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International «Afrikaner dienten als Kanonenfutter»

Frankreich erinnert mit einer Gedenkfeier in Toulon an die Landung der alliierten Truppen in der Provence vor 70 Jahren. Neben Präsident François Hollande werden auch die Staatschefs zahlreicher afrikanischer Staaten anwesend sein. Mit gutem Grund.

Ein Mann steht zwischen Reihen von Grabsteinen in einer wüstenartigen Landschaft.
Legende: Ein Soldatenfriedhof aus dem 2. Weltkrieg in Nordafrika. Reuters/Symbolbild

SRF: Was war die Aufgabe der Soldaten aus den Kolonien im 2. Weltkrieg?

Karl Rössel: In vielen Fällen waren sie das Kanonenfutter. Sie wurden sehr hastig und oft mit Zwang rekrutiert. Französische Offiziere fuhren mit einem Militärarzt in die Dörfer der Kolonien. Die Dorf-Chefs mussten die jungen Leute antreten lassen. Nach einem kurzen Check durch den Arzt wurden sie auf Lastwagen verladen und per Schiff nach Europa gebracht. Oft konnten sie sich nicht einmal mehr von ihren Familien verabschieden.

Nach nur ein paar Tagen Ausbildung standen die afrikanischen Soldaten bereits an der Front. Sie wurden schlechter bezahlt, schlechter untergebracht und schlechter verpflegt als ihre europäischen Kollegen – ging es hingegen darum, deutsche Stellungen einzunehmen, mussten sie in der ersten Reihe kämpfen.

Was haben sich denn die Kolonien von einem Einsatz ihrer Soldaten auf der Seite der Alliierten erhofft?

Sie forderten von den Alliierten, dass ihnen – wenn sie für die Befreiung Europas ihr Leben einsetzen – im Gegenzug nach dem Ende des 2. Weltkrieges auch Freiheit und Unabhängigkeit gewährt wird. Erfüllt wurde dieser Wunsch allerdings nicht. Bereits während des 1. Weltkriegs hatten Hundertausende afrikanische Soldaten an der Seite der Kolonialmächte gekämpft und sich erhofft, danach mit den Franzosen gleichgestellt zu werden. Vergebens.

Weshalb ist bis heute praktisch nichts bekannt über die Leistung und das Leiden der afrikanischen Soldaten im Dienste der Kolonialmächte?

Die Kolonialmächte hatten kein besonderes Interesse daran, die Geschichte der afrikanischen Soldaten zu erzählen. Denn ansonsten hätten sie die ehemaligen Soldaten aus Afrika gleich behandeln müssen wie die europäischen: gleicher Lohn und gleiche Rente. Das trifft für die allerwenigsten Fälle zu. Grossbritannien bezahlte grundsätzlich keine Pensionen an Soldaten aus den Kolonien. Und Frankreich bezahlte von Anfang an viel kleinere Pensionen an afrikanische Soldaten. Es gab keine Witwenrenten und kaum Invalidenrenten.

Als die afrikanischen Länder schliesslich unabhängig wurden, fror ausgerechnet der damalige Präsident Frankreichs, Charles de Gaulle, alle Renten der afrikanischen Veteranen ein. Die Länder seien nun unabhängig, und deshalb seien die eigenen Regierungen für die Versorgung der ehemaligen Soldaten verantwortlich, argumentierte er.

Heute Freitag sind auch afrikanische Staatschefs an der Gedenkfeier in Toulon eingeladen. Beruhigen Frankreich und die Alliierten so ihr schlechtes Gewissen?

Als wir vor 15 Jahren mit unseren Recherchen anfingen, sagte mir ein Veteran in der malischen Hauptstadt Bamako, dass Frankreich sich so lange weigern wird, gleiche Renten für afrikanische Soldaten aus dem 2. Weltkrieg zu bezahlen, bis keiner mehr da ist. Es hat tatsächlich sowohl in Frankreich als auch in Grossbritannien 50 bis 60 Jahre gedauert, bis überhaupt zum ersten Mal Afrikaner zu den Gedenkfeiern für das Ende des 2. Weltkriegs eingeladen wurden.

