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International Der Anti-Varoufakis

An ihm führt in der EU kein Weg vorbei: Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble ist der unbeugsame Gegenspieler von Tsipras und Varoufakis – und damit das Feindbild einer ganzen Nation. Wer ist dieser Mann, der den Zorn Griechenlands auf sich zieht?

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble.
Legende: Er mischte die deutsche Politik bereits in den 1960er-Jahren auf: Finanzminister Wolfgang Schäuble. Keystone

Die Meldung, Wolfgang Schäuble habe seinen lässig-lockeren Amtskollegen Yanis Varoufakis als «dümmlich naiv» bezeichnet, löste am Mittwoch einen regelrechten Sturm im griechischen Blätterwald aus. Ein weiteres, untrügliches Beispiel dafür, wie der deutsche Finanzminister und sein «Diktat aus Berlin» systematisch versuchten, Griechenland fertigzumachen, gifteten die lokalen Medien.

Die vermeintliche Beleidigung sollte sich zwar später als Übersetzungsfehler herausstellen – an der Beschwerde gegen Schäuble hielt das griechische Aussenministerium indes fest.

Schäubles leidender Pressesprecher

Nun denn, ganz abwegig ist die Annahme, der deutsche «Nebenkanzler» liesse sich zu solch einer Äusserung hinreissen, auch wieder nicht. Schäubles Hang zum Jähzorn ist berühmt-berüchtigt. Unvergessen bleibt sein Auftritt an einer Pressekonferenz 2010, als er seinen Sprecher eiskalt lächelnd herunterputzte, weil dieser die Unterlagen nicht rechtzeitig verteilt hatte.

Kritiker freuten sich ob dieses Vorfalls bereits, Schäubles letztes politisches Stündchen habe nun geschlagen. Aber weit gefehlt. Einen Rüffel der Bundeskanzlerin gab es zwar, doch entlassen wollte Merkel den 1942 geborenen CDU-Politveteranen, der immerhin einst als Innenminister die Details der Wiedervereinigung ausgehandelt hatte, keineswegs.

Von Opferrolle keine Spur

Schäubles unbequeme Art gab bereits in den 1960er-Jahren zu reden, als er die baden-württembergische CDU kräftig aufmischte und gar als stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Freiburg abgewählt wurde, weil er zu aufmüpfig war. Seine politische Karriere trieb er dennoch unbeeindruckt voran.

Mit der Opferrolle – das lässt er derzeit auch die Griechen in voller Härte spüren – kann Schäuble sowieso nicht viel anfangen. Selbst als er 1990 nach einem Attentat während einer Wahlkampfveranstaltung im Rollstuhl landete, hielt er mit badisch-preussischer Disziplin an seinem Pensum fest. Er sei nun als Rollstuhlfahrer zwar «ein wenig langsamer unterwegs als andere Zeitgenossen», aber ansonsten voll einsatzfähig, sagte er in Interviews trotzig.

Ex-Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer und Wolfgang Schäuble.
Legende: Ex-Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer (links) traf Schäuble mehrmals. Keystone

Ein Freund der Schweiz

Keine Spur dieser Trotzigkeit liess Schäuble offenbar bei seinen Besuchen in der Schweiz erkennen. Er habe ihn als sehr angenehme Persönlichkeit erlebt, sagt Gerold Bührer, der während seiner Zeit als Economiesuisse-Präsident mehrmals mit dem dienstältesten Finanzminister der Euro-Gruppe zusammentraf. Schäubles Erfahrungsschatz sei bemerkenswert. Und: «Er ist kein Hardliner-Politiker, sondern pragmatisch und sehr gesprächig – ein Deal-Maker», so Bührer im Gespräch mit SRF News. Zudem sei er ein ausgesprochener Schweiz-Freund.

Schäuble ist pragmatisch und sehr gesprächig – ein Deal-Maker.
Autor: Gerold BührerEx-Economiesuisse-Chef

Tatsächlich verbringt Schäuble, der an der Grenze zu Frankreich lebt, laut Medienberichten immer wieder seine Ferien in den Schweizer Bergen. 2005 hielt er in der Bündner Gemeinde Samnaun – als einer von bisher wenigen Ausländern – gar die 1. August-Rede. Unter dem Thema «Die Schweiz – Modell für Europa?» bekundete er seine Sympathie für den Föderalismus und die Macht der Kantone.

