Reaktion auf Anschlag Ägypten fliegt Angriff in Libyen

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Anschlag auf Christen in Ägypten

1:20 min, aus Tagesschau vom 27.5.2017

  • Die ägyptische Luftwaffe hat ein Ziel in seinem Nachbarland Libyen angegriffen.
  • Laut Angaben ägyptischer Behörden soll es sich um ein Ausbildungslager von militanten Islamisten gehandelt haben.
  • An den ägyptischen Angriffen beteiligte sich nach eigenen Angaben auch die Luftwaffe der Nationalen Libyschen Armee.
  • Ägypten übte mit dem Angriff Vergeltung für einen tödlichen Anschlag auf einen Bus mit koptischen Christen.
  • Für den Anschlag auf die koptischen Christen übernahm der IS die Verantwortung.

Die ägyptischen Streitkräfte haben die Angriffe ihrer Luftwaffe auf Lager von Extremisten im benachbarten Bürgerkriegsland Libyen als Erfolg bezeichnet. Alle bombardierten Ziele seien vollständig zerstört worden, teilte ein Militärsprecher mit. In den bombardierten Gebieten seien Terroristen ausgebildet worden, die an dem Attentat beteiligt gewesen seien, erklärte der Armeesprecher weiter.

Das ägyptische Staatsfernsehen berichtete, die Luftwaffe habe sechs Ausbildungslager von Extremisten in der libyschen Küstenstadt Derna angegriffen. Präsident al-Sisi sagte in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache an die Bevölkerung, sein Land werde nicht zögern, weitere «Terroristencamps» anzugreifen.

Haftars Luftwaffe beteiligt sich an Angriffen

An den ägyptischen Angriffen beteiligte sich nach eigenen Angaben auch die Luftwaffe der Nationalen Libyschen Armee von Militärmachthaber Chalifa Haftar, der eine wichtige Grösse in den libyschen Auseinandersetzungen darstellt. Sie habe zusammen mit Ägypten in Derna eine «gemeinsame Operation» durchgeführt, erklärte Haftars Luftwaffe laut der Nachrichtenagentur Lana.

Haftar rivalisiert mit der von der UNO unterstützten Einheitsregierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch in Tripolis und unterstützt die Gegenregierung in Bengasi.

Angriff auf Bus fordert 29 Tote

Die libysche Einheitsregierung kritisierte die Luftangriffe als Verletzung ihrer staatlichen Souveränität. Dafür gebe es «keine Rechtfertigung», erklärte sie.

Bei dem Anschlag am Freitag hatten etwa zehn bewaffnete Männer einen Tag vor Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan nahe Al-Minja einen Bus mit Christen angegriffen, die auf dem Weg in ein Kloster waren. 29 Menschen starben, unter ihnen viele Kinder. Der Anschlag wurde international scharf verurteilt.

Die IS-Terrormiliz beanspruchte inzwischen den Anschlag mit 29 Toten für sich. «Soldaten des Kalifats» hätten den Christen einen Hinterhalt gestellt, teilte die Terrorgruppe am Samstag mit. Die Echtheit der Erklärung konnte nicht überprüft werden. Sie wurde aber über die üblichen IS-Kanäle im Internet verbreitet.

Einschätzung von SRF-Korrespondent Pascal Weber

Libyen ist ein riesiges Problem, gerade auch für Ägypten. Islamisten jeglicher Couleur versuchen sich das Chaos in Libyen für ihre eigenen Ziele zunutze zu machen. Genauso ist dieser rasche Vergeltungsschlag aber auch der Versuch Ägyptens, vom eigenen Unvermögen abzulenken. Ägypten kann die Minderheit der Kopten im Land nicht genügend schützen und die Dschihadisten im Land nicht genügend bekämpfen.

Der IS versucht, Staaten und Gewalten durch permanente Gewaltakte zu zermürben und die staatliche Ordnung zu zerstören. Und wenn das Chaos Überhand nimmt, bietet sich der IS als Alternative an und übernimmt die Macht. So ist der IS im Irak und in Syrien vorgegangen, so versuchte er in Libyen vorzugehen – und so versucht er nun, in Ägypten vorzugehen.

Angriffe auf Kopten

Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi durch das Militär im Sommer 2013 hat Ägypten zahlreiche Anschläge erlebt. Mehrfach wurden Christen zum Ziel. Der IS hat den Kopten den Kampf angesagt, weil sie den Sturz von Mursi unterstützt haben sollen. Die Christen machen rund zehn Prozent der mehr als 90 Millionen Ägypter aus.