Was geschah mit dem verschollenen Gemälde?

Das Projekt #kunstjagd, in dem das Rechercheteam von «Follow the Money» versucht, ein im Dritten Reich verschollenes Gemälde einer jüdischen Familie aufzuspüren, geht in die zweite Woche. Hier berichtet «Follow the Money» von den Stationen und Fortschritten der Recherche.

Vor ein paar Wochen schon haben wir die Rückerstattungsakte von Paula Engelberg angefordert. Mit einer Vollmacht von Edward Engelberg. Hoffentlich rechtzeitig. Den Antrag, den Paula im Jahr 1948 handschriftlich gestellt hat, ist die einzige Quelle, aus der sie direkt mit uns spricht. Vielleicht erzählt sie uns, was sie mit ihrer «Mona Lisa» in jenen Novembertagen gemacht hat - das ist unsere Hoffnung.


«Die #kunstjagd - Episode 2»

6:32 min, aus SRF 4 News Digital vom 28.05.2015

Jetzt stehen wir vor Christoph Bachmann im Bayerischen Staatsarchiv in der Schönfeldstrasse in München. Bachmann ist der leitende Archivdirektor. Er ist da, wie verabredet, aber die Akte 255/51 nicht. Bachmann flucht sanft auf Bayrisch, «ist halt ein Beamtenapparat hier», entschuldigt er sich. Es ist Freitagnachmittag vor Pfingsten, trotzdem bearbeitet er einen Kollegen im Magazin der Aussenstelle solange am Telefon, bis der die Akte schliesslich mit einem Taxi in die Innenstadt schickt.

Im Lesesaal im ersten Stock schlagen wir die vergilbte Mappe auf. Paula Engelberg beschreibt einen rot-braunen Koffer, den sie im Dezember 1938 ins Depot der Deutschen Bank einschliessen liess. Darin 13 Wertgegenstände wie eine goldene Uhr, Halsketten, Tafelsilber. Erinnerungen an ihre Hochzeit. Wert: 6365 Reichsmark. 1941 konfiszierte der Oberfinanzpräsident München den Koffer und versteigerte den Inhalt. Für 716 Reichsmark. Erst 1959, Paula ist schon gestorben, sprach ihr der Freistaat Bayern posthum 3600 D-Mark zu. Damit seien ihre Ansprüche abgegolten, hiess es.

600 Menschen auf der Suche nach einem Gemälde

Auf keiner der mehr als 100 Seiten ist die Rede von einem Gemälde. Unsere Enttäuschung kontert Bachmann mit dem Satz: «Wäre ja auch zu einfach gewesen.» Und dann gibt er uns noch mit auf den Weg, dass er, wäre er an unserer Stelle, gar nicht erst anfangen würde zu suchen.

Haben wir aber längst, und überhaupt, Bachmann hat ja auch kein Whatsapp. Als wir ihn in unsere Gruppe aufnehmen wollen, antwortet er stolz: «Ich bin der letzte, der kein Smartphone hat.» Schade, sonst wüsste er, dass sich schon mehr als 600 Menschen mit uns auf die Suche nach dem verschollenen Gemälde gemacht haben. Ein Galerist aus Wien zum Beispiel zweifelt an Edward Engelbergs Erinnerung, dass seine Mutter das Bild tatsächlich aufgerollt haben könnte. Otto Stein, der Maler des Bildes, schreibt er, habe oft auf Pappe oder Karton gemalt. Und selbst eine Leinwand könne man nicht mal eben aus einem Keilrahmen entfernen, ohne das Bild zu beschädigen.

Die Rückmeldungen der meisten Teilnehmer kreisen wie unsere Gedanken um die Frage, was Paula an jenem Novembertag mit dem Bild gemacht haben könnte. Einer ist sich sicher, dass sie nicht spontan, sondern nach einem Plan gehandelt haben muss. Und das es dabei nicht um Geld gegangen sein kann, sonst hätte sie ihren Schmuck und das zweite Gemälde auch versetzen müssen. Sie muss jemanden gekannt haben, der das nicht besonders wertvolle Bild gegen eine Gefälligkeit eingetauscht hat, spekuliert ein anderer. Die Gestapo hätte es ihr einfach abgenommen und das Schweizer Konsulat sei sicher nicht bestechlich gewesen.

