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Neue Studie zu Impfskeptikern im Netz
Aus Wissenschaftsmagazin vom 21.05.2020.
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Impfskepsis und Corona «Impfgegner schüren eine wissenschaftsskeptische Haltung»

In Coronazeiten werden Impfgegner wieder lauter. Eine neue Studie zeigt: Es sind nicht unbedingt viele Menschen, die strikt gegen Impfungen sind, doch sie sind sehr gut vernetzt und erregen so im Netz viel Aufmerksamkeit.

Gegen 100 Millionen Menschen weltweit tauschen sich auf der Plattform Facebook aktiv über Impffragen aus. Die grosse Mehrheit interessiert sich einfach fürs Thema. Daneben gibt es jene, die sich entweder für oder gegen das Impfen einsetzen.

Impfgegner sind besser vernetzt

Wer in diesen beiden Gruppen wie miteinander vernetzt ist, hat Neil Johnson untersucht und kürzlich in der Fachzeitschrift Nature publiziert, Link öffnet in einem neuen Fenster. Johnson ist Spezialist für komplexe Systeme an der George Washington Universität. Sein Fazit: Die Impfgegner – oder -Skeptikerinnen – sind zwar eine Minderheit, aber viel besser vernetzt als die rund doppelt so zahlreichen Befürworter.

Denn: Die Skeptiker sind viel stärker in kleine Communitys aufgeteilt – sie haben eigene Seiten, Gruppen oder Foren mit Akteuren und Fans. Das macht sie auf Facebook gut sichtbar.

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«Zugleich verkaufen sie sich auch gut: Sie machen Videos mit persönlichen Geschichten, vermischt mit wissenschaftlichen Zitaten. Diese Videos sind sehr gut gemacht», sagt Johnson.

Unter anderem deshalb können sich die Impfgegner auch besser als die Befürworter mit der wichtigen Gruppe der rund 70 Millionen Unentschiedenen vernetzen. Von dieser Gruppe erreichen sie rund 50 Millionen.

Impfgegner schüren Wissenschaftsskepsis

Neil Johnson findet das besorgniserregend. Aus gutem Grund: «Vielen geht es nicht nur ums Impfen. Sie schüren eine grundlegend wissenschaftsskeptische Haltung.»

Denn in die Impfkritik der Facebook-Aktivisten fliesse oft auch Misstrauen gegenüber Behörden und Konzernen ein. Oder auch gegen die Klimaforschung.

Genau die Mischung also, wie man sie kürzlich auch in der Schweiz auf Plakaten der Anti-Corona-Demos sah. Mike Deml, Soziologe am Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut in Basel, war etwas schockiert über diese Demonstrationen.

«Ich komme aus den USA. Die dortigen Demonstrationen mit ähnlichem Hintergrund haben mich nicht gross überrascht. Aber so etwas in der Schweiz zu sehen, das erstaunt mich», sagt der Wissenschaftler, der im Nationalen Forschungsprogramm NFP74 zu Impfskepsis in der Schweiz forscht.

Impfskeptiker auch in der Schweiz

«In der Schweiz gibt es eigentlich keine extremen Impfgegner-Bewegungen oder -Gruppen, wie man sie in anderen Ländern sieht», sagt der Soziologe Deml.

Zwar gibt es in der Schweiz impfskeptische Gruppen, die sich im Internet abschotten. Auch hat letztes Jahr eine internationale Befragung gezeigt, dass in der Schweiz gut 20 Prozent der Menschen Impfungen für nicht oder «eher nicht» sicher halten.

Alternativmediziner sind offen fürs Impfen

Doch was die Leute sagen – sei es in Befragungen oder auf Facebook – und was sie wirklich tun, sei nicht unbedingt dasselbe, betont Mike Deml. Wer Impfungen kritisch hinterfragt, lässt sich oder die Kinder am Ende oft trotzdem impfen – auch nach Beratungen durch homöopathische und andere alternativmedizinische Ärztinnen und Ärzte.

Sie stünden zu Unrecht im Ruf, kategorisch Impfskepsis zu verbreiten. Viele würden offen über Risiken und Wirkung von Impfungen informieren, hat Mike Deml festgestellt: «Ich habe eine Reihe von alternativmedizinischen Ärztinnen und Ärzten befragt und war überrascht zu sehen, dass sie nicht kategorisch gegen das Impfen sind, sondern offen für Impfempfehlungen.»

