Britischer Wahlkampf mit heftigem Endspurt

Es war die letzte TV-Debatte vor der Parlamentswahl in Grossbritannien. Eine hitzige Diskussion, die keinen eindeutigen Sieger hervorbrachte. Es hagelte Vorwürfe an Kontrahenten, die man als «professionelle Karrierepolitiker» abkanzelte. Einziges gemeinsames Feindbild: Premier Cameron, der fehlte.

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Letzte TV-Debatte vor britischer Wahl

2:05 min, aus Tagesschau Nacht vom 17.4.2015

In der letzten TV-Debatte vor der Parlamentswahl in Grossbritannien hat die Opposition am Donnerstag Uneinigkeit demonstriert. Die grösste Oppositionspartei, die Labour-Partei musste sich anhören, dass ihr Programm sich kaum von dem der regierenden Tories unterscheide.

«Light-Version» der Konservativen

Nicola Sturgeon, Chefin der Schottischen Nationalpartei (SNP), sagte Labour-Chef Ed Miliband bei der Diskussionsveranstaltung, seine Partei sei eine «Light-Version» der Konservativen von Premierminister David Cameron.

Sturgeon bot sich Miliband dennoch erneut als Koalitionspartnerin an, wenn bei der Wahl am 7. Mai weder die Tories noch Labour eine absolute Mehrheit erringen sollten. «Wir haben die Chance, David Cameron aus Downing Street zu werfen. Verschliessen Sie sich dem nicht, das werden Ihnen die Leute nie verzeihen», forderte die SNP-Chefin Miliband auf.

«Ich fürchte, die Antwort lautet Nein», entgegnete der Labour-Chef jedoch. Er rief die Wähler auf, seiner Partei eine eigene Mehrheit zu verschaffen.

Elite-Vorwurf von Farage

Miliband warf Sturgeon vor, sie wolle ein erneutes Referendum über eine Abspaltung Schottlands von Grossbritannien organisieren und damit das Land spalten. Beim ersten Referendum im September waren die Unabhängigkeitsbefürworter knapp gescheitert. Labour muss Umfragen zufolge befürchten, in Schottland den Grossteil ihrer Sitze an die SNP zu verlieren.

Neben Miliband und Sturgeon stellten sich auch der Chef der europakritischen UK Independence Party (Ukip), Nigel Farage, Grünen-Chefin Natalie Bennett und Plaid-Cymru-Chefin Leanne Wood den von den Zuschauern eingereichten Fragen zu Themen wie Einwanderung, Verteidigung und Staatsausgaben. Farage warf den Vertretern der anderen Parteien vor, «professionelle Karrierepolitiker» zu sein, die sich nicht für «das einfache Volk» einsetzen wollten.

Häme für abwesenden Cameron

Die Parteichefs stimmten lediglich in ihrer Kritik überein, dass Premierminister Cameron sich nicht zur Teilnahme an der Veranstaltung bereit erklärte. Dies sei «eine Schande», sagte SNP-Chefin Sturgeon. Miliband rief den Regierungschef erneut auf, sich vor der Wahl einem TV-Duell mit ihm zu stellen. «David, wenn Sie denken, dass es bei dieser Wahl um Führungsstärke geht, debattieren Sie mit mir eins zu eins», sagte der Oppositionschef.

Cameron hatte ein derartiges Duell abgelehnt und lediglich an einer Debatte mit Vertretern der sechs anderen grossen Parteien des Landes vor zwei Wochen teilgenommen.

In Umfragen etwa gleichauf

Am 30. April wollen sich Miliband, Cameron und sein liberaldemokratischer Koalitionspartner Nick Clegg im Fernsehen den Fragen der Wähler stellen, eine Diskussion untereinander ist aber nicht vorgesehen. In Umfragen liegen derzeit Tories und Labour etwa gleichauf.

Eine Regierungsbildung dürfte aber auch diesmal wieder nur mit Hilfe einer kleineren Partei möglich sein. Bei den Wahlen 2010 war in Grossbritannien, wo das Mehrheitswahlrecht gilt, erstmals seit 1945 eine Koalitionsregierung notwendig geworden.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Wahlkampf eröffnet

    Aus Tagesschau vom 31.3.2015

    Grossbritannien hat den Wahlkampf mit der Parlamentsauflösung offiziell eröffnet. Premierminister David Cameron überbrachte Queen Elizabeth II. diese Botschaft bei seinem Besuch im Buckingham-Palast.

  • Indirektes Fernsehduell zwischen Cameron und Miliband

    Aus Tagesschau vom 27.3.2015

    In sechs Wochen wählt Grossbritannien ein neues Parlament und damit indirekt auch einen neuen Premierminister. Gestern kam es zu einem ersten Schlagabtausch zwischen dem amtierenden Premier David Cameron und seinem Herausforderer, Labour-Oppositionsführer Ed Miliband. Weil Cameron kein Direktduell wollte, wurden die beiden Spitzenkandidaten getrennt voneinander interviewt

  • Grossbritannien erwettet sich Politprognosen.

    Wetten, dass Grossbritannien die EU nicht verlässt

    Aus Echo der Zeit vom 2.3.2015

    «Brexit», ein Ausstieg Grossbritanniens aus der EU, wäre ganz und gar freiwillig - und scheint extrem unwahrscheinlich. Zu diesem Schluss kommen nicht Politiker oder Politologinnen, sondern die britischen Wettbüros. Besuch eines ungewöhnlichen Anlasses in London.

    Martin Alioth

  • Immer mehr Arbeitnehmer verdienen Hungerlöhne, während die Lebenshaltungskosten unerbittlich ansteigen. Working Poor sind zum sozialen Phänomen geworden, die Flucht in die Arme des Wohlfahrtsstaates wird  immer schwieriger – und die Zahl der Obdachlosen wächst.

    Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Grossbritannien

    Aus Echo der Zeit vom 8.1.2015

    Im Vereinigten Königreich haben Suppenküchen derzeit Hochkonjunktur - genauso wie der Kauf von Luxuswohnungen und protzigen Autos. Der Graben zwischen Armen und Reichen wird immer breiter. Das wird sich in diesem Wahljahr auch an der Urne zeigen.

    Martin Alioth