Eine Nanny mit Fotoapparat: Vivian Maiers lang verstecktes Genie

Bei einer Zwangsversteigerung kommen erstmals die Negative des Kindermädchens Vivian Maier ans Licht. In über 100‘000 Aufnahmen dokumentiert sie auf ästhetisch und technisch höchstem Niveau das Strassentreiben im Amerika der 50er und 60er Jahre. Eine Website zeigt ihr schwarz-weisses Meisterwerk.

Schwar-weiss Aufnahme einer Frau in einem weissen Kleid, die über eine im Dunkel liegende Strasse spaziert.

Bildlegende: Ein unbenanntes Foto der amerikanischen Nanny und Fotografin Vivian Maier, Florida, 1957. Keystone, John Maloof Collection

Ihre Fotos sind Milieustudie und eindrucksvoll komponierte Fotokunst zugleich, ihre Geschichte beinah unglaublich: Vivian Maier arbeitete als Kindermädchen in New York und Chicago. Insgeheim aber lebte sie für die Fotografie. Von den 50ern bis in die 90er belichtete sie geschätzte 100'000 Aufnahmen. Mit den Kindern und ihrer Rolleiflex muss sie sehr viel Zeit auf den Strassen verbracht haben, um all die Menschen und Szenerien vor die Linse zu bekommen: Die Lachenden und Tanzenden, verzweifelte und ausgezehrte Gesichter, beschäftigte Menschen und andere, die vertrauensvoll in ihre Kamera schauen.

Das Geheimnis in Kisten und Schachteln

Nur ein Bruchteil ihrer Aufnahmen kamen zu ihrer Lebzeit in die Dunkelkammer und erst nach ihrem Tod ans Licht. Erst 2006, als sie bereits im Sterben lag, ersteigerte der Hobby-Historiker John Maloof eine Kiste mit ihren Negativen. Maloof hoffte auf brauchbares Foto-Material für eine Heimatstudie - und hielt auf einmal viel mehr in der Hand. Auf dem Blog «vivianmaier.com» veröffentlichte er zuerst nur ein paar digitalisierte Negative und fragte die Street-Photographer-Szene, ob «das Zeug was wert sei». Hunderte Reaktionen zeigten, dass er einen wahren Schatz ausgegraben hatte.

Bilder vom Rande der Gesellschaft

John Maloof arbeitete seine Website «vivianmaier.com» immer weiter aus, heute beinhaltet sie über 200 Fotografien der 2009 verstorbenen Amerikanerin, Selbstportraits und Reisebilder, aber vor allem Bilder vom Rande der amerikanischen Nachkriegs-Gesellschaft: Da ist zum Beispiel das Foto eines Bettlers, der seinen Pappbecher mit würdevoller Haltung trägt, beinah ehrwürdig verbeugt. Da sind ausgetretene Schuhe auf dem Pflaster, oder ein Kind, das einen Autoreifen über die Strasse rollt.

Schwarz-weisse Kontraste

Das Portfolio auf «vivianmaier.com» beinhaltet nicht nur intime Aufnahmen aus amerikanischen Seitenstrassen, sondern auch aus gehobenen Schichten: Da trägt eine Frau über ihren vor der Brust verschränkten Armen eine Marder-Stola und eine andere blickt kritisch, fast missbilligend aus einem Cabrio. Auch hier scheint die Fotografin ganz nah an den Menschen zu sein und wahrt doch eine kritische Distanz. Ihre Werke zeigen eine ungeschönte Welt - in wunderschönen Bildern.

Ein hochaufgelöstes Foto-Album

«Vivianmaier.com» ist ein Online-Fotobuch der Extraklasse. Stundenlang und immer wieder kann man sich hier durch das fantastische Foto-Werk klicken und die hoch aufgelösten Bilder betrachten. Es ist eine wahre Freude und wahrscheinlich auch im Sinne der Fotografin, dass ihre Bilder - wenn schon veröffentlicht - hier frei zugänglich sind. Denn Vivian Maiers Werk ist offenbar das einer Frau, die niemals daran dachte, mit ihren Fotos Geld zu verdienen. 

Street Photography muss neu geschrieben werden

Kunsthistoriker, Sammler und Medien zeigen sich allesamt begeistert über das Werk der amerikanischen Hobby-Fotografin und ihre Aufnahmen wurden mittlerweile in vielen Grossstädten der Welt ausgestellt. Die sensationelle Geschichte von Vivian Maier entzückt, der Mythos um ihre Person macht neugierig und vor allem überzeugt ihr fotografisches Auge alle auf den ersten Blick.

Literaturhinweis

John Maloof: Vivian Maier, Street Photographer, Powerhouse Books, 2011.