«Der IS funktioniert wie ein multinationales Unternehmen»

Ohne Startkapital geht es nicht. Das gilt für ein Unternehmen, aber auch für ein Terrornetz wie den sogenannten Islamischen Staat. Dieser finanziert sich nicht nur aus Ölverkäufen, sondern auch aus Entführungen und Erpressungen, wie die Terror-Expertin Louise Shelley erläutert.

Zerstörte Tanks und eine grosse Öllache in einem wüstenähnlichen Gebiet, drei Personen sind auch im Bild.

Bildlegende: Die USA zerstören mit Luftschlägen improvisierte Raffinerien des IS, wo immer sie können. Reuters

SRF: Der sogenannte Islamische Staat IS finanziert sich derzeit hauptsächlich mit Einnahmen aus Erdölverkäufen. Wer kauft dieses Erdöl?

Louise Shelley: Die Käufer des Öls befinden sich in der Türkei, in Syrien und im Irak. Das Öl wird in die üblichen Ölströme geschleust. Diese fliessen dann in die Kanäle des globalen Ölhandels und landen möglicherweise in westlichen Fabriken und Haushalten, hier und dort in Europa.

Wissen denn die Käufer des Öls, zum Beispiel in der Türkei, woher das Öl stammt?

Die Leute, die das Öl kaufen, sind auf Geld aus. Sie stellen sich blind. Der IS verkauft das Öl zu einem verbilligten Preis und hat so einen Marktvorteil. Es gibt Personen und Familien, die seit der Zeit von Saddam Hussein Öl schmuggeln. Wie kurdische Medien enthüllt haben, gibt es hohe Beamte, Parteifunktionäre und Militärs, die mitgeholfen haben den Ölschmuggel zu ermöglichen.

Das Öl wurde erst in einer zweiten Phase zur Einnahmequelle des IS. Wer oder was finanzierte den Start-Up des «Unternehmens» IS?

Die Vorgängerorganisationen des IS erhielten Mittel aus den Golfstaaten, aus der Diaspora. Sie handelten illegal mit Zigaretten und anderen Schmuggelwaren. Heute ist Erdöl wie gesagt die hauptsächliche Geldquelle. Aber die IS-Kämpfer machen auch Geld mit Entführungen. Zudem besteuern sie Transporte, die durch das von ihnen besetzte Gebiet fahren, Dschihadisten aus Europa verkaufen Mobiltelefone und ihre Pässe, um sich in den ersten Monaten durchzuschlagen. Es gibt also viele verschiedene Einkommensquellen.

Das klingt fast wie das Geschäftsmodell einer «normalen» kriminellen Organisation. Funktioniert der IS wie die Mafia?

In gewisser Hinsicht ja, indem der IS Territorium kontrolliert und dort lebende Menschen erpresst. Aber in anderer Hinsicht funktioniert der IS wie ein Grossunternehmen, das in die Zukunft denkt. Er diversifiziert seine Einkommensquellen, sucht sich die besten Mitarbeiter und nimmt die besten Wachstumschancen wahr. Der IS hat viele Ähnlichkeiten mit einem multinationalen Unternehmen.

Wie andere kriminelle Organisationen versteckt wohl auch der IS aus naheligenden Gründen seine Geschäfte. Was sind Ihre Informationsquellen?

Ich habe viele Kontakte im Nahen Osten, die diese Phänomene bekämpfen und studieren. Auch hält sich der IS nicht so bedeckt, wie oft angenommen wird. Hinzu kommt, dass die lokale Presse viele Geschichten abdeckt, die man auf arabisch, kurdisch oder türkisch lesen kann. Leute, die in der Region leben und die jeweilige Sprache sprechen, haben Zugang dazu. Es gibt aber auch handfestes Material, wie IS-Buchhaltungen, die vom Militär konfisziert wurden. Die IS-Kommandanten führen genau Buch über ihre Ausgaben und ihre Einkünfte, auch über Lohnzahlungen. Es ist nicht die einzige illegale Organisation, die das macht: Auch die Farc in Kolumbien und die PKK in der Türkei haben das getan.

