«Die grösste Wende in der Kuba-Politik seit 50 Jahren»

50 Jahre dauerte die politische Eiszeit zwischen den USA und Kuba. US-Präsident Barack Obama will die Beziehungen zu Havanna normalisieren. Für Kuba-Experte Bert Hoffmann ist das ein historischer Schritt – und vielleicht der Anfang vom Ende des Castro-Regimes.

  • Das Wirtschaftsembargo werde weiter bestehen, aber die Ausnahmen zunehmen, sagt Bert Hoffmann vom Giga-Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg.
  • Die kubanische Regierung werde nun zeigen wollen, wer im Land die Zügel in der Hand hält.
  • Es werde unterschwellige Erosionsprozesse geben, die dann zu einem Einbruch des politischen Systems führen.

«Kuba war immer von aussen abhängig»

6:03 min, aus Echo der Zeit vom 19.12.2014

SRF: Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto nannte die Annäherung zwischen der USA und Kuba einen «historischen Schritt». Ist er das wirklich?

Bert Hoffmann: Das ist tatsächlich ein historischer Schritt. Es ist die grösste Wende der Kuba-Politik der USA seit 50 Jahren. Präsident Obama hat fast alles rein gepackt, was der Präsident entscheiden kann. Das schlägt ein neues Kapitel auf. Aber die Absichtserklärung ist sensationell für die beiden Länder.


Kubaexperte zu Annäherung Kuba-USA

5:02 min, aus SRF 4 News aktuell vom 18.12.2014

Eine andere US-Regierung kann solche Schritte natürlich rückgängig machen, aber ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Und es ist noch nicht von einem auf den anderen Tag auf einmal alles anders. Das Wirtschafts-Embargo wird auch noch in zwei Jahren bestehen. Aber es wird mehr Ausnahmen geben – und es wird erodieren.

Kann das Castro-Regime diese Reformen überleben?

Natürlich könnte es diese überleben. Freies Internet ist ja zum Beispiel nichts, was die USA verhängen können. Die USA können aber den US-Firmen erlauben, Dienste wie Google in Kuba anzubieten und über Paypal zu bezahlen. Das geht bislang nicht. Ob die Kubaner freien Zugang zum Internet haben, liegt in der Macht der kubanischen Regierung. Das ist bis jetzt ein steiniger Weg mit kleinen Schritten.

Raúl Castro ist bekannt für kleine Reformschritte. Ist eine sanfte Reformation des sozialistischen Modells möglich?

Er wird ganz sicher graduell vorgehen. Es gibt vorsichtige wirtschaftliche Liberalisierungsschritte, zum Beispiel eine Währungsreform, die kommen muss. Das hat aber keinen Bezug zur Situation mit den USA. Die Annäherung der Länder ist auch ein Problem für die kubanische Regierung. Intern muss man Zeichen setzen, nicht die Zügel aus der Hand zu geben. Wahrscheinlich werden wir jetzt ein paar Signale erleben, die zeigen sollen, dass die Regierung weiterhin eine klare Kontrolle über das Land in allen Bereichen hat.

Sie glauben nicht, dass diese Liberalisierungen für das kubanische Volk aus dem Ruder laufen könnten?

Die Regierung wird alles tun, um das zu verhindern. Mittelfristig wird aber sehr viel Wandel einsetzen. Je mehr Austausch Kuba mit dem Rest der Welt hat, je mehr man vom Internet erfährt und es nicht bekommt, desto dringender will man es. Ich glaube, dass diese Öffnung zur Welt schon eine ganz grosse Herausforderung für so ein geschlossenes politisches System ist. Das gilt nicht für morgen oder übermorgen. Es sind unterschwellige Erosionsprozesse, die dann irgendwann zu einem Einbruch führen.

Video «Breite Zustimmung für Annäherung zu Kuba» abspielen

Breite Zustimmung für Annäherung zu Kuba

1:17 min, aus Tagesschau am Mittag vom 18.12.2014

Sogar Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat Obama gelobt. Was bedeutet die Annäherung zwischen den USA und Kuba für den Kuba-Verbündeten Venezuela?

Lateinamerika und damit die Organisation amerikanischer Staaten hat sich dafür stark gemacht, Kuba wieder zu normalisieren. Kuba ist eingeladen und wird im April dabei sein. Da werden sich auch Raúl Castro und Barack Obama begegnen. Auch wenn der venezolanische Präsident mit den USA über Kreuz liegt, kann er nicht radikaler sein als Raúl Castro. Obamas Geste wird erst einmal Anerkennung bekommen und danach kann man «aber» sagen. Maduro kommt da nicht umhin, sonst macht er sich auch in Lateinamerika lächerlich.

Das Gespräch führte Iwan Santoro.

GIGA

Bert Hoffmann ist Kuba- und Lateinamerika-Experte am Giga-Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Unter der kubanischen Bevölkerung in Miami herrscht nicht unbedingt Einigkeit darüber, was die Annäherung von Kuba und den USA bringen könnte.

    Nebenwirkungen von Obamas neuer Kuba-Politik

    Aus Echo der Zeit vom 18.12.2014

    US-Präsident Obama und der kubanische Staatschef Raul Castro haben die vor 50 Jahren abgebrochenen diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen. Der Wandel in der US-Kuba-Politik ist historisch. Auch unter der kubanischen Exil-Bevölkerung in Miami gibt es Unterstützung für den Schritt Obamas.

    Beat Soltermann

  • «Obama – Cobarde!», Feigling!,  steht auf dem Plakat; auf anderen Plakaten steht «Thank you Obama!» Nach über 50 Jahren Feindseligkeit jetzt plötzlich Friede, Freude, Eierkuchen? Eine schwierige  Vorstellung für einige der älteren Exil-KubanerInnen.

    Kuba und die USA - Ende der Eiszeit

    Aus Rendez-vous vom 18.12.2014

    Die USA und Kuba wollen ihre Beziehungen normalisieren. Der historische Entscheid hat viele überrascht, nicht zuletzt die Exil-Kubaner in Miami; bei ihnen herrscht nicht nur Euphorie.

    Die Geschichte von 50 Jahren Feindschaft zwischen Kuba und den USA im Zeitraffer und eine Reportage aus Little Havanna in Miami.

    Simon Leu und Beat Soltermann

  • USA und Kuba wollen Beziehungen normalisieren

    Aus Tagesschau vom 17.12.2014

    In den seit Jahrzehnten angespannten Beziehungen zwischen den USA und Kuba gibt es Zeichen für eine Annäherung. Das Weisse Haus hat weitreichende Änderungen seiner Politik gegenüber der Karibikinsel angekündigt. Einschätzungen von USA-Wirtschaftsexperte Jens Korte.

  • Der kubanische Präsident Raul Castro und US-Präsident Barack Obama.

    Tauwetter zwischen Kuba und den USA

    Aus Echo der Zeit vom 17.12.2014

    Kuba hat einen seit 2009 wegen Spionageverdachts inhaftierten US-Bürger freigelassen. Der 65-jährige IT-Spezialist und Entwicklungshelfer ist aus humanitären Gründen freigekommen. Der Fall hatte der vorsichtigen Annäherung nach Obamas Amtsantritt einen Rückschlag versetzt.

    Monika Oettli, Beat Soltermann und Richard Bauer