Aufbruchstimmung in Griechenland

Bei Griechenland denkt man in der Regel an die Wirtschaftskrise und ein Heer von Arbeitslosen. Doch das Land kann auch anders: Immer mehr junge, gut ausgebildete Griechen gründen ihre eigenen Start-up-Unternehmen.

Finanzkrise, Rekordarbeitslosigkeit, Aufstieg der Rechtsextremisten und ein beispielloser Einbruch des Bruttoinlandprodukts um 25 Prozent in nur vier Jahren: Griechenland ist in letzter Zeit in erster Linie durch Negativschlagzeilen aufgefallen.

Doch die Krise wirkt auch als Katalysator: Junge, gut ausgebildete Griechen gründen kleine Unternehmen, die mit innovativen Ideen an den Markt gehen. Beobachter sprechen von einem Paradigmenwechsel im griechischen Unternehmertum.

Radiomacher porträtieren Jungfirmen

Jeden Sonntag läuft beim griechischen Privatsender Mojo-Radio ein Magazin, das der örtlichen Gründerszene gewidmet ist. Einer der Macher ist Yiannis Kanellopoulos. Eigentlich arbeitet der promovierte Informatiker als Technologieberater in einer Softwarefirma. Die Radiosendung betreut er in seiner Freizeit – aus Überzeugung.

Ein Mann geht an einem Schild vorbei, auf dem steht "we are all greeks", "wir sind alle Griechen".

Bildlegende: Folge der Krise: Junge Griechen setzen alles auf eine Karte und gründen ein eigenes Unternehmen. Reuters

«Wir sind es leid, nur Negatives zu hören. Klar, es gibt immens viele Probleme in Griechenland. Aber es gibt auch Leute, die einen Neuanfang wagen», sagt er. «Sie haben eine gute Idee, sie gehen Risiken ein.»

Neben den Diskussionen um Arbeitslosigkeit und Neonazis, die natürlich auch nötig seien, wollten er und sein Team mit dieser Sendung «einfach mal den Blick auf das Positive richten».

Die Sendung «why not» («warum nicht») porträtiert jede Woche ein anderes Start-up-Unternehmen. Sie befragt die Gründer nach ihrer Inspiration, ihrer Motivation, nach ihren Hindernissen und ersten Erfolgen. Etwa 1200 Start-ups sind seit 2010 in Griechenland entstanden. Rund 300 von ihnen sind im Technologiesektor angesiedelt.

Gebildete junge Leute sind ins Ausland

Eine davon ist «Offerial». In einem modern eingerichteten, lichtdurchfluteten Raum arbeitet eine Handvoll Leute für das Start-up. Firmengründer Akis Laopodis hat sein Business 2012 gestartet – mitten in der Krise. Sein Zeitplan ist eng.

«Die Krise war für mich weder Anreiz noch Hinderungsgrund. Ich hätte ohnehin diesen Weg eingeschlagen», erklärt Laopodis. «Aber die Gründerszene, die inzwischen entstanden ist, ist natürlich auch für uns ein positiver Impuls.» Andererseits mache die Krise manches schwieriger: «Wir suchen zum Beispiel Verstärkung für unser Team. Aber die Leute mit 1a-Lebenslauf sind inzwischen alle im Ausland.»

Vorbilder: Start-ups im Silicon Valley

Teamarbeit, sonst nicht gerade eine griechische Tugend, wird in der Gründerszene gross geschrieben. Vorbilder sind die Start-ups in Silicon Valley. Aber: Geht der Mentalitätswandel einfach so? Warum nicht, sagt Laopodis: «Es gibt dieses Versprechen: Wenn ich das US-Erfolgsmodell kopiere, wenn ich ihre Prinzipien und ihre Logik anwende, und wenn alles gut läuft, dann kann ich mit meinem Start-up sehr viel Geld machen.» Der Anreiz sei so gross, dass viele über ihren Schatten sprängen.


Start-ups in Griechenland lassen Hoffnung aufkeimen

5:00 min, aus SRF 4 News aktuell vom 30.07.2014

Offerial entwickelt eine Software, die Buchungsportale für Hotels überflüssig machen könnte. Den Launch hat Laopodis mit 10'000 Euro aus der eigenen Tasche gewagt. Inzwischen hat die EU vier Jeremie-Fonds für kleine und mittlere Unternehmen in Griechenland aufgelegt, hinzu kommen einige private Investoren.

Damit wird das für Start-ups zur Verfügung stehende Kapital in Griechenland auf rund 100 Millionen Euro geschätzt. Michel Dimitropoulos, Investmentfonds-Manager einer grossen Athener Bank, verwaltet einen Teil dieser Gelder. Sie sind, so ist er überzeugt, gut investiert: «Die Start-ups haben sehr gute Perspektiven. Es gibt in Griechenland ausgezeichnetes Personal, Software- und Elektroingenieure.»

Banken glauben an Erfolgschancen

Darunter seien auch Leute, die imstande seien, sehr wettbewerbsfähige, innovative Produkte herzustellen, die auch international Erfolg haben könnten, fährt Dimitropoulos fort. «Wir glauben, dass dieser Wirtschaftszweig beste Entwicklungschancen hat und dass er der griechischen Wirtschaft auch neue Dynamik verleihen kann.»

Noch machen die Start-ups nur rund ein Prozent der jährlichen Unternehmensgründungen in Griechenland aus. Und ihre Umsätze sind gering – die meisten befinden sich noch in der Startphase. Dennoch gehen von ihnen wichtige Impulse für die griechische Wirtschaft aus, schätzt Dimitropoulos: «Die Leute aus der Gründerszene gehen Risiken ein. Sie bilden Teams, sie investieren ihre Ersparnisse oder die der Familie, sie gehen vollkommen in ihrem Projekt auf.»

Sie setzten alles daran, ein profitables Unternehmen auf die Beine zu stellen. Und dies ohne Subventionen abzurufen. «Das ist ein komplett neues Unternehmensmodell.»