Auch China hat ein Dschihad-Problem

Die Provinz Xinjiang wird immer wieder von blutigen Anschlägen erschüttert. Häufig sind es turkstämmige Islamisten, die einen heiligen Krieg führen. Hat China sie durch seine Ansiedelungspolitik und seinen Umgang mit kulturellen Minderheiten in den Fundamentalismus getrieben?

Ein Lastwagen voll bewaffneter Polizisten

Bildlegende: Bewaffnete paramilitärische Polizisten werden als Bekämpfer des Terrorismus eingesetzt. Keystone/Archiv

Kürzlich sind in der laufenden Anti-Terror-Kampagne in der nordwestchinesischen Region Xinjiang 113 Angeklagte zu teils hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Ihnen werden terroristische Aktivitäten oder andere Verbrechen im Zusammenhang damit vorgeworfen.

Ausgangspunkt der andauernden blutigen Unruhen in der Region Xinjiang sei 2009 ein ethnisch motivierter Arbeitskonflikt in Urumchi gewesen, sagt SRF-Asien-Mitarbeiter Peter Achten. Chinesische Wanderarbeiter hätten Uigurische Wanderarbeiter angegriffen. Dabei seien auch Menschen ums Leben gekommen. In der Folge entzündete sich der ethnischer Konflikt in Xinjiang, den Stammlanden der turkstämmigen Uiguren.

Kulturelle Selbstgerechtigkeit der Chinesen

In Xinjiang lebten zur Zeit der Gründung der Chinesischen Republik 1912 über 60 Prozent Uiguren. Heute sind es nur noch 42 Prozent, wie Achten sagt. «Viele Han-chinesische Soldaten sind nach Xinjiang gezogen, weil sie vom Staat dort Land bekommen haben», sagt Achten. «Die ethnischen Verschiebungen sind die Folge der chinesischen Siedlungspolitik.»

Diese Siedlungspolitik hat sich auch aus dem kulturellen Bewusstsein der Chinesen ergeben. Die Han-Chinesen hätten ein kulturelles Überlegenheitsbewusstsein, das mit dem der europäischen Imperialisten des 19. Jahrhunderts vergleichbar ist, sagt Achten. «Chinesinnen und Chinesen sind felsenfest davon überzeugt, im Besitze der besten, der höchsten und der perfektesten Kultur zu sein», und diese beste aller Zivilisationen wollten sie auch den nationalen Minderheiten, den Uiguren, den Mongolen, den Tibetern und 15 weiteren Ethnien, bringen, «beziehungsweise aufzwingen», wie Achten sagt.

Religiöser Fundamentalismus wächst

Doch das Gebaren mit der kulturellen Überlegenheit kommt bei den Minderheiten nicht gut an. Obwohl auch die Uiguren vom wirtschaftlichen Aufschwung in Xinjiang profitiert haben und sie religiös nicht direkt benachteiligt sind, schwelt der Konflikt. «Die Moscheen werden überwacht. Seit gut einem Jahrzehnt wird der religiöse Fundamentalismus immer stärker.»

«Die islamische Partei von Turkistan führt nun einen heiligen Krieg», sagt Achten. Der Krieg wird unter anderem mit blutigen Anschlägen geführt. Nach Erkenntnissen des chinesischen und des amerikanischen Geheimdienstes hat die Organisation ihren Hauptsitz in Waziristan – im von Taliban beherrschten pakistanischen Grenzgebiet. Auch sei die Partei stark mit anderen Islamisten vernetzt. «Sie pflegen Kontakte zu Gruppierungen in Pakistan, Afghanistan, Usbekistan, ja sogar in Syrien.»

China bekämpft den Terrorismus

In der sogenannten Shanghai-Organisation versucht nun China zusammen mit den Zentralasiatischen Staaten und mit Russland den Terror zu bekämpfen. Und im Rahmen des internen Anti-Terrorprogramms hat China zehntausende Funktionäre nach Xinjiang geschickt. «Das Problem ist, dass die Leute diesen Beamten misstrauen, weil sie Chinesen sind», sagt Achten. «Auch die Bewohner werden zur aktiven Mithilfe aufgefordert, es werden Prämien ausgesetzt.» Bereits seien mehrere Terroristengruppen ausgehoben worden.

Doch China will den Terrorismus auch landesweit bekämpfen, sagt Achten: «In Peking sorgen 880‘000 Freiwillige, das sind vor allem Rentner, Tag und Nacht dafür, dass jeder, der etwas auffällt, der Polizei zugeführt wird.»