«Wolfgang, was meinst Du dazu?»

Deutlich weniger Sympathie schlägt dem wichtigsten Mann in Merkels Kabinett derzeit in Brüssel entgegen. Da er das wirtschaftsstärkste Mitgliedsland vertritt, ist Schäuble quasi der informelle Chef der Euro-Gruppe und in dieser Positition dazu verdammt, zermürbende Verhandlungen in der schieren Endlosschlaufe zu führen. Dass ihn dies bisweilen ermüdet, ist augenscheinlich. «Ich spreche sicher nicht das beste Englisch von allen, aber trotzdem fragen immer alle: Wolfgang, was meinst Du dazu?», sagte er jüngst gespielt überrascht.

Wolfgang Schäuble und Yanis Varoufakis.
Legende: «Wir sind uns einig, uneinig zu sein»: Schäuble und Varoufakis Keystone

Doch auch wenn Schäuble bei gewissen Weggefährten als kompromissloser Sparer und unverbesserlicher Prinzipienreiter verschrien ist, Respekt zollen ihm die meisten. Selbst Yanis Varoufakis, der wohl unterschiedlicher als Schäuble nicht sein könnte, sagte einst, er beobachte den Werdegang dieses überzeugten Europäers seit den 1980er-Jahren voller Bewunderung. Das Lebenswerk Schäubles, der sich stets um die europäische Einigung bemüht habe, sei beeindruckend. Der Vollständigkeit halber muss jedoch gesagt sein, dass diese Äusserung Varoufakis' bereits einige Wochen her ist. Ob er Schäuble auch heute noch so deutliches Lob zuteil kommen lassen würde, bleibt fraglich.

