Google, Amazon und Netflix: Netz-Giganten wollen eigene Inhalte

Mit einem eigenen Literatur-Journal macht der Online-Händler Amazon einen winzigen Schritt in einem riesigen Trend: US-Tech-Giganten wollen bei Inhalten die Kontrolle übernehmen. Weder die TV-, noch die Film- oder die Buchbranche ist sicher vor solchen Expansionsversuchen.

Ein Mann schiebt einen Wagen durch unzählige Bücherregale.

Bildlegende: Ein Lieferzentrum von Amazon: Das Unternehmen bemüht sich, verstärkt eigenen Content zu produzieren. Reuters

In einem Büro in Midtown Manhattan, wo die grossen Verlage ihre Hauptsitze haben, wischt Amy Rhodes auf einem iPhone mit Stirnrunzeln durch die neueste Publikation des Internetgiganten Amazon. «Day One» heisst das digitale Heftchen, ein Literatur-Journal. Für 20 Dollar im Jahr erhalten Abonnenten jede Woche eine neue Ausgabe, jeweils mit einem Gedicht und einer kurzen Geschichte.

«Meiner Meinung nach ist das eine winzige Werbeaktion von Amazon», sagte Amy Rhodes kürzlich im Büro ihrer Beratungsfirma Market Partners, wo sich einige der grössten Verlage Rat holen. «Es ist eine Geste – mehr nicht.»

Die neueste Investition von Amazon in Inhalte hat für einmal nicht wegen seiner Grösse für Schlagzeilen gesorgt, sondern genau im Gegenteil. Doch die winzige Initiative hat einige Wirkung – junge Autoren dürften sich freuen. «Natürlich», sagt Rhodes, «sie werden im heissen neuen Literatur-Journal von Amazon veröffentlicht.»

Content ist immer noch König

Es ist ein winziger Schritt in einem grossen Trend: Die Tech-Giganten, die von der Verbreitung von Büchern, Filmen und journalistischen Inhalten – «Content» wie es mittlerweile heisst – leben, wollen die volle Kontrolle. «Was die Google-Leute und auch alle anderen realisieren, ist, so abgedroschen das klingt: Content ist König», sagt Alvin Lieberman, Direktor des Technologie- und Medienprogrammes der New York University gegenüber SRF Kultur. «Im Wissen, dass Hersteller von Inhalten Lizenzgebühren verlangen, ist es das beste, eigene Inhalte zu verbreiten», sagt Lieberman.

Diesen Herbst zeigte sich, wie ernst die Unternehmen dies meinen: Amazon kündigte an, eine Milliarde Dollar in Inhalte zu investieren, um sein Angebot von Zehntausenden von Filmen und Serien anderer Anbieter mit eigenen Serien aufzustocken. «Alpha House» ist die erste Eigenproduktion und startet noch diesen Monat. Für Käufer des «Prime»-Programms des Händlers ist die Serie kostenlos im Internet verfügbar.

Neue Wege bei Netflix und Google

Netflix, der Online-Videoverleiher, hat nach dem Erfolg des eigenproduzierten Politdramas «House of Cards» seinen Investoren versprochen, das Budget für eigene Inhalte im nächsten Jahr zu verdoppeln. Neu sollen auch eigene Filme produziert werden, einige davon kauft Netflix beim Unterhaltungsspezialisten Disney ein.

Auch Google macht sich in der Industrie breit: Mit seinem Videoarm YouTube hat Google in den vergangenen Jahren ohne grosses Aufsehen zu erregen eine Infrastruktur für Musiker der Zukunft aufgebaut: Damit können sie unabhängig von Verlegern Karrieren starten und mit Werbebeteiligungen Geld verdienen.

Diesen Herbst nun hat Google den Vorhang etwas gelüftet, und seine Bemühen mit einem eigenen Musikpreis gefeiert, dem «YouTube Music Award». Artig bedankten sich die YouTube-Stars bei der Online-Plattform, wie die Superstars von früher es bei MTV taten.

Glaubwürdigkeit und Kontrolle

Die Kontrolle über die Inhalte bringt den Unternehmen die Freiheit, Inhalte zu verbreiten und zu verkaufen wie sie wollen, ohne sich an die Regeln der alten Hersteller halten zu müssen. Das hat sich bei Netflix gezeigt, als der Videoverleiher mit der Serie «House of Cards» einen Superhit landete.

«Mit dieser riesigen Investition hat sich Netflix nicht nur viel Glaubwürdigkeit verschafft», sagt Alvin Lieberman, «sondern auch eine ganz neue Kategorie erschaffen, das ‹Binge TV›». Mit dem Begriff spricht Lieberman die neue Art an, Inhalte zu verbreiten: Alle Folgen der Serie wurden auf einen Schlag veröffentlicht – und können sofort am Stück konsumiert werden.

Kontrolle auf dem Buchmarkt

So viel Kontrolle wünsche sich Amazon im Buchmarkt, sagt Expertin Amy Rhodes. «Wenn man alles von der Produktion der Inhalte bis zur ihrer Verbreitung kontrolliert, hat man ein profitables Geschäft.» Doch hier stiess Amazon auf einigen Widerstand. Buchhändler haben sich jüngst geweigert, von Amazon verlegte Bücher in ihren Buchläden zu verkaufen.

Damit haben sie bisher einen grossen Hit des Online-Händlers verhindert. Denn während Netflix und YouTube ihren Kreativen mehr Freiheit und bessere Konditionen bieten, sei Amazon ohne Platz im Regal von Buchhändlern bei Autoren chancenlos, sagt Rhodes. Ein Literatur-Journal alleine richtet das natürlich nicht. «Aber es klingt gut», sagt Rhodes. Und es zeigt, dass Amazon eine weitere Umwälzung im Büchermarkt noch nicht aufgegeben hat.

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