«Die Gefahr von neuen Entführungen ist präsent»

Nach der Waffenruhe will der ukrainische Präsident Poroschenko den Kampf gegen die prorussischen Separatisten wieder aufnehmen. Der stellvertretende Leiter der OZSE-Ukraine-Mission hat Angst um seine Mitarbeiter vor Ort. Er und sein Team schätzen die Situation stündlich neu ein.

Zwei Männer sehen neben brennenden Autoreifen und Sandsäcken.

Bildlegende: «Damit wir unsere Aufgabe wahrnehmen können, müssen die Checkpoints weg», sagt die OSZE. Keystone

SRF: Die Waffenruhe wird nicht verlängert. Wie schlimm ist das?

Alexander Hug, stellvertretender Leiter der OSZE-Sondermission in der Ukraine: Das heisst zuerst einmal, dass die Kampfhandlungen offiziell weitergehen werden. Es war ja auch schon bekannt, dass während der Waffenruhe die Ruhe nicht wirklich eingehalten wurde. Weitere Gefechte werden die Lage in der Ostukraine verschlimmern. Ausserdem könnten sie dazu führen, dass die Arbeit unserer Mission vor Ort weiter eingeschränkt wird und dass wir unsere Aufgabe als zivile Beobachtermission nur erschwert wahrnehmen können.

Bedeutet Ihre Ankündigung von gestern, die Tätigkeit vor Ort zu reduzieren, dass die OSZE ihre Arbeit im Osten der Ukraine faktisch einstellt?

Nein, das heisst es zurzeit nicht. Wir haben zwei robuste Teams in der Region. Wir überdenken die Sicherheitslage jeden Tag neu. Momentan tun wir dies sogar stündlich. Auf der Basis dieser Auswertungen werden wir uns entscheiden, ob und wann wir die zwei Teams der Situation anpassen müssen.

Was sind Ihre grössten Bedenken für Ihre Mitarbeiter im Moment; ist es eher die Gefahr durch kriegerische Auseinandersetzungen, oder fürchten Sie, dass erneut Mitarbeiter von Ihnen entführt werden könnten?

Beides. Das Risiko, in die Kampfhandlungen miteinbezogen und dann verletzt zu werden, besteht. Die Gefahr von neuen Entführungen ist aber auch präsent. Wir versuchen beide Risiken zu minimieren. Sollte das nicht möglich sein, müssen wir uns überlegen, die beiden Teams so zu verkleinern, dass das Risiko nur noch beschränkt existiert.

Was heisst das für die Beobachtermission? Wird die Ostukraine zu einem schwarzen Fleck ohne unabhängige Beobachter oder kommen Sie trotzdem noch an unabhängige Informationen?

Die Region im Osten ist nicht vollständig durch die Kampfhandlungen betroffen. Es wird uns so immer noch möglich sein, an Informationen direkt vor Ort zu kommen, aber dies ist natürlich für eine zivile Beobachtermission in einer solchen Situation trotzdem nicht einfach.

Auf der einen Seite ist es verständlich, dass die OSZE ihre Arbeit in der Ostukraine reduziert. Haben die prorussischen Separatisten damit aber nicht genau das erreicht, was sie mit der Entführung von OSZE-Beobachtern wollten?

Die Absicht der Entführung will ich nicht kommentieren. Wir sprechen mit allen Parteien. Wir sind eine neutrale, transparente und zivile Beobachtermission.

Und Sie stellen die OSZE-Beobachtermission nicht grundsätzlich in Frage?

Nein, das tun wir nicht.

Sie haben an der Medienkonferenz am Montag davon gesprochen, dass sich die Situation verbessern muss, damit die OSZE ihre Mission wieder in vollem Ausmass weiterführen kann. Was heisst das konkret?

Für eine zivile Beobachtermission ist es schwierig, sich in einem Konfliktgebiet frei zu bewegen. Damit wir das können, müssen die Waffen aus der Region weggeschafft werden und die Checkpoints müssen verschwinden. Nur so können wir unsere Beobachtermission vollständig wahrnehmen.

Das Interview führte Philippe Chappuis.

Alexander Hug

Alexander Hug

Der Jurist diente in der Schweizer Armee, wo er für die OSZE Einsätze in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo leistete. Momentan ist Hug stellvertretender Leiter der OSZE-Sondermission in der Ukraine.