Zahltag, wenn das Wetter spinnt

Das Wetter macht fast täglich Schlagzeilen: Ernteausfall in der Landwirtschaft, Verluste bei Bergbahnen, Berge von überschüssigem Strassensalz… Während man früher Schulter zuckend sein Schicksal akzeptierte, kann man sich heute Entschädigungen für „Schlechtwetter“ kaufen, so genannte Wetterderivate.

Überschwemmte Felder

Bildlegende: Hochwasser im Mai 2015 SRF Augenzeuge H.-J. Baum

Was ist ein Wetterderivat?

In der Wirtschaft werden Derivate an der Börse gehandelt und dienen dem Transfer von Risiken. Mit einem Derivat spekuliert man darauf, ob der Preis eines Produkts in Zukunft steigen oder fallen wird. Wetterderivate werden vorwiegend abseits der Börse von spezialisierten Firmen angeboten.

Schneekanone auf spärlicher Schneeunterlage

Bildlegende: Schneemangel in tiefer gelegenen Skigebieten SRF Augenzeuge M. Meyer

Sie decken (normale) Schwankungen im Wetterverlauf ab, die nicht als Unwetter versichert werden können. Als Basis wird zum Beispiel ein Durchschnittswert der Temperatur, des Niederschlags oder auch der Sonnenscheindauer an einem Standort festgelegt. Verhält sich das Wetter entgegen den Erwartungen, fliesst Geld. Eine Bergbahn könnte sich zum Beispiel mit einem Wetterzertifikat gegen einen schneearmen Winter absichern. Es wird eine Schneemenge abgemacht, die mindestens fallen muss, ansonsten erhält die Bergbahn eine Zahlung.

Wer hats erfunden?

Es erstaunt wenig, Wetterderivate tauchten erstmals auf dem US-amerikanischen Markt auf. Eine Energie-Firma wollte sich gegen Verluste absichern, weil zu hohe Temperaturen erwartet wurden. Dies im Zusammenhang mit dem El Niño-Phänomen, das besonders in Amerika, aber auch global zu aussergewöhnlichem Wetter führen kann.

Rote Linie auf einem schwarzen Bildschirm

Bildlegende: Selten werden Wetterderivate auch an der Börse gehandelt REUTERS

In Europa tauchten die Wetterderivate erst nach der Jahrtausendwende auf. Die Nachfrage ist zwar steigend, der grosse Durchbruch steht noch aus. Gemäss Schätzungen sind rund 80 Prozent aller Unternehmen direkt oder indirekt wetterabhängig, die Höhe des wirtschaftlichen Einflusses des Wetters lässt sich jedoch nur sehr schwierig abschätzen.

Kein Thema bei uns

Die Nachfrage in der Schweiz nach Wetterderivaten ist gering. Sowohl beim Schweizerischen Bauernverband wie auch beim Tourismusverband sind sie kaum ein Thema. Einzelne Bergregionen nutzen massgeschneiderte Angebote und lassen sich zum Beispiel gegen fehlenden Sonnenschein versichern. Schlagzeilen machte 2009 das Rapperswiler Seenachtsfest. Es hatte sich ein Regentag-Zertifikat des Anbieters «CelsiusPro» gekauft und wurde wegen Dauerregens mit über 100‘000 Franken entschädigt.

Einen Markt gäbe es vor allem bei Energieunternehmen, die den Wetterschwankungen besonders ausgesetzt sind. Die bevorstehende Liberalisierung des Strommarktes und eine Zunahme an alternativen Energien könnte die Situation verändern. Rückversicherer gehen davon aus, dass wegen des Klimawandels die Nachfrage für längerfristige Absicherungen wachsen wird.