Die Finanzierungsquellen des IS verschieben sich

Das Geschäft mit Öl ist längst nicht mehr wichtigste Finanzierungsquelle des IS. Immer häufiger fliessen auch Spenden und Raubkunst in die Kassen der Dschihadisten. Neuerdings pressen sie Menschen in besetzten Gebieten sogar Steuern ab, wie SRF-Wirtschaftsredaktor Massimo Agostinis erläutert.

Ein Arbeiter öffnet eine Pipeline der irakischen Raffinerie bei Basra.

Bildlegende: Auch Raffinerien der irakischen Regierung sollen im Geschäft mit dem IS mitmischen. Keystone

SRF News: Finanziert sich die Terrororganisation IS hauptsächlich mit dem Schmuggel von Öl?

SRF-Wirtschaftsredaktor Massimo Agostinis: Zu Beginn war das bestimmt so. Unterdessen werden diese Einrichtungen aber täglich von den USA und deren Alliierten bombardiert. Man geht deshalb davon aus, dass das Erdöl nicht mehr die primäre Einnahmequelle des IS ist. Vielmehr, und das ist fast beunruhigender, organisiert sich die Terrororganisation langsam wie eine staatsähnliche Institution. Unter anderem presst der IS von den Menschen Steuern ab, die auf dem von den Terroristen besetzten Gebiet leben.

Bleibt das Öl entscheidend in der Finanzierung der Terrororganisation?

Ja. Man geht davon aus, dass die täglichen Einnahmen vor den Bombardierungen durch die USA und deren Alliierten gegen zwei Millionen Dollar betrugen. Heute liegen sie bei schätzungsweise einer Million, also immer noch 360 Millionen pro Jahr.

Wer sind die Abnehmer des Öls?

Das sind praktisch alle Nachbarländer: Die Türkei, Jordanien und erstaunlicherweise auch Israel. Ein hoher italienischer Geheimdienstarbeiter hat unlängst gesagt, dass laut seinen Informationen auch die Raffinerien und Erdölfelder der offiziellen irakischen Regierung in dem Geschäft mitmischen. Das heisst, dass die Regierung des Iraks und der IS zusammenarbeiten. Nach Angaben dieses Geheimdienstlers müsste man bei diesen offiziellen irakischen Erdölfeldern ansetzen, um den IS zu schwächen.

Man hört auch immer wieder davon, dass reiche Golfstaaten den IS mit Spenden unterstützen, allen voran Katar. Wieviel macht das aus?

Da gibt es keine Zahlen. Man vermutet aber, dass aus dem katarischen Hochadel aus ideologischen Gründen Geld fliesst. Zudem wird das katarische Finanzdienstleistungszentrum möglicherweise genutzt, um die verschiedenen Transaktionen durchzuführen.

Der IS plündert auch immer wieder antike Stätten. Wie hoch sind die Einnahmen durch den Raub von Kunst?

Hier schätzt man den jährlichen Betrag auf etwa 130 Millionen Dollar. Das ist eine ansehnliche Summe. Die gestohlenen Sachen landen früher oder später in den Industriestaaten. Es sind also auch Sammler unter uns in die Finanzierung der Terrororganisation involviert.

Wie sieht das Gesamtbudget der Terrororganisation aus?

Da gehen die Schätzungen weit auseinander. Sie reichen von 1,2 bis 2,1 Milliarden Dollar pro Jahr, die dem IS zur Verfügung stehen. Die Finanzströme nutzen teils ein uraltes arabisches Wechselsystem: Boten sind mit dem Geld unterwegs und umgehen so die offiziellen Bankkanäle. Das macht es auch so schwierig, diesem Geld habhaft zu werden.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.