Diese Fragen unserer Zuschauer, Zuhörer und Leser haben wir mit auf die Suche genommen:

  • Hatten die Engelbergs eventuell «arische», aber nicht nationalsozialistische Freunde, die das Bild aufbewahren oder kaufen hätten können?
  • Gab es einen Bekannten der Familie mit Kontakten zum Schweizer Konsulat oder zur Gestapo?
  • Was war das Bild damals ungefähr wert?
  • Warum hat sie nur eines der zwei Gemälde abgegeben?
  • Welche Kunsthändler waren damals in Reichweite?
  • An welchem Tag und unter welchen Voraussetzungen wurde das Visum ausgestellt?

Was wir definitiv schon sagen können:

Das Bild hatte auch damals keinen Wert, Stein galt als «entarteter» Künstler.

Als wir mehr über das Visum der Engelbergs erfahren wollen, verweist uns das Schweizer Konsulat an den historischen Dienst der Schweizer Botschaft. Die Akten beim Bundesarchiv in Bern haben wir bestellt, bis zur Einsichtnahme müssen wir uns aber noch zwei, drei Wochen gedulden.

Welchen Weg hat Paula Engelberg genommen?

Bleibt die Frage nach Freunden und Bekannten der Engelbergs und nach Galerien und Auktionshäusern, die sich möglicherweise auf Paulas Weg befunden haben könnten ...

Vergangene Woche sind wir deshalb mit dem Münchner Stadthistoriker Andreas Heusler von der Wohnung der Engelbergs bis zur Ottostrasse gelaufen. Dorthin also, wo das Schweizer Konsulat 1938 seinen Sitz hatte. Heusler versucht seit Jahren, die Geschichte der Münchner Juden aufzuarbeiten. Etwa in einem digitalen Gedenkbuch (Gedenkbuch der Münchner Juden), einer Datenbank, in der an jüdische Familien erinnert wird, die die Nazis zwischen 1933 und 1945 ermordeten. Trotzdem seien viele jüdische Familienbiografien noch nicht aufgearbeitet, sagt er. Und vor allem, was aus ihrem Besitz geworden ist. Auch über die Geschichte der Engelbergs weiß Heusler leider nichts und auch nichts von Holocaust-Überlebenden, die die Engelbergs gekannt haben könnten.

So kommen wir nicht weiter, Paulas Weg verzweigt sich nach dem Gespräch mit dem Historiker immer weiter, wir wissen ja nicht einmal, ob sie zu Fuß gegangen ist oder die Straßenbahn genommen hat. Hat sie den direkten Weg durch die Drückebergergasse gewählt oder ist sie dem dortigen SS-Posten lieber aus dem Weg gegangen? Immerhin nennt uns Heusler eine Reihe von Galerien, die sie damals zu Fuß hätte erreichen können.

«Es ist schwierig, aber keineswegs unmöglich»

Am nächsten Tag sind wir mit dem Provinienzforscher Christian Fuhrmeister im Zentralinstitut für Kunstgeschichte verabredet. Es liegt am Königsplatz, dem ehemaligen Aufmarschplatz der Nazis in München. Nach dem Krieg richteten die Amerikaner hier einen der drei Central Art Collecting Points ein, eine Sammelstelle für die Rückführung der von den Nazis erbeuteten Kunstgegenstände. Im Keller des Instituts stehen noch die Registraturschränke, in denen einst die NSDAP-Mitglieder auf Karteikarten vermerkt waren.

Wir erzählen Fuhrmeister von unserer Suche. Seine erste Reaktion: «Es ist schwierig, aber keineswegs unmöglich.» Immerhin. Und Fuhrmeister verschwendet keine Zeit, setzt sich an seinen Rechner und beginnt nach dem Künstler Otto Stein zu suchen. Er entführt uns in seine Welt, durchkämmt mit uns Kataloge, durchforstet noch einmal die Gurlitt-Funde von Schwabing und Salzburg, gleicht die wichtigsten Datenbanken ab, rast in die Photothek, in der mehr als 900 000 Abbildungen von Kunstwerken archiviert sind. Wir rennen Fuhrmeister hinterher, durch hallende Gänge, eine Wendeltreppe hinab, in eine der größten kunsthistorischen Bibliotheken der Welt.

