«Die Begeisterung für ein zweites Kind hält sich in Grenzen»

Vor einem Jahr kündigte die chinesische Führung das Ende der Ein-Kind-Politik an. Doch nach Jahrzehnten der Beschränkung hat die Aufhebung bislang kaum Auswirkungen. SRF-Korrespondent Martin Aldrovandi weiss, wieso.

Kinder gehen in einer Kolonne und halten sich jeweils am Rockzipfel des Vorderkinds fest.

Bildlegende: Kinder kosten die Eltern in China viel Geld. Deshalb bleiben viele Eltern bei einem Kind. Keystone

SRF News: Hat das Ende der Ein-Kind-Politik, die seit Anfang Jahr gilt, nun einen Kinderboom ausgelöst?

Martin Aldrovandi: Nein, es gibt laut Statistik keinen grossen Unterschied zum letzten Jahr. Eine Geburtenzunahme wird erst ab 2017/18 erwartet. Bis jetzt hält sich die Begeisterung der Chinesen für ein zweites Kind also in Grenzen.

Gibt es keinen Nachholbedarf, nachdem die Chinesen 35 Jahre lang nur ein Kind haben durften?

Das Leben in China ist vor allem in den Städten deutlich teurer geworden. Die Eltern müssen ihre Kinder also möglichst früh in einen Kinderhort oder -garten bringen, damit beide Elternteile arbeiten können. Später folgt eine gute Schule und Nachhilfe-Unterricht. Das alles kostet viel Geld. Hinzu kommt, dass vor allem die städtische Mittelschicht weniger und später heiratet als noch vor einigen Jahren. Entsprechend später bekommt sie Kinder. So ist die Haltung weit verbreitet, vorerst einmal nur ein Kind zu haben. Ein zweites Kind kommt erst später dazu – falls überhaupt.

Peking hat die Ein-Kind-Politik wegen der Überalterung der Gesellschaft aufgehoben. Gelingt es ihr also bisher nicht, Gegensteuer zu geben?

Nein. Die Aufhebung nach 35 Jahren kommt viel zu spät. Es gibt inzwischen mehr als eine ganze Generation von Einzelkindern. Deshalb kann der Überalterungstrend der chinesischen Gesellschaft nicht mehr aufgehalten werden.

Hat die Aufhebung bislang irgend einen anderen positiven Effekt auf die Gesellschaft?

In den letzten Jahrzehnten wurden trotz Verbots viele Zweitkinder geboren – heimlich. Sie wurden nicht offiziell registriert und existierten deshalb eigentlich gar nicht. Vielfach blieben sie vom Schulunterricht ausgeschlossen, konnten sich nicht richtig versichern lassen und später kein Bankkonto eröffnen oder eine Wohnung kaufen. Alle diese Zweitkinder – inzwischen sind viele von ihnen natürlich erwachsen – können sich jetzt offiziell registrieren lassen. Sie profitieren also von der Änderung. Zudem war die Ein-Kind-Politik ein schwerer Eingriff ins Privatleben der Chinesen. Es kam zu Zwangsabtreibungen, auch bei Hochschwangeren. Ausserdem gab es Fälle von Zwangssterilisationen. Wer trotz Verbots ein zweites Kind auf die Welt brachte, musste mit hohen Bussen rechnen und verlor seine Arbeit.

Hat die Regierung einen Plan B, falls die neue Politik nicht dazu führt, dass die Chinesen wieder mehr Kinder auf die Welt stellen?

Offiziell noch nicht. In anderen Ländern Ostasiens wie etwa Südkorea gibt es Geburtenprämien, weil die Geburtenrate schon seit längerem sehr tief ist. Das ist in China derzeit nicht geplant. Immerhin: In einigen Orten Chinas werden die Parteimitglieder dazu aufgerufen, mit gutem Beispiel voranzugehen und ein zweites Kind zu zeugen.

Das Gespräch führte Christoph Kellenberger.

Martin Aldrovandi

Martin Aldrovandi

Martin Aldrovandi ist seit 2016 Korrespondent für Radio SRF in Nordostasien mit Sitz in Schanghai. Zuvor hatte er mehrere Jahre lang als freier Journalist aus dem chinesischsprachigen Raum berichtet.