Die Einladung afrikanischer Staatschef für die Gedenkfeier in Toulon ist eine späte Schau, die Frankreich wenig kostet.
Autor: Karl RösselJournalist

In den 1990er Jahren klagten über 100 senegalesische Veteranen vor sämtlichen französischen Instanzen für Gleichbehandlung. Der Oberste französische Gerichtshof, das Europäische Gericht und die Menschenrechtskommission der UNO in Genf gaben ihnen Recht. Doch die französische Regierung weigerte sich dennoch, ihnen die gleiche Pension zu bezahlen.

Wenn nun heute Freitag ein paar afrikanische Staatschefs an der Gedenkfeier in Toulon teilnehmen, dann ist das eine späte Schau, die Frankreich wenig kostet. Es ist keine Anerkennung.

Das Gespräch führte Eliane Leiser.

Zur Person

Karl Rössel befasst sich seit 1996 mit Recherchen über «Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg». Die Ergebnisse veröffentlichte der deutsche Journalist 2005 im Buch «Unsere Opfer zählen nicht» und 2008 in Form von Unterrichtsmaterial.

12 Kommentare

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  • Kommentar von Sascha Freitag, Thurgau
    Mein Grossvater musste als Franzose als Kanonenfutter bei den Deutschen in vorderster Reihe kämpfen. Von denen hat er auch keine Rente bekommen. Er war aber eher froh, dass er das überhaupt überlebt hat, er wurde von den Russen fest genommen. Dort sind dann die meisten seiner Landsleute in den russischen KZ's gestorben. Die deutschen KZ's, (nicht Vernichtungslager!), waren wohl nichts im Vergleich dagegen, denn dort musste nicht im Stehen geschlafen werden, und es gab auch Essen.
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Aber dafür haben die Deutschen Menschen & Kinder aus Polen, Frankreich & der Ukraine nach Deutschland geschafft, wo sie als Zwangsarbeiter für die reiche Elite, hohe Militär-Angehörige, Bauern usw. arbeiten mussten & teilweise wie Vieh gehalten wurden. Wollten sie fliegen, landeten sie in den übelsten Gestapo-Gefängnissen, wo keiner mehr lebend heraus gekommen ist, weil Folterungen zur Tagesordnung gehörten.Traurige Tatsache ist, dass es Gräueltaten überall gegeben hat.
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    2. Antwort von marco meier, aarau
      Das ist schrecklich Hr. Freitag, tut mir leid für alle die dieses Schicksal teilen mussten. Der Unterschied ist aber, dass Frankreich weder vor, noch nach dem Krieg eine deutsche Kolonie war und ausgebeutet wurde. Ist nicht die gleiche Ausgangslage...
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  • Kommentar von marco meier, aarau
    "Es ist keine Anerkennung." Richig! Es ist eine unerhörte und bodenlose Frechheit und an Arroganz und Rassimus kaum noch zu überbieten!!! Unglaublich, dass sich die französische Regierung einfach über diese Instanzen hinweg setzten konnte! Wo waren da die UNO-Sanktionen? Ich kann nicht verstehen, dass dann afrikanische Staatschefs noch an der Feier teilnehmen. Sie würden besser den Nachkommen helfen, die Renten nochmals ein zu klagen und zwar mit Zinseszinsen!
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  • Kommentar von O. Toneatti, Bern
    Soldaten sind immer Kanonenfutter. Da spielt ihr Land und ihre Herkunft keine Rolle. Entweder müssen sie, die ja meistens wenig oder nichts besitzen, eine korrupte Gesellschaft oder dann zumindest die reichen Geldsäcke ihres Landes verteidigen. Das trifft auf alle Länder zu, auch auf die Schweiz. S'isch immer scho so gsi.
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    1. Antwort von D. Joos, St. Gallen
      Das so zu drehen als hätte es hier nichts mit Rassismus zu tun, ist sehr blauäugig. Klar, Soldaten sind immer Kanonenfutter, aber hier in diesem Fall wurden absolut gezielt die Schwarzen dazu verwendet und ausgebeutet. Man sollte sowas einfach auch mal akzeptieren und nicht immer versuchen schön zu reden. Was in den Kolonien geschah war generell absolut scheusslich und das alles hallt bis heute an. Ob man es nun wahrhaben will, oder nicht.
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