Amnesty wirft Boko Haram Kriegsverbrechen vor

Die Menschenrechtsorganisation wirft Boko Haram bei ihrem Angriff auf die Stadt Baga Kriegsverbrechen vor. Die islamistische Terrorgruppe soll bei ihrer letzten Offensive fast 4000 Gebäude zerstört und Hunderte Menschen getötet haben.

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Neues Ausmass an Brutalität in Nigeria

1:44 min, aus Tagesschau vom 15.1.2015

Amnesty International hat der Islamistengruppe Boko Haram schwere Verbrechen während eines blutigen Angriffs auf die Stadt Baga im Nordosten von Nigeria vorgeworfen. Die Menschenrechtsorganisation beruft sich dabei auf Zeugenaussagen.

Boko Haram hatte am 3. Januar Baga und umliegende Ortschaften angegriffen und nach Einschätzung von Amnesty mehrere hundert Menschen ermordet. Die Organisation sprach von der «grössten und zerstörerischsten Attacke», die Boko Haram je ausgeführt habe.

Die vorsätzlichen Tötungen von Zivilisten und die Zerstörung ihres Eigentums seien «Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und verlangen eine Untersuchung», erklärte Amnesty. Boko Haram will in Teilen des Landes ein Kalifat errichten. Der Angriff vom Januar galt offenbar zivilen Selbstverteidigungsmilizen, die das Militär im Kampf gegen die Gruppe unterstützen.

«Schwangere Frau bei Entbindung erschossen»

Amnesty International veröffentlichte mehrere Zeugenaussagen, die das brutale Vorgehen der Kämpfer dokumentieren. Ein Bewohner berichtete, dass eine Schwangere erschossen wurde, als sie gerade ihr Kind zur Welt brachte. «Das Baby, ein Junge, war schon halb geboren», sagte er, «in dieser Position ist sie gestorben». Auch seien viele Kinder von den Kämpfern getötet worden.

Ein rund 50-jähriger Zeuge sagte, er habe allein in Baga hundert Tote gesehen. «Ich bin in den Busch gerannt», erzählte er Amnesty. «Und während wir rannten, haben sie weiter geschossen und gemordet.» Ein anderer Bewohner versteckte sich erst drei Tage lang, dann floh er fünf Kilometer durch den Busch. Überall hätten Leichen gelegen, sagte er. Die Namen der Zeugen nannte Amnesty nicht.

«Nicht alle ‹kleinen Angriffe› schaffen es in die Nachrichten»

Adrian Kriesch, Korrespondent der «Deutschen Welle» in Nigeria, bestätigt die Ereignisse in Baga. Dort soll Boko Haram über Tage hinweg eine Militärbasis angegriffen haben, bis die Soldaten die Flucht ergriffen: «Danach hat sich die Terrorgruppe wohl an der Zivilbevölkerung ausgelassen.»

Ein Angriff von verstörender Brutalität also, die in diesem extremen Ausmass neu ist? Kriesch relativiert: «Die Überfälle sind schon seit geraumer Zeit überaus brutal.» Allerdings lasse sich neuerdings eine starke Häufung feststellen. «Doch nicht alle ‹kleinen Angriffe› schaffen es in die Nachrichten. Aber auch sie fordern extrem viele Opfer.»

Erschreckenderweise sei auch Anteilnahme im Land, etwa in der Metropole Lagos an der Küste, überschaubar. «Die täglichen Meldungen gehören für viele fast schon zum Alltag. Wenn man sich die Grösse dieses Landes ansieht, sind die Proteste sehr gering.»

Satellitenaufnahme, welche die Zerstörung zeigt

Bildlegende: Das Satellitenbild zeigt das Ausmass der Zerstörung nach dem Angriff von Boko Haram. Amnesty

Satellitenbilder veröffentlicht

Amnesty veröffentlichte auch mehrere Satellitenbilder, bei denen es sich um Aufnahmen von Baga und Umgebung handeln soll. Die Organisation schätzt, dass im Zuge der Angriffe mehr als 3700 Gebäude beschädigt oder komplett zerstört wurden. Örtliche Vertreter hatten bereits erklärt, dass Baga sowie mindestens 16 umliegende Siedlungen zerstört und 20'000 Menschen zur Flucht gezwungen worden seien.

Das Wüten der Boko Haram genau zu dokumentieren, ist indes schwer. Dies habe, so Kriesch, auch mit dem besonderen Vorgehen der Terrorgruppe zu tun: «Zuerst zerstören sie für gewöhnlich die Mobilfunkmasten.» Es blieben oft nur Überlebende als unmittelbare Informationsquelle. Einfach hinzufahren, und die Lage vor Ort zu begutachten, sei zu gefährlich.

In Nigeria finden Mitte Februar Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Die Welle der Gewalt durch Boko Haram wird auch als Versuch gewertet, diese Wahlen zu gefährden.

Boko-Haram-Angriff abgewehrt

Nigerias Armee hat einen Vorstoss der Terrormiliz Boko Haram im Nordosten des Landes abgewehrt. Dabei seien am Donnerstag 42 Kämpfer der Gruppe getötet worden. 15 der Getöteten stammten aus dem Nachbarland Tschad, erklärte ein nigerianischer Sprecher. Der Tschad will Truppen nach Kamerun senden, wo Boko Haram jüngst wiederholt angegriffen hatte.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Nigerianische Regierung gegen Terror von «Boko Haram»

    Aus Tagesschau vom 9.1.2015

    Zum Auftakt des Präsidentschaftswahlkampfs in Nigeria verbreitet die islamistische Terrorgrupppe «Boko Haram» weiter Angst und Schrecken. Sechzehn Ortschaften sollen in den letzten Tagen niedergebrannt worden sein, hunderte Menschen getötet. Nun will die Armee das Gebiet zurück erobern.