«Der Westen steht in Syrien vor einem Dilemma»

Westliche Länder wollen keine Waffen an die Freie Syrische Armee liefern. Die Syrien-Kennerin Kristina Helberg hält davon gar nichts. Die internationale Gemeinschaft helfe mit dem Embargo dem Assad-Regime und den radikalen Islamisten.

Die Syrien-Expertin Kristin Helberg.

Bildlegende: Die Journalistin und Syrien-Expertin Kristin Helberg lebte mehrere Jahre in Syrien. SRF

Das syrische Oppositionsbündnis – die Nationale Koalition – wollte das Treffen der «Freunde Syriens» boykottieren. Warum ist es nun doch nach Rom gereist?

Kristin Helberg: Die Nationale Koalition hat mit dem angedrohten Boykott des Treffens ein Warnsignal gesendet. Ihr Vorsitzender Mustafa Sabbagh wollte die internationale Gemeinschaft wachrütteln. Sie schweigt ja weitgehend und bleibt inaktiv angesichts der Gewalt in Syrien. Die Regierungstruppen feuern in Damaskus russische Kurzstrecken-Raketen ab. Diese zerstören in Aleppo ganze Häuserblocks. Täglich sterben im Krieg 150 bis 300 Menschen. Und niemand tut etwas. Diese Boykottandrohung hat gewirkt. US-Aussenminister John Kerry sagt, dass nun etwas Konkretes beschlossen werden solle. Die Nationale Koalition braucht die Unterstützung der Freunde Syriens. Es wäre sehr unklug gewesen, nicht nach Rom zu fahren.

Was meint US-Aussenminister John Kerry konkret damit, wenn er sagt: Es werden Entscheidung fallen.

Bisher hat Kerry nur Andeutungen gemacht. Er sagt: Man wolle nicht nur reden, sondern konkrete Hilfe beschliessen. Man wolle Wege finden, um Bashar al-Assads Abgang zu beschleunigen. Denkbar ist, dass Washington die Rebellen unterstützt. Aber nicht mit Waffen, sondern mit Geld, Schutzwesten, Nachtsichtgeräten und militärischer Ausbildung.

Syrische Oppositionelle versprechen sich auch militärische Unterstützung. Ist das ein Wunschdenken?

Bislang befürwortet nur England als einziges westliches Land öffentlich Waffenlieferungen an die Opposition. England wollte das EU-Waffenembargo nur für das Regime erneuern, aber nicht für die Opposition. Der Westen steht in Syrien vor einem Dilemma. Er weigert sich, die Freie Syrische Armee mit Waffen zu versorgen. Damit hilft der Westen nur den Gegnern – einerseits dem Regime und andererseits den radikalen Islamisten.

Wieso hilft sie damit den Gegnern der Freien Syrischen Armee (FSA)?

Das Assad-Regime bekommt zuverlässig Waffen aus dem Iran, aus Russland und von der libanesischen Hisbollah. Die Islamisten haben ihre Financiers in der arabischen Welt, vor allem in den Golfstaaten. Der Westen und die EU wollen die Freie Syrische Armee eigentlich unterstützen. Man will sie stärker sehen. Doch man trifft sie mit dem Waffenembargo. Der Westen begreift das zunehmend. Doch ich denke, dass in Rom noch keine Waffenlieferungen zugesagt werden.

Gehen wir davon aus, der Westen unterstützt die FSA militärisch. Wie würde das den weiteren Verlauf des Krieges beeinflussen?

Es würde den Krieg schneller beenden. Der Sieg der FSA käme schneller. Ich gehe davon aus, dass die Aufständischen mittel- oder langfristig eh siegen werden. Das Regime wird stürzen. Viele Beobachter fordern, die FSA jetzt militärisch zu unterstützen. Denn je länger der Krieg dauert, desto radikaler wird die Gesellschaft. Radikale Gruppen gewinnen vor Ort an Einfluss. Das will der Westen gerade vermeiden. Deswegen würde es sinnvoll sein, die gemässigten Oppositionskräfte deutlicher zu unterstützen.