Dort finden wir die Dissertation über Leben und Werk von Otto Stein, eingereicht an der Universität Leipzig von Olaf Thormann 1992. Fuhrmeister zieht das Buch aus dem Regal und blättert im Namensregister. Kein Engelberg. Trotzdem ist klar, dass wir Thormann treffen müssen. Bevor die Engelbergs nach München gezogen sind, hatten sie wie Stein in Chemnitz gelebt. Dort könnten sich ihre Wege gekreuzt haben.

«Entartete» Kunst im Hinterzimmer der Galerie

Paulas Möglichkeiten kann auch Fuhrmeister kaum eingrenzen: Zwischen Brienner Strasse und Ottostrasse habe sich damals fast der gesamte Münchner Kunsthandel konzentriert, sagt Fuhrmeister. Er zeigt eine historische Karte, auf der die damaligen Galerien eingezeichnet sind und nennt uns jene, die Künstler wie Stein gehandelt haben könnten: Caspari, Franke, Wimmer.

Die Galerie Wimmer gegenüber vom Wittelsbacher Platz existiert bis heute. Wir treffen uns mit der Inhaberin Christine Rettinger. Doch auch sie hat von Stein noch nie etwas gehört. Sie schickt uns in die Bibliothek der Neuen Pinakothek, weil dort drei alte Fotoalben aufbewahrt sind, die über die Künstler Auskunft geben, mit denen Wimmer vor dem Krieg gehandelt hat. Doch auch hier keine Spur von Stein.

Auch die Galerien Caspari und Franke wollen wir uns genauer ansehen. Über Anna Caspari gibt es Fuhrmeister zufolge eine wissenschaftliche Arbeit, die wir uns besorgen. Und um mehr über Günther Franke zu erfahren, kontaktieren wir den Kunsthistoriker Frank Billeter. Franke war ein Kunsthändler, der während des Nazi-Regimes heimlich im Hinterzimmer seiner Galerie «entartete Kunst» sammelte und so die Werke von Malern wie Max Beckmann vor der Zerstörung rettete. Könnte Franke 1938 auch das Bild eines jüdischen Malers wie das von Otto Stein gekauft haben?

Franke, 1976 gestorben, war eng mit dem Kunsthändler und Maler Hugo Troendle befreundet, erzählt uns Billeter. Und Troendle wiederum war ein Freund von Stein. Wenn es stimmt, dass Otto Stein mit der Familie Engelberg persönlich bekannt war, sagt Billeter, sei zumindest denkbar, das Paula Engelberg über Stein Kontakt zu Hugo Troendle aufnimmt, der sie an die Galerie Franke vermittelt. Billeter steigt für uns in sein Archiv, findet aber nichts über einen möglichen Verkauf in den Geschäftsunterlagen der Galerie über ein Stein-Gemälde. Die Ausstellungskataloge sind verschollen. «Wenn ich noch auf etwas stossen sollte, gebe ich Ihnen Bescheid», tröstet uns Billeter. Und gibt uns, bevor wir München verlassen, noch mit auf den Weg: «Fragt Thormann unbedingt nach dem Kunsthändler Troendle.»

Die #kunstjagd auf Radio SRF 4 News ab dem 21. Mai 2015 jeweils donnerstags, um 9.45 und 15.15 Uhr sowie täglich auf srf.ch/news, Whatsapp, Facebook, Twitter, Instagram, Soundcloud, und Vimeo.

Die #kunstjagd

Die #kunstjagd

Ein vor 77 Jahren verschollenes Gemälde, dem über 30 Menschen ihr Leben verdanken. Eine Suche, deren Ende völlig offen ist. Ein Rätsel, das wir mit Ihnen gemeinsam lösen wollen. Alles ist möglich, und Sie können live dabei sein. Das ist die #kunstjagd.

Die Kooperation

«Follow the Money» (kurz FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

«Follow the Money»

«Follow the Money» (FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

Gemeinsam mit der Filmproduktion Gebrüder Beetz sowie BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, Rheinische Post, SRF und Süddeutsche Zeitung begibt sich FtM auf die #kunstjagd.