Was hat die Suche gebracht?

Über Wochen haben Reporter und Leser nach einem verschollenen Bild gesucht. Die Reise führte in viele Länder. Was ist dabei herausgekommen?

Auf einem jüdischen Grabstein liegen kleine Steine.

Bildlegende: Besucher auf jüdischen Friedhöfen pflegen kleine Steine auf die Grabsteine zu legen. Als Erinnerung. Keystone

Bei der Recherche nach dem verschollenen Bild der Familie Engelberg konzentrierte sich die Suche auf ein kurzes Zeitfenster. Paula Engelberg hatte 1938 ein Bild des Künstlers Otto Stein aus dem Rahmen genommen, sorgfältig eingewickelt und ihre Wohnung an der Thierschstrasse 7 verlassen. Zurück kam sie ohne Bild, dafür mit dem lebenswichtigen Visa für die Schweiz.

In den vergangenen Wochen versuchten mehrere Redaktionen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland, das verschwundene Bild aufzuspüren. Unterstützt wurden sie dabei von vielen hundert Zuhörern und Lesern, die bei der Suche halfen. Manche Tipps, manche Erklärungen bewegten sich auf dünnem Eis. Andere Hinweise gaben der Fährte eine neue Richtung.

Vierstelliger Eurobetrag

Eine häufig gestellte Frage war die nach dem Wert des verschollenen Bildes. Das Gemälde wird auf einen niedrigen vierstelligen Eurobetrag taxiert. Also kein Vergleich zu dem erst kürzlich versteigerten Max Liebermann-Gemälde von der Gurlitt-Sammlung.

Das eigentliche Ziel wurde nicht erreicht. Das Bild der Paula Engelberg ist nicht auffindbar. Oder noch nicht, die Suche geht ja weiter. In den Episoden kommen immer wieder Historiker und Journalisten zu Wort. Ein Dokument wird angefordert und nach Stichworten durchsucht. Doch das, wonach man sucht, ist nicht da. Immer wieder hört man die Enttäuschung mit, wenn der grosse Einsatz wenig Ertrag brachte. Mehr als einmal trösteten sich die Ermittler mit Galgenhumor: «Das wäre ja zu einfach gewesen!»

Das wäre zu einfach gewesen. Die Aussicht, nach einem 77 Jahre lang verschollenen Gemälde zu suchen und das Bild irgendwann, irgendwie, irgendwo in einer vergessenen Abstellkammer zu entdecken, so etwas kommt vor – in Hollywood-Filmen oder Krimis.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, ist eine Welt zerstört worden. Sie ist nicht mehr zu kitten, auch nicht durch einen Grosseinsatz versierter Ermittler. Diese Einsicht schmerzt, sie tut weh. Man hätte es der Familie Engelberg von Herzen gegönnt, das verlorene Bild zu finden. Die Familie muss nun weiterhin mit der Frage leben, was Paula mit dem Bild gemacht hat. Vielleicht wurde es als Schmiermittel für die Visa-Beschaffung verwendet, vielleicht liegt auch ein ganz banaler Grund zugrunde.

Hilfsbereite Behörden

Ein jüdisches Sprichwort. Es geht so: «Das Vergessenwollen verlängert das Exil,
das Geheimnis der Erlösung heisst Erinnerung.» Darin liegt viel Weisheit. Die Geschichte der Engelbergs steht exemplarisch für viele jüdische Familien, die ihre Heimat verlassen mussten und in der Ferne neue Wurzeln anlegten. Häufig sind es dann aber die Enkel, die nachforschen und die Erinnerung frisch halten.

Die Suchaktion hat aber auch zu Tage gebracht, wie gross die Hilfsbereitschaft der Behörden ist. Ein wichtiges Papier wird vom Archiv mit dem Taxi zu den Reportern gebracht. Ein Institutsleiter steigt in die Katakomben des Archivs, um nach dem Stein-Bild zu forschen. Eine Bewohnerin öffnet den Reportern die Tür, um die alte Wohnung der Familie Engelberg zu zeigen.

Wie wäre die Suche verlaufen, wenn es sich nicht um eine grossangelegte Suchtruppe gehandelt hätte? Noch immer suchen Urenkel nach den Spuren ihrer Vorfahren. Vielleicht hat «Kunstjagd» diesen Einzelkämpfern Mut gemacht. Dann wäre viel erreicht worden. Denn die Erinnerung ist die Erlösung.

Die #kunstjagd auf Radio SRF 4 News sowie täglich auf srf.ch/news, Whatsapp, Facebook, Twitter, Instagram, Soundcloud, und Vimeo.

Die Kooperation

«Follow the Money» (kurz FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

«Follow the Money»

«Follow the Money» (FtM) ist ein journalistisches Recherche-Startup, das nach Antworten auf klare, instinktiv fesselnde Fragen zu Themenkomplexen sucht, die alle angehen.

Gemeinsam mit der Filmproduktion Gebrüder Beetz sowie BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, Rheinische Post, SRF und Süddeutsche Zeitung begibt sich FtM auf die #kunstjagd.