Blutbad im tunesischen Urlaubsort Sousse

Beim Anschlag auf ein Strandhotel im tunesischen Urlaubsort Sousse sind mindestens 38 Menschen getötet und mehrere Menschen verletzt worden. Unter den Opfer sollen sich Deutsche, Briten und Belgier befinden. Ein als Tourist getarnter Attentäter, der das Feuer eröffnete, wurde am Tatort erschossen.

Video «Anschlag in Sousse und Reaktionen (Tagesschau 19.30 Uhr)» abspielen

Anschlag in Sousse und Reaktionen (Tagesschau 19.30 Uhr)

2:30 min, vom 26.6.2015

Beim Attentat im Küstenort Sousse südlich der Hauptstadt Tunis sind nach Angaben des Radiosenders Mosaique FM unter Berufung auf das Gesundheitsministerium 38 Menschen getötet und 36 Menschen verletzt worden. Nach Angaben örtlicher Behörden sind Deutsche, Briten und Belgier unter den Opfern. Es wird von einem Haupttäter ausgegangen.

Ein oder zwei Angreifer?

Die Hintergründe des Anschlages im Hotel Imperial Marhaba blieben zunächst unklar. Lokale Medien meldeten unter Berufung auf Augenzeugen, zwei Terroristen seien von der Strandseite aus auf das Hotelgelände vorgedrungen.

Einer habe plötzlich aus einem zusammengefalteten Sonnenschirm ein Sturmgewehr hervorgeholt. Anschliessend soll er wahllos auf die Touristen, die sich am Pool und am Strand aufhielten, geschossen haben. Zudem habe er einen Sprengsatz geworfen. Sicherheitskreisen zufolge trug er eine weitere Bombe am Körper.

In einem Feuergefecht hatten Sicherheitskräfte den Angreifer getötet und später zahlreiche Sturmgewehre beschlagnahmt, wie es aus Sicherheitskreisen in Tunesien hiess.

Ein Vertreter des tunesischen Innenministeriums erklärte, es habe sich um einen Studenten gehandelt, der den Ermittlungsbehörden bislang unbekannt gewesen sei und auf keiner Liste mit potenziell gefährlichen Personen gestanden habe.

Der Rundfunk meldete, es sei ein weiterer Bewaffneter gefasst worden. Von offizieller Seite wurde dies zunächst nicht bestätigt. Für das Attentat übernahm bisher auch niemand die Verantwortung.

Video «Einschätzungen von Terrorexperte Michael Lüders» abspielen

Einschätzungen von Terrorexperte Michael Lüders

2:10 min, aus 10vor10 vom 26.6.2015

Tourismus stoppen

Tunesien ist stark vom Tourismus abhängig. «Aus der Sicht des Dschihadisten ist der westliche Tourist eine Provokation», meint der Terror-Experte Michael Lüders. «Aber das primäre Ziel dieser Attentäter war ganz eindeutig, die tunesische Regierung ins Mark zu treffen und den Tourismus – als eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes – zum Erliegen zu bringen.»

«Tunesien ist der einzige arabische Staat, in dem die arabische Revolte zu demokratischen und besseren Verhältnissen geführt hat. Und genau das ist den Islamisten ein Dorn im Auge.»

Das nordafrikanische Land galt laut Lüders bis heute als relativ sicheres Reiseland, und die Hotelanlagen seien gut bewacht worden. «Aber gegen Einzeltäter ist man schwer gewappnet.

Touristen bereits in der Vergangenheit Ziel von Anschlägen

In Sousse war es bereits im Oktober 2013 zu einem Anschlag auf ein Touristen-Resort gekommen. Bei dem Selbstmordanschlag war seinerzeit aber ausser dem Attentäter niemand zu Schaden gekommen.

Generell wurden in Tunesien Touristen in der jüngeren Vergangenheit wiederholt Ziel von Attentätern. Erst im März waren im nordafrikanischen Land bei einem Terrorangriff auf das Bardo-Museum in der Hauptstadt mehr als 20 Menschen getötet worden.

Einschätzungen von SRF-Auslandredaktor Daniel Voll

Der mutmassliche Täter, ein junger Student, kommt aus einer Region, die als Hochburg radikaler Islamisten gilt. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Tunesiens – und gleichzeitig der empfindlichste, weil Touristen und Reiseveranstalter sehr schnell reagieren. Tunesien hat nach der Revolution stets stolz darauf verwiesen, dass bisher keine Touristen angegriffen worden seien – bis zum Anschlag im März auf das Nationalmuseum in Bardo. Auch dieser war gezielt auf Touristenbusse gerichtet. Die erste Reaktion Tunesiens wird wohl eine Verschärfung von Sicherheitskontrollen sein. Bereits nach dem Attentat im März waren sehr viele Polizisten auf den Strassen. Dann kann es auch sein, dass der Staat seinen Sicherheitsapparat weiter ausbaut. Diesbezüglich wurde ebenfalls bereits im März reagiert. Die Leitung wurde umbesetzt, ehemalige Spitzenleute aus der Polizei von ex-Regierungschef Ben Ali wurden zurückgeholt.

Bei der Bevölkerung sind die Islamisten nicht beliebt. Sie werden als Gefahr für die Stabilität der Gesellschaft und Wirtschaft betrachtet. Das hat man auch bei den Wahlen gemerkt, als Gewaltaktionen radikaler Salafisten etwa der islamistischen Partei Enachta geschadet haben, die sich eben erst spät von solchen Gewaltaktionen distanziert hatte. Aber Tunesien scheint auch ein Rekrutierungsfeld zu sein für islamistische Terroristen. Auf jeden Fall geht das Innenministerium davon aus, dass in Syrien oder auch in Libyen tausende junge Tunesier in islamistischen Terrorgruppen aktiv sind.


Hotelanlage am Meer

reuters

Die Ereignisse in Tunesien haben sich überschlagen. Ein Protokoll zum Anschlag in Sousse finden sie hier.