Demonstranten und ein Polizist stehen auf der Strasse. Ein Mann hat ein Schild umgehängt: "He Bill, geits no?!?"
Legende: Gegner der Coronavirus-Massnahmen des Bundes bei einer Demonstration am 9. Mai in Bern. KEYSTONE / PETER KLAUNZER

Impfanteil in der Schweiz nimmt zu

Auch wenn es für die Schweiz eine Herausforderung bleibt, ihre Impfziele etwa bei Masern zu erreichen: Der Anteil der Geimpften bei Kinderkrankheiten nimmt laufend zu, wenn auch nur leicht. Diese Entwicklung werde noch unterstützt durch das hierzulande hohe Vertrauen in die Regierung. Dieses Vertrauen korreliert nämlich mit der Haltung zum Impfen:

«In Ländern, in denen die Bevölkerung den Gesundheitsbehörden, Ärztinnen oder Regierungen wenig traut, lehnt sie auch die von ihnen lancierten Impfprogramme eher ab», weiss der Soziologe.

Wissenschaftsskepsis – nicht in der Schweiz

In der Schweiz lehnen laut Experten nur um die drei Prozent der Menschen das Impfen kategorisch ab. Wie die aktuelle Studie in Nature zeigt, verschaffen sich solche oft generell wissenschaftsskeptischen Gruppen zumindest im Internet viel Aufmerksamkeit.

Ob diese Gruppierungen in Zeiten von Corona mehr Zuwachs finden werden, ist offen. In der Schweiz, so scheint es, ist das Potenzial eher klein.

Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 16.5.2020, 12.35 Uhr

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112 Kommentare

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  • Kommentar von Maligan Jury  (jury maligan)
    Es gibt sicher Impfungen, die wichtig sind z.B. Tollwut oder Starrkrampf. Aber es gibt viele andere, von welchen man weiss, dass sie nur wenig wirksam sein können oder Nebenwirkungen erzeugen. (Grippeimpfungen sollen zw. 30 und 75% wirken) Selber erlebt: Grippe geimpft und trotzdem Grippe bekommen. Der Arzt meinte, das BAG habe in dem Jahr den falschen Impfstoff empohlen. Seither impfe ich sicher nicht mehr gegen Grippe.
    Die öffentliche Diskussion darüber vermisse ich auf SRF.
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  • Kommentar von David Brunner  (dbw)
    Bin kein Wissenschaftsskeptiker. Allzu vieles wird jedoch missbräuchlich mit angeblicher Wissenschaftlichkeit begründet. Vieles, was als wissenschaftlich dargestellt wird, hält keiner Prüfung stand. Und auch wenn etwas wissenschaftlich erwiesen und technisch möglich ist, heisst das noch lange nicht, dass daraus irgend eine Logik für die Aufhebung von Grundrechten, Freiheit und Selbstbestimmung, für Zensur und eine totalitäre Herrschaft über Mensch, Privat- und Sozialleben abzuleiten wäre.
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    1. Antwort von Andreas Dante  (Marwin Darx)
      Lieber Herr Brunner, können Sie uns konkrete Beispiele nennen? Das Schöne an unserem funktionierenden Rechtsstaat ist ja, dass man gegen die eigenen Behörden klagen kann (wie es auch jetzt immer wieder der Fall war). Ein totalitärer Staat sieht wirklich anders aus und sowas zu hören, ist wahrscheinlich Hohn für Überlebende von solchen Regimen (DDR, China, Russland).
      Plus, wo wurde mit "angeblicher Wissenschaft" Missbrauch betrieben? Ich helfe Ihnen Klage einzureichen, brauche aber mehr Info.
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    2. Antwort von David Brunner  (dbw)
      An Andreas Dante, wer "uns", aber ok:
      - Begründung mit Wissenschaftlichkeit, ohne die Nachweise offenzulegen. Ein einhelliges Manifest von gleichgesinnten Wissenschaftern ist kein Ersatz.
      - Verdrehung der Beweislast. Logisch wäre, dass jemand belegen muss, warum etwas ist, wie er behauptet, und nicht umgekehrt.
      - die Frage nach der Verhältnismässigkeit der Corona-Massnahmen wurde auf FB SRF News zensiert
      - willkürliche Verhaftungen auf dem Zürcher Sechseleute-Platz markieren den Polizeistaat
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  • Kommentar von David Brunner  (dbw)
    An Shane O'Neill, wenn ich ein Impfgegner wäre, dann würde ich ein Impfverbot fordern. Ich wehre mich eine mit Polizei oder gar mit Militärgewalt durchgesetzte Zwangsimpfung, wie sie bspw. in Dänemark bereits per Gesetz vorgesehen. Ein derartiger Übergriff auf die persönliche Integrität werte ich für mich als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
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    1. Antwort von Shane O'Neill  (Diddleydoo)
      Aber wer redet davon?

      Ich stelle Fest, dass Sie gegen etwas kämpfen was gar nicht erst diskutiert wird, ausser von Leute die es nicht gut fänden.

      Ist es dann auch ein Übergriff auf die Persönliche Integrität, dass der Bund darüber entscheidet wo die Grenzwerte für Lebensmittel für unterschiedliche Insektizide sind?
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