«Die Gefahr, dass in Belgien das Licht ausgeht, ist real»

Belgien hat als eines der ersten Länder weltweit 2003 den Atomausstieg beschlossen. Doch dem Land fehlt es immer wieder an Strom. Momentan, weil nach einem Vorfall ein Reaktor vom Netz genommen werden musste. Noch kann Belgien Strom importieren. Das könnte sich aber bald ändern.

Ein Atomkraftwerk

Bildlegende: Erneut musste in Belgien nach einem Zwischenfall ein Reaktor vom Netz genommen werden. Die Stromknappheit wächst. Keystone

Belgien geht langsam aber sicher der Strom aus. Von sieben Atomkraftwerken stehen derzeit drei still. Ein viertes AKW musste am Sonntag vorübergehend heruntergefahren werden. Auslöser war ein Brand beim Atomkraftwerk Tihange. Der Reaktor schaltete sich demnach am Sonntagmorgen automatisch ab. Zuvor hatte ein Transformator Feuer gefangen.

Warnungen vor Stromknappheit

Was genau passiert sei, werde momentan noch ermittelt, sagt Alain Kniebs, Journalist beim Belgischen Rundfunk. Sicher ist, dass der Reaktor am Dienstagmorgen wieder angefahren wurde. Bis er wieder volle Leistung bringe, dauere es 24 Stunden, sagt Kniebs.

«  Es herrschte Panikstimmung. »

Alain Kniebs
Journalist beim Belgischen Rundfunk

Der Zwischenfall könnte die Stromversorgung in Belgien weiter belasten. Dass Belgien knapp an Strom ist, ist nichts Neues. Bereits im Sommer gab es Warnungen, dass Ausfälle bei anderen Atommeilern zu Stromknappheit im Winter führen könnten. «Es herrschte richtige Panik», sagt Kniebs.

Notfallszenario ausgearbeitet

Der Energieminister hat daraufhin ein Notszenario ausarbeiten lassen. Das sieht kontrollierte Stromabschaltungen vor, damit es bei einem Engpass nicht zu einem totalen Zusammenbruch des Stromnetzes kommt. Die Pläne seien präzise ausgearbeitet, sagt Kniebs. Die Bürger könnten im Internet nachschauen, welche Strasse, welches Haus wie lange wann davon betroffen wäre. Treffen würde es vor allem den ländlichen Raum.

«Man war zu untätig»

Als eines der ersten Länder weltweit hat Belgien 2003 den Atomausstieg auf 2015 beschlossen. «Nach dem Entschluss ist aber zu wenig passiert», sagt Kniebs. Man habe nicht nach Alternativen gesucht. Es sei zu wenig in Gas- oder Wind investiert worden.

Der jüngste Vorfall zeige, wie knapp der Strom in Belgien sei, sagt Kniebs. An einem gewöhnlichen Arbeitstag brauchten belgische Haushalte und Unternehmen ungefähr 11‘000 Megawatt. Nachdem der Reaktor in Tihange vom Netz genommen werden musste, standen aber nur 7000 Megawatt zu Verfügung. Fast 4000 mussten aus den Nachbarländern importiert werden.

Je kälter es wird, desto mehr brauchten diese Länder ihre Überproduktion für sich selbst, glaubt Kniebs. «Die Gefahr, dass in diesem Winter in Belgien das Licht ausgeht, ist real.»