95 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Chauvet, Neustadt
    @Berneck/Jaschko:Aus dem "Focus"...wohlbetuchte Griechen hätten im Jahr 2013 800 Milliarden Euro auf Konten in der CH gebunkert. Tendenz steigend.Während sich die CH seit über einem Jahr um ein Steuerabkommen zwischen den beiden Ländern bemüht,zeigt Varoufakis keine besonderen Ambitionen, seine reichen Landsleute unter Druck zu setzen. Dabei war das genau der Plan, mit dem die Syriza-Regierung angetreten war.„Wir zerschlagen das griechische Oligarchen-System“, hatte Varoufakis angekündigt."
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    1. Antwort von c.jaschko, Bern
      M.C. Neuseeland hat gerade den Maori eine Entschädigung ausbezahlt für die Kriege und Verwüstung die sie eingerichtet haben im Jahre 1840 +. Ich denke Neuseeland hat viel Kultur und Menschlichkeit gezeigt! Bei uns im Europa wir haben das Raubtier-Ich-Verhalten zu sehr entwickelt :-) Wir werden lieber alle Anderen verhungern lassen wie denen helfen und dabei werden wir natürlich jeden Tag lautstark verkünden wie toll wir sind :-)
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    2. Antwort von Christa Wüstner, Reinach
      Irgendwo muss doch mal ein Schlussstrich für einen Neuanfang gezogen werden. Wir drehen uns doch ewig im Kreis. Da können wir ja gleich bei den Bauerkriegen von 1525 anfangen und alle Schuldprobleme aufarbeiten. Und Dann weiter, in jedem Jahrhundert gab es grosse Kriege....die Zahlungen an die Maori ist ein ganz anderes Problem..da fehlt hier der Platz darüber zu diskutieren.
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    3. Antwort von Gerhard Himmelhan, 3904 Naters
      Hr. Waeden, muss Tonatti recht geben! Warum die Milliarden an die Ukraine, dieses Geld dient anderen Ansprüchen, u.a. im Interesse der NATO/USA, (neue Weltordnung), in diesem Punkt kann man Gr. & Ukraine nicht vergleichen! Dieses Geld ist nur vordergründig für humanitäre Hilfe gedacht. Gekauft wird anderes Material!
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    4. Antwort von Gerhard Himmelhan, 3904 Naters
      Jaschko, und was machen wir mit den eingesperrten Indianern die haben bis heute noch keine Entschädigung, vielleicht waren auch Vorfahren v. ihnen dabei, mit den Nachkommen von den Sklaven welche von anderen europ. Ländern versklavt wurden, mit den Schulden von den Schweden im 30 jährigen Krieg usw.
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    5. Antwort von c.jaschko, Bern
      Frau Wüstner, Wenn Jeder den Schaden den er verrichtet hinterher auch ausgleichen müsste wäre Heute ganz sicher alles anders auf unserer Welt :-) Ich denke die Menschen würden mehr den Dialog suchen und nicht die Kriege machen oder auch nur finanzieren :-) Nur um es klar zu stellen, Kriege zu finanzieren ist in meinen Augen absolut das gleiche wie wenn man ihn selber führt :-) Deutschland darf nicht damit wieder entkommen, die Zeit und unsere Pflicht zum Handeln ist gekommen :-)
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    6. Antwort von Christa Wüstner, Reinach
      Herr Jaschko, das sind Wunschträume die es niemals geben wird. Diese Einsichten haben die Menschen nicht. Wir sehen doch schon im kleinsten Kreis, dass ein Zusammenleben oft sehr schwer ist. Und auch die nächsten Generationen werden nicht so handeln. Wir können nur immer wieder den Versuch unternehmen unsere entschiedene Meinung anzubringen. Und ob sie Einfluss hat bleibt Hoffnung
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    7. Antwort von c,jaschko, Bern
      Frau Wüstner, Vor 100 Jahren die Wunschträume der Frauen waren mal zu studieren oder auch in die Politik zu kommen ziemlich aussichtslos und man hat sie als dümmlich abgetan allerdings heute ist es ganz normal geworden :-) Nur weil es Heute so aussieht als es kann nicht funktionieren, ich denke nicht dass wir sollten die Hoffnung aufgeben auf eine bessere Welt wo die Gerechtigkeit zumindest teilweise herrschen wird :-)
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  • Kommentar von O. Toneatti, Bern
    Welchen Grund sollte die EU und vor Allem Finanzminister Schäuble haben, den Griechen wieder hunderte von Milliarden zur Verfügung zu stellen, die sie dann nach Belieben verpulvern? Sie halten sich an keine Verträge, ja sie lachen ihre Geldgeber noch aus und sind schon über hundert Jahre stark verschuldet, mit und ohne EURO. Also: Die Griechen aus der EU entfernen, so können diese arroganten "Geldbettler" einmal zeigen, ob sie mit ihrer alten Währung besser fahren würden. So einfach ist das.
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @O. Toneatti: Vielleicht gibt es ja von Ihnen eine Antwort auf die von mir schon oft gestellte Frage:" Welchen Grund hat die EU der Ukraine immer wieder Milliarden zur Verfügung zu stellen? Ein Land voller Korruption, im Bürgerkrieg, pleite & nicht mal in der EU? Und wie bekannt, verwenden diese Oligarchen in der Regierung die Milliarden nicht für angedachte humanitäre Hilfe & um ihre Schulden (Gas) zu zahlen!
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    2. Antwort von O. Toneatti, Bern
      Waeden@ Den Amerikanern, die die NATO und die EU kontrollieren, scheint es egal zu sein, wieviele Milliarden in die Ukraine gepumpt werden. Wichtig für sie ist vor Allem, dass sie mit ihrer Kriegsmaschinerie direkt an die russische Grenze gelangen können. So wäre Russland von den Militär-Stützpunken der Amis umzingelt. Sie könnten dort bei einem Regimewechsel oder einem Krieg direkt eingreifen. Ziel des Westens ist und war schon immer, an die gewaltigen Bodenschätze Russlands heranzukommen.
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  • Kommentar von Edi Steinlin, Zürich
    Ich bin gespannt wie lange dieses Theater mit den Griechen weitergeht. Der Fall ist doch "sonnenklar", sämtliche Mittelmeerstaaten gehören weder in die Währungs-Union noch in die EU. Mit solch korrupten Staaten macht man höchstens Verträge und hofft dass sie eingehalten werden.
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Betreffend Korruption dürfte die EU dann auch mit allen Staaten aus dem Osten höchstens Verträge ab schliessen. Wenn, denn gehören auch diese nicht in die Währungsunion, noch in die EU. Daher gilt die Frage: Welches Land passt überhaupt in die EU? Antwort: KEINES!
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