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International «Charlie Hebdo» gedenkt in bekannter Manier

Der Anschlag auf «Charlie Hebdo» jährt sich am Donnerstag zum ersten Mal. Frankreich gedenkt der Opfer die ganze Woche mit verschiedenen Veranstaltungen. Die Satirezeitschrift gibt sich mit einer Sonderausgabe trotzig wie eh und je.

Das Cover der aktuellen Ausgabe von «Charlie Hebdo»
Legende: «Der Mörder weiterhin auf freiem Fuss»: Die Sonderausgabe von «Charlie Hebdo». Reuters

SRF News: Wie gedenkt Paris den Attentaten?

Charles Liebherr: Schon am Dienstag enthüllte Präsident Hollande mit Mitgliedern der Regierung und Angehörigen der Opfer drei Gedenktafeln vor dem ehemaligen Sitz der Redaktion von «Charlie Hebdo», vor dem jüdischen Supermarkt Hyper Cacher und in der Strasse, wo ein Polizist getötet wurde. Die ganze Woche gibt es Gedenkveranstaltungen, Ansprachen und Schweigeminuten. Am Sonntag findet dann die grösste Gedenkfeier auf der Place de la République statt, dort wo sich vor einem Jahr tausende Menschen spontan versammelten. All dieser Wegmarken will man in den nächsten Tagen in Paris in irgendeiner Form gedenken.

Die Gedenkfeiern waren schon vor dem jüngsten Anschlag in Paris am 13. November geplant worden. Rückt die Bedeutung des Jahrestages mit diesen Attentaten etwas in den Hintergrund?

Nein und ja würde ich sagen. Nein, weil die Interpretationen der Attentate vor einem Jahr, der Angriff auf ein Symbol der Meinungsfreiheit und die Tötung von jüdischen Gläubigen wegen ihrer Religion, keineswegs an Bedeutung oder Aktualität verloren haben. Trotzdem würde ich sagen, finden die Gedenkveranstaltungen wegen der Attentate im November unter anderen Vorzeichen statt: Denn bei diesen Anschlägen wurde wahllos die gesamte Gesellschaft als Zielscheibe genommen. Darum denke ich, dass die Bedeutung des Jahrestages nicht kleiner, aber sicher um eine Dimension grösser geworden ist; weil wir alle Opfer von Terroranschlägen werden können, was natürlich Angst machen kann.

Welche Reaktionen hat der neueste Titel von «Charlie Hebdo» hervorgerufen?

Seit am Montag die Titelseite der heutigen Ausgabe veröffentlicht wurde, gab es zahlreiche Reaktionen in Foren von Zeitungen und auf Twitter. Die Reaktionen gehen wie immer in alle Richtungen: «Nicht Gott tötet, sondern Menschen» schreiben die einen, «lustig» schreiben die anderen. Der Zeichner Riss, welcher das Titelbild gemacht hat, stellt sich ganz in die Tradition von «Charlie Hebdo»: fast in jeder Nummer machen sich die Redaktionsmitglieder über alle Religionen der Welt lustig – ganz dem Glauben verbunden, dass die Satire letztlich alles überlebt, auch die blutigsten Angriffe im Namen irgendeines Heiligen.

Gibt es Äusserungen von Seiten der Redaktion, warum man sich für dieses Titelbild entschieden hat?

Nein. Und das ist auch logisch, denn die Satirezeitung würde sich nie für eine Titelseite von «Charlie Hebdo» rechtfertigen wollen. Natürlich ist es kein Zufall, dass genau ein Jahr nach dem mörderischen Angriff auf die Redaktion die aktuelle Ausgabe den Anschlägen vom 7. Januar gewidmet ist. Diesmal ist ein bärtiger Gott auf der Titelseite zu sehen. Auf dem Cover der Sondernummer nach den Anschlägen war ein Prophet, der alles verzeiht, abgebildet. Riss schreibt in seinem Editorial, dass am 7. Januar 2015 die Ewigkeit über «Charlie Hebdo» hergefallen sei. Zwei verrückte Attentäter könnten nicht ein Lebenswerk in die Luft jagen, schreibt er dazu. Im letzten Herbst hat Riss angekündigt, dass er keine Lust mehr verspüre, den Propheten Mohamed zu zeichnen. All das versucht jetzt die Karikatur auf dem jüngsten Titelblatt zum Ausdruck zu bringen.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

Charles Liebherr

Charles Liebherr

Seit 2014 ist Charles Liebherr Frankreich-Korrespondent von Radio SRF. Er studierte in Basel und Lausanne Geschichte, Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Politologie. Davor war er beim Schweizer Radio unter anderem als Wirtschaftsredaktor tätig.

4 Kommentare

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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Eine strengst gläubige Katholikin meinte mal in einem Gespräch mit mir, die Anschläge auf Charlie Hebdo seien zwar strikte zu verurteilen, fügte aber hinzu, die Mitarbeitenden dieses Blattes seien ja alles Gottlose.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Gott zu verspotten halte ich definitiv für verwerflich. Charlie Hebdo setzt dem Mohammed von früheren Zeichnungen noch einen drauf - heute triffts den Chef. Egal über wessen Gott man sich hier lustig macht - er steht sowieso über uns allen. Vielleicht denkt er sich ja, lieber Häme als Schüsse ;)
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Karikaturisten haben genau jene Aufgabe, im wahrsten Sinnen des Wortes, zu überzeichnen, um Kritik zu üben, an wem auch immer. Die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen hat zudem auch erst mit den Ausschreitungen in der islamischen Welt eine weitere Verbreitung erfahren. Offenbar ist das Ziel der Radikalen genau jenes, immer wieder Provokationen des Westens herauszufordern und genau als solche zu verkaufen. Jede Karikatur ist leider Wasser auf deren Mühlen.
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    1. Antwort von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
      2) Den Preis dafür müssen meist Angehörige von Minderheiten in muslimischen Ländern bezahlen. Die Betroffenheit im Westen ist nun deshalb so gross, weil die Aggression diesmal im Westen zugeschlagen hat. Natürlich sind die Aggressoren immer die gleichen: Radikale.
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