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Austritt aus der EU «Johnson ist als narzisstischer Einzelkämpfer nicht beliebt»

Boris Johnson
Legende: Boris Johnson, der britische Aussenminister, fordert einen harten Brexit. Keystone

SRF News: Muss Premierministerin Theresa May am Parteitag der Tories die Rede ihres Aussenministers Boris Johnson fürchten?

Martin Alioth: Furcht wäre wohl zu hoch gegriffen. Frau May hat gewiss andere, gewichtigere Sorgen als die Kapriolen ihres Aussenministers. Er feilt in erster Linie an seiner eigenen Karriere, egal, worüber er spricht.

Der Aussenminister legte seine Ideen für einen härteren Brexit am Wochenende in einem Zeitungsinterview dar. Damit bringt er die Premierministerin in die Bredouille. Wie argumentiert Johnson?

Er widerspricht Mays Leitlinien, die sie vor zehn Tagen in Florenz dargelegt hat nicht direkt, aber er geht darüber hinaus. Er will beispielsweise, dass die Übergangsperiode nach dem Austritt «keine Sekunde länger als zwei Jahre dauert», während Frau May von ungefähr zwei Jahren spricht. Johnson will auch, dass die Urteile, die der europäische Gerichtshof spricht, ab 2019 schon nicht mehr gelten. Das ist letztlich undenkbar, falle es diese Übergangsperiode tatsächlich gibt. Johnsons Aussage ist typisch für seinen Fünfer-und-Weggli-Ansatz.

Johnson zielt offenkundig auf seine Entlassung, um womöglich auf den Hinterbänken zum Brexit-Märtyrer zu werden.

Kommen Johnsons Vorschläge bei den Tories eigentlich an?

Die harte Brexit-Fraktion war – kaum überraschend – son Johnsons Interview in der «Sun» begeistert. Aber das ist eine Minderheit in der Parlamentsfraktion der Konservativen. Der Rest, so scheint es, hat allmählich die Nase voll von den dauernden öffentlichen Streitereien im britischen Kabinett. Letztlich wissen sie, dass man mit der EU verhandeln sollte, nicht mit widerspenstigen Tory-Ministern.

Die Stimmen, die Johnsons Entlassung fordern, mehren sich. Wie gross ist die Chance, dass er aus der Regierung fliegt?

Im Moment ist das schwer zu sagen. Er zielt offenkundig auf seine Entlassung, um womöglich auf den Hinterbänken zum Brexit-Märtyrer zu werden. Aber Theresa May ist geschwächt. Sie mag sich denken, dass sie lieber ein Enfant terrible in ihrem Kabinett habe, als einen Rebellionsherd auf den Hinterbänken.

Johnsons Popularität ist bei der überalterten, schrumpfenden Parteibasis beträchtlich.

Johnson hat Ambitionen auf das Amt des Premierministers, doch die Tories und insbesondere Premierministerin May wollen diesen Ambitionen keine Bühne geben. Hat Johnson überhaupt eine Chance, die Nachfolge von May anzutreten?

Seine Chance ist nicht sehr gross. Seine Popularität ist zwar bei der überalterten, schrumpfenden Parteibasis beträchtlich. Diese Gruppe wählt letztlich den Parteichef. Sie tut dies jedoch aufgrund eines Zweiervorschlages der Unterhausfraktion. Ich habe grosse Zweifel, dass Johnson, der bei seinen Kollegen als narzisstischer Einzelkämpfer nicht beliebt ist, auf diesen Zweiervorschlag käme. Johnson kann May womöglich also stürzen, aber nicht im Amt ersetzen.

