York. «Unser Ziel sind besser informierte News-Konsumenten.»

Andere Nachrichten-Start-ups in den USA jagen Klicks und Likes mit einfach zu verdauenden Videos («Upworthy») oder Listen mit lustigen Bildern («Buzzfeed»), doch auf den Seiten, über die Dan Berger wacht, findet man ewig lange richterliche Erklärungen, Politiker-Reden oder Briefe ans Parlament.

25 Millionen Nutzer pro Monat

Porträt-Aufnahme von Dan Berger

Bildlegende: Dan Berger ist der Chefredaktor des News-Bereiches von «Rap Genius». Der 30-Jährige ist seit dem Start dabei. Rap Genius

«Wir wollen immer die primären Quellen von Geschichten, die Schlagzeilen machen, auf unsere Seite laden», sagte Berger. Dort können Nutzer die Texte mit Kontext versehen. Sie können einzelne Wörter und Zeilen markieren und annotieren, und das Publikum so «hinter die Zeilen» blicken lassen, wie Berger es ausdrückt.

Geboren wurde «News Genius» aus einem vier Jahre alten Start-up namens «Rap Genius». Die Seite wurde von drei Yale-Abgängern gegründet und begann als Hobby-Projekt. Die Rap-Fans wollten mit ihren Freunden die Texte ihrer Lieblingssongs genauer studieren und erklären. Heute werde «Rap Genius» jeden Monat von 25 Millionen Menschen besucht, sagen die Gründer. Die Seite hat unterdessen vier Bereiche: Rap, Rock, Poesie und Nachrichten. Dan Berger, von Anfang an dabei, ist Chefredaktor des «News»-Bereiches.

Der «Talmud des Internets»

Hinter dem bemerkenswerten Wandel stecken fünfzehn Millionen Dollar an Investmentgeldern von Andressen Horowitz, der Firma zweier der bekanntesten Investoren der US-Tech-Branche. Sie sahen in «Rap Genius» das Potenzial, zum «Talmud des Internets» zu werden, sagten die Investoren in Referenz an das Erklärbuch der jüdischen Schrift Thora.

Auch Sheryl Sandberg macht mit

Dan Bergers Redaktionsteam ist weit grösser als das der Konkurrenz in Midtown Manhattan: Jeder, der möchte, kann auf dem Portal ein Konto erstellen, und beim Annotieren von Texten mithelfen. Je mehr jemand auf der Seite macht und je höher die Arbeit eines Nutzers bewertet wird, desto mehr Rechte erhält er. Die Gemeinschaft sei «voller sehr intelligenter und engagierter Leute, die teils auch sehr spezifisches Wissen haben».

Doch Berger vertraut nicht einzig auf engagierte Hobbyjournalisten, sondern holt sich gezielt Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik ins Boot. Während auf «Rap Genius» die Musiker selbst mitmachen, wurden jüngst auch die Facebook-Chefs Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg zu «verifizierten Nutzern». Sandberg hatte damit die Einleitung zu ihrem Buch «Lean In» annotiert – Familienfotos inklusive.

Irreführender Brief an den Kongress

Dazu buhlt Berger auch um die Mithilfe von den Journalisten, die normalerweise auf der anderen Seite des Flusses arbeiten: Spencer Ackerman ist einer von ihnen. Vielen bekannt, schreibt er seit Jahren für Publikationen wie «Wired» oder «Guardian» über die Sicherheitspolitik der USA – und ist einer der neuesten «verifizierte Nutzer» von «News Genius».

Seine ersten Annotationen sind in einem Brief von Justizminister Eric Holder an den US-Kongress zu finden. In diesem Brief nahm Holder Stellung zu amerikanischen Bürgern, die im Krieg gegen den Terror von Drohnen getötet worden sind. Der einzige US-Amerikaner, der gezielt getötet worden sei, sei ein «hochrangiger Führer» der Al Kaida gewesen, schrieb Holder.

Ackerman wies darauf hin, dass «die Obama-Regierung nie definiert [hat], was das heisst.» Und «ausserdem ist diese Behauptung sehr umstritten», schrieb er, und verlinkte einen Artikel, der die Grundlage für die Aussage lieferte. Der ganze Brief ist versehen mit derartigen Hinweisen, Links und Bildern. Ein Stück Journalismus, das detaillierter, genauer und dennoch verständlicher ist, als vieles, was von etablierten Medien produziert wird.

Annotationen der «New York Times»


Michaël Jarjour über «Rap Genius»

4:54 min, aus Kultur kompakt vom 21.08.2013

Dort ist diese Art von Journalismus unterdessen nicht unbemerkt geblieben. Auch andere Medien nutzen unterdessen Annotationen um Halbwahrheiten, von Lobbyisten geprägte Gesetze, Politiker-Reden oder von der PR-Maschinerie der Privatwirtschaft verzerrte Nachrichten in einen erweiterten Kontext zu setzen.

Die «New York Times» liess ihre Reporter die Rede des US-Präsidenten zur «Lage der Nation» annotieren, mit überprüften Fakten, Hintergründen und Kontext. Ob sie nun von «News Genius» dazu inspiriert wurden oder nicht – für Dan Berger war es ein ermutigender Wink aus den Türmen von der anderen Seite des Flusses.

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