Legale Unternehmen arbeiten mit Banken zusammen, die Kredite schreiben, Konten führen und Anlagen tätigen. Wie regelt der IS seine Geldflüsse?

Im Moment kontrolliert der IS ein riesiges Gebiet im Irak, unter anderem Mossul, die zweitgrösse Stadt des Landes. Dort gibt es Banken. Der IS hat Guthaben dieser Geldhäuser beschlagnahmt, aber er kann auch über diese Banken Handel treiben. Er hat insofern nicht dasselbe Problem wie andere Terrororganisationen, die alles Bargeld waschen müssen. Zudem gibt es im Nahen Osten die Tradition des Tauschhandels mit Gütern: Ein Weg in einer Tauschhandelsgesellschaft Geld zu bewegen ist durch sogenanntes Trade-based money laundering. Dabei wird Geld via Tauschgüter gewaschen – auch eine Art, Geldmittel zu bewegen.

Die USA sind im Moment militärisch aktiv in der Region, sie fliegen Einsätze gegen die Terrormiliz. Sind Bomben und Drohnen die richtige Antwort auf den IS?

Es ist eine sehr partielle Lösung des Problems, und sicher ist es nicht eine endgültige. Der IS funktioniert wie ein Unternehmen, er kann seine Einnahmequellen anpassen. Wenn nötig könnte der IS zum Beispiel auf Computer-Kriminalitiät umstellen. Das Wissen dazu ist vorhanden – Al-Kaida in Südostasien tat das schon vor zehn Jahren. Hinzu kommt, dass die sunnitische Bevölkerung mangels Alternativen und aus Unzufriedenheit über die irakische Regierung den IS hingenommen hat. Diese Unzufriedenheit ist das Fundament für den illegalen Handel und für Rekrutierungen. Man kann sie nicht mit Bomben bekämpfen. Im Gegenteil: Bomben können den Graben weiter aufreissen und noch mehr Rekrutierungen ermöglichen.

Der Kampf gegen Terrornetzwerke wie die Al-Kaida oder jetzt den Islamischen Staat dauert bereits 20 Jahre. Warum sind die USA inzwischen nicht klüger oder geschickter geworden?

Weil wir es die ganze Zeit nicht richtig gemacht haben. In Afghanistan haben wir den Terrorismus bekämpft und Drogenhandel und die Korruption ignoriert – statt zu begreifen, dass die Bevölkerung einer korrupten Gesellschaft Kriminalität oft als die einzige Zukunftsperspektive wahrnimmt. So kann man eine Gesellschaft nicht nachhaltig verändern. Wir sagten: Finden wir uns mit etwas Korruption und Kriminalität ab, damit wir den Terrorismus bekämpfen können. Doch so funktioniert das nicht.

Aber wie könnte es denn funktionieren? Haben Sie eine Lösung für ein so komplexes Problem?

Es braucht einen vielfältigen Ansatz. Eine Pressekampagne könnte im kurdischen Irak helfen, damit Bürger auf ihre Regierung Druck ausüben, den Ölhandel mit dem IS zu unterbinden. Es braucht Geschäftsleute, die verstehen, wie illegaler Handel funktioniert, es braucht multinationale Organisationen vor Ort. Zudem braucht es die Bereitschaft westlicher Länder, auf Geschäfte mit korrupten Politikern zu verzichten, damit das Entwicklungskapital in den Krisenländern bleibt. Nur so entstehen Arbeitsplätze für junge Leute, statt sie in die Kriminalität zu treiben. Es gibt keine einfache Antwort, aber ohne einen vielschichtigen Ansatz werden wir das Problem nicht einmal ansatzweise lösen.

Das Interview führte Isabelle Jacobi.

Louise Shelley

Louise Shelley ist Expertin für Terrorismus, internationale Kriminalität und Korruption. Die Professorin gründete das entsprechende Zentrum an der George Mason University in Virginia und präsidiert dieses. Ihr letztes Buch, «Dirty Entanglements: Corruption, Crime, and Terrorism» erschien im Juli 2014.

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