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

Johson redet heute

In Manchester findet derzeit der Parteitag der konservativen Tories statt. Er begann am Sonntag und dauert vier Tage. Britische Medien spekulieren, Johnson wolle May stürzen. Mit Spannung wird daher erwartet, ob der Aussenminister in seiner heutigen Parteitagsrede neue Vorschläge zum EU-Austritt präsentiert.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von andreas furrer (andfurrer)
    ein meritokratisches kasperltheater. what else?
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    1. Antwort von Kurt Meier (Kurt3)
      Und schreiben da Schweizer , die keine Ahnung haben , wie die EU funktioniert . Faseln was von Einverständnis der Völker . Die EU besteht aus 28 Nationen .
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    2. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Und weil es eben mittlerweile 27 Nationen sind, welche mitbestimmen wollen, funktioniert es nicht mehr. "Zuviele Köche verderben den Brei, resp. versalzen sie Suppe." Mit den vier Gründerstaaten mag es ja noch funktioniert haben, aber jetzt sind es eindeutig zuviele. Eindeutiger Fehler war die Osterweiterung, vorangetrieben durch D. unter Kanzlerin Merkel. Es kann nicht zusammen wachsen, was nicht zusammen passt. Oststaaten mit Geld geködert, damit sie beitreten, rächt sich das jetzt.
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    3. Antwort von Karl Kirchhoff (Charly)
      Eindeutiger Fehler war die Osterweiterung, vorangetrieben durch W.D. unter Kanzler Kohl. Es kann nicht zusammen wachsen, was nicht zusammen passt. Scheint auch für Deutschland zuzutreffen.
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  • Kommentar von L. Leuenberger (L.L.)
    Solange in Brüssel eingefleischte abgehobene Zentralisten wie Juncker, Tusk und Co sitzen, kann man nur hoffen, dass die Briten beim harten Brexit bleiben.Die EU-Zentrale hat die Fehler der letzten Jahre nicht eingesehen,mit Eintritten dank falschen Eingaben, mit äusserst fragwürdigen Entscheiden der EU-Kommissionen,einem undemokratisch durchgeboxten Lissaboner-Vertrag, übertriebenen Kompetenzen des EU-Rates,ohne Abstimmungen und Einverständnis der Völker.Wenn May so weiter macht, kommt Johnson.
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    1. Antwort von Valerie de Besancon (Valerie de Besancon)
      Leuenberger/Schink/Gnabry/Schmid/Artho/etc., dumm nur, dass die EU beim Brexit eine souveräne Figur macht und den Briten die Rosinenpickerei gründlich austreiben. Während in Grossbritannien bereits Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut wurden, weil Nationalisten die Bevölkerung mit plumpesten Lügen in die Irre geführt haben. Die Leidtragenden sind die, die ahnungslos für den Brexit gestimmt haben und jetzt die Zeche dafür zahlen.
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    2. Antwort von L. Leuenberger (L.L.)
      Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Nur mit Befehlen und Machtgier kann man die Europäer nicht in Schach halten. Die EU-Zentrale wird Speck ablassen, spätestens bei den nächsten Abstimmungen in den EU-Ländern. Dieser Souveränitätsraub kann nicht weitergehen. Die Sozialdemokraten lassen in allen Ländern Europas Federn, die Wirtschaftsprofiteure finden nur in den Regierungen Zustimmung. Die heutige EU hat den Standard in allen Ländern zunichte gemacht. Dringende Korrektur.
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    3. Antwort von Valerie de Besancon (Valerie de Besancon)
      Leuenberger/Schink/Gnabry/Schmid/Artho/etc, Sie sollten wirklich einmal ein gutes Buch zur EU lesen. Sie verbreiten nur wirre Phrasen, aus denen sofort klar wird, dass Sie in Wahrheit gar nicht wissen, wovon Sie schreiben. Beginnen Sie einmal Europäisches Parlament, EU-Kommission und Europäischer Rat zu unterscheiden, dann können Sie sich schon die Hälfte Ihrer vorurteilsgetränkten Einlassungen sparen.
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  • Kommentar von Daniele Röthenmund (Daniele Röthenmund)
    Er und Ferage sind auch nicht Wählbar, da sie zugegeben haben, bei der BREXIT Abstimmung bewusst die Wähler angelogen zu haben.
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