Attentat heizt Konflikt um Tempelberg weiter an

Nach einem Attentat auf einen jüdischen Aktivisten ist es in Jerusalem zu Ausschreitungen gekommen. Israelische Sicherheitskräfte haben einen Palästinenser erschossen. Politiker beider Seiten warnen vor einer weiteren Eskalation.

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Tempelberg wieder geöffnet

1:23 min, aus Tagesschau am Mittag vom 31.10.2014

Das Attentat auf einen radikalen jüdischen Aktivisten in Jerusalem hat den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern weiter angeheizt. Im Stadtteil Abu Tor warfen Palästinenser Steine und Feuerwerkskörper auf Polizisten.

Vermummte auf einer Strasse. Dahinter brennende Reifen.

Bildlegende: Die Polizei und Demonstranten lieferten sich im arabischen Osten Jerusalems heftige Ausschreitungen. Keystone

Radikale Juden versuchten, den Tempelberg zu stürmen, den die israelischen Sicherheitskräfte erstmals seit Jahren wieder für die Öffentlichkeit gesperrt hatten. Erst Stunden später wurde der Zugang wieder geöffnet.

Auslöser der neuen Spannungen ist ein Attentat vom Mittwoch, als der religiös-radikale Rabbiner Jehuda Glick niedergeschossen und schwer verletzt wurde. Nur Stunden nach dem Attentat tötete die israelische Polizei den mutmasslichen Täter, einen Palästinenser.

Glick gehört zu einer kleinen Minderheit in Israel, die die Muslime vom Tempelberg vertreiben und dort einen neuen jüdischen Tempel errichten will. Die grosse Mehrheit der Juden lehnt dies ab und zieht es vor, an der Klagemauer unterhalb des Tempelberges zu beten.

«Die Flammen löschen»

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, er habe Massnahmen angeordnet, um die Sicherheit in Jerusalem und den Status Quo der heiligen Stätten aufrecht zu erhalten. Zunächst sei es nötig «die Flammen zu löschen», sagte Netanjahu. «Keine Seite sollte das Recht selbst in die Hand nehmen.»

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bezeichnete das Verhalten Israels als «Kriegserklärung». Sein Mediensprecher sagte der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa, die Schliessung des Tempelberges werde zu noch mehr Spannungen und einer «negativen und gefährlichen Atmosphäre» führen.

Attentäter auf Motorrad geflüchtet

Glicks Gesundheitszustand ist Ärzten zufolge stabil. Vor den Schüssen soll ihn der Attentäter mit einem arabischen Akzent angesprochen haben. Der Mann floh auf einem Motorrad.

Ein israelischer Sicherheitsbeamter sagte, am Haus des erschossenen Palästinensers sei ein Motorrad geparkt gewesen. Man habe auch eine Waffe gefunden. Medienberichten zufolge soll der Mann im Restaurant des Gebäudes gearbeitet haben, vor dem auf Glick geschossen wurde.

Der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon gab Palästinenserpräsident Abbas eine Mitschuld am Attentat. Er verbreite Lügen über das Recht der Juden, in Israel zu leben und ihre Religion auszuüben, sagte Jaalon in einer Mitteilung. Abbas hatte Mitte Oktober dazu aufgefordert, jüdische Siedler mit allen Mitteln am Zugang zum Tempelberg zu hindern.

UNO kritisiert Siedlungsbau

Die UNO hat den israelischen Siedlungsbau und die Besatzungspolitik erneut scharf kritisiert. Die Zwangsräumung und der Abriss palästinensischer Häuser im Westjordanland und im arabischen Ost-Jerusalem verstosse gegen das Völkerrecht. Seit der letzten Überprüfung durch die Menschenrechtskommission hätten sich die jüdischen Siedlungen verdoppelt.