Google bringt Strassenkunst weg von der Strasse

Für Strassenkunst aus dem Haus gehen? Das war gestern. Denn diese Woche hat Google sein neustes Projekt enthüllt: Das «Street Art Project», eine riesige Online-Sammlung von Street Art aus der ganzen Welt. Auch von solcher, die es gar nicht mehr gibt.

Man sieht Graffiti auf einem Ipad. Die Startseite des «Street Art Projects».

Bildlegende: Auf «Street Art Project» quer durch die bunte Welt der Street Art wischen. istock / Screenshot / Bildmontage

Wenn Google uns plötzlich den morgendlichen Kaffee serviert, wird dies wohl kaum jemanden wundern. Denn: Google ist überall. Und vor allem: Google hat für jeden was zu bieten. Nun sind die Kunstaffinen an der Reihe: Street Art Project heisst der neuste Wurf von Google. Zu sehen ist Street Art aus der ganzen Welt.

Ein virtueller Rundgang durch die Strassen

Die Idee ist simpel: Google stellt kulturellen Institutionen weltweit die «Google Street View»-Technologie zu Verfügung – und erhält im Gegenzug Aufnahmen für das neue Projekt. Über 4000 Kunstwerke hat Google mittlerweile schon online gestellt. Auch solche, die gar nicht mehr existieren.

Man sieht den Tour 13 in Paris auf einem Tablet. Die Wände sind mit Graffitis bemalt.

Bildlegende: Eine virtuelle Hausbesichtung durch den Tour 13 in Paris. istock / Screenshot / Bildmontage

So zeigt Google beispielsweise Aufnahmen vom Tour 13 in Paris, einem Gebäude, dessen Wände fast gänzlich mit Street Art bemalt sind – beziehungsweise waren. Das Gebäude wurde nämlich im April 2014 zerstört. Doch Google war vorher da, filmte und lädt nun zu einem virtuellen Rundgang, der gekonnt der Vergänglichkeit trotzt.

Keine halbe Sache

Googles Anspruch ist kein bescheidener: Google möchte Street Art für «zukünftige Generationen erhalten». Mit diesen Worten wird man auf der Homepage empfangen. Auch rein optisch merkt man schnell, dass hier keine kleinen Brötchen gebacken werden. Das Projekt ist eine Augenweide – und das nicht nur dank der Street Art, sondern auch wegen des Designs.

Auch inhaltlich hat die Plattform einiges zu bieten: Auf einer Karte von Google wird angezeigt, wo wieviel Street Art zu sehen ist. Ein paar Klicks später steht man schon virtuell vor einer Wand in East London und betrachtet ein Werk des Künstlers Phlegm. Oder man ist plötzlich am Strand von Rio de Janeiro, wo einen auf Favela-Wände aufgemalte Augen anschauen – ein Werk des französischen Street Art-Künstlers JR. Google Street View-Nutzer mögen hiervon nur wenig beeindruckt sein – aber das ist erst der Anfang des umfangreichen Angebots.

Blick hinter die Kulissen

Da sind zum Beispiel an Werbeästhetik erinnernde Kurzfilme – über Künstler, wie sie arbeiten, was sie bewegt und vor allem, was sie sich vom Projekt erhoffen. Und auch ein Blick hinter die Kulissen ist dabei: Ein Video-Beitrag zeigt, wie eine Google-Mitarbeiterin ein kleines Gefährt mit einer Google-Kamera durch eine Ausstellung schiebt. Ein Prozedere, das später Aufnahmen für das Projekt liefert.

Google nutzt auch die Gelegenheit, den User einzubinden. In der Unterrubrik «Werden Sie Zeuge» fordert Google auf, eigene Fotos von Street Art zu teilen und sie so «für immer zu bewahren».

Ein Projekt für die Ewigkeit

Die Krönung spart sich Google jedoch für den Schluss auf: Ganze Bilderserien von Künstlern können online angeschaut werden – zum Beispiel von Banksy. Bei dieser Fülle an Kunst könnte man ewig verweilen. Passend bei einem Projekt, das sich auf die Fahne geschrieben hat, Street Art für die Ewigkeit zu erhalten.

Mit dem Street Art Project macht Google Strassenkunst auf dem Sofa zugänglich. Aber bei aller Begeisterung für das Projekt fragt man sich doch, ob Street Art hier richtig aufgehoben ist: Denn gehört sie nicht auf die Strasse? Und liegt es nicht in der Natur dieser Kunst, irgendwann von den Wänden zu verschwinden, ohne vom ewigen Gedächtnis des Internets bewahrt zu werden? Auch wenn diese Fragen beim Betrachten mitschwingen: Man hat einfach nur Lust, weiter durch die virtuellen Strassen zu surfen.