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International «Die neue Strategie des irakischen Militärs führte zum Erfolg»

Über Ramadi weht wieder die irakische Fahne. Die Rückeroberung der Stadt von der Terrrormiliz IS sei ein wichtiger moralischer Sieg, sagt die Journalistin Svensson in Irak. Zentral sei nun, dass die verfeindeten Sunniten und Schiiten zusammenspannten. Als Vermittler kämen nur die USA in Frage.

Legende: Video Irakischer Ministerpräsident in Ramadi abspielen. Laufzeit 0:58 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 30.12.2015.

SRF News: Das war bereits der dritte Angriff der irakischen Armee auf Ramadi seit die Stadt im Mai von der Terrormiliz IS eingenommen wurde. Warum hat die Rückeroberung dieses Mal offenbar geklappt?

Birgit Svensson: Weil das irakische Militär seine Strategie geändert hat. Bei den zwei vorherigen Versuchen griff das Militär blitzartig an und hat dann einen Stellungskrieg geführt. Das war ziemlich schwierig, weil der IS pausenlos angegriffen hat, indem seine Kämpfer etwa Mörsergranaten geworfen und Minen gelegt haben. Jetzt hat sich das irakische Militär Millimeter für Millimeter an Ramadi herangetastet. Diese Strategie scheint mehr zum Erfolg zu führen als die anderen vorher.

Für die irakische Armee ist die Rückeroberung Ramadis ein beachtlicher Erfolg, nachdem verschiedene Städte im vergangenen Jahr dem IS praktisch kampflos überlassen worden sind. Was ist der Grund dafür, dass die Koordination offenbar verbessert wurde?

Die irakische Armee hat militärisches Training aus der ganzen Welt erhalten. Auch die Amerikaner haben in der Provinz Anbar gezielt sunnitische Stammeskämpfer ausgebildet. Die Schiitenmilizen waren in den letzten Wochen wegen Plünderungen oder Malträtierungen der Bevölkerung in den Schlagzeilen. Doch nun hat die irakische Armee zusammen mit den sunnitischen Stammeskämpfern und den Amerikanern dort das Zepter übernommen. Das scheint koordinierter abzulaufen und zum Erfolg zu führen.

Wie hat man es geschafft, die sunnitischen Stammeskämpfer im Kampf gegen den IS an Bord zu holen?

Man hatte sie schon mal an Bord. Die Amerikaner hatten 2007 mit dem damaligen General Petraeus eine Allianz gegen Al-Kaida gegründet. Die war sehr erfolgreich und verjagte Al-Kaida. Als die Amerikaner 2011 abgezogen sind, haben sie dem damaligen irakischen Premierminister Nuri al- Maliki geraten, dass er die an Bord geholten sunnitischen Kämpfer bezahlen und sie weiterhin als Sicherheitskräfte in Anbar behalten soll. Das hat er allerdings nicht getan. Er hat stattdessen die Löhne nicht bezahlt und Schiiten in hohe Positionen gesetzt. Das gab unglaubliche Spannungen zwischen den beiden Religionsgruppen, was dann letztendlich zum Erfolg des IS führte.

Die Amerikaner haben den Ruf, dass sie zumindest eine Balance zwischen den Sunniten und Schiiten herstellen wollen.

Wie schafft man es, das Vertrauen dieser Sunniten in der Region zurückzugewinnen?

Die Amerikaner haben den Ruf, dass sie zumindest eine Balance zwischen Sunniten und Schiiten herstellen wollen. Wenn es jemand schafft, in Anbar als Vermittler aufzutreten, dann sind es die Amerikaner, denn sie geniessen das Vertrauen. Ganz entscheidend für den jetzigen Erfolg war, dass die Amerikaner gesagt haben, dass die schiitischen Milizen weg müssen. Das war die Bedingung der Amerikaner, damit sie eingreifen. In den letzten Wochen haben sie auch massiv eingegriffen und flogen täglich Angriffe – nicht nur auf Ramadi, sondern auch auf Falludscha und andere Städte in der Provinz Anbar. Die Amerikaner haben auch gesagt, dass sie nur zusammen mit der irakischen Armee und den sunnitschen Stämmen eingreifen.

Welche Rolle spielen denn die schiitischen Milizen?

Eine sehr grosse. Iraks Regierungschef Haidar al-Abadi Abadi muss sich auf sie stützen. So haben sie etwa Tikrit und die Erdölraffinerie in Baidschi zurückerobert. Die Raffinerie war Schauplatz eines monatelangen erbitterten Kampfes, bis die schiitischen Milizen sie zurückerobert haben. Ohne diese Miliz ist der Kampf gegen den IS nicht zu gewinnen.

Dass bei der Rückeroberung Ramadis die irakische Armee massgeblich beteiligt war, ist für sie ein riesiger moralischer und symbolischer Erfolg.

Die Region Anbar ist noch nicht zurück in irakischer Hand. Wie wichtig ist der Erfolg der Rückeroberung Ramadis?

Die Soldaten sind bei den letzten Angriffen zu hunderten desertiert. Das hat ihnen sehr viel Kritik eingebracht – auch vom amerikanischen Verteidigungsminister, der sie als Feiglinge bezeichnet hat. Dass bei der Rückeroberung Ramadis die irakische Armee massgeblich beteiligt war, ist für sie ein riesiger moralischer und symbolischer Erfolg.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Birgit Svensson

Die deutsche Journalistin berichtet seit dem Sturz von Saddam Hussein aus dem Irak. Sie arbeitet für die «Zeit», Deutschlandradio, die Deutsche Welle und für SRF.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Der Daesh (IS) schwächelt nicht, denn sie spielen mit der Angst der Menschen. Viele Daesh-Kämpfer kommen aus Europa, und da hat man so viel Verbindungen, um die Einfluss zu erweitern und Soldaten zu rekrutieren. Und ob die anderen Muslime ausserhalb der Daesh-Ideologie wirklich besser sind oder toleranter, das könnt man selber daran testen, wenn man in Berlin Kreuzberg, Wien Favoriten oder in einem französischen Banlieu den Koran öffentlich kritisiert oder Mohammed-Karikaturen ausstellt.
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    1. Antwort von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
      2) Und dann im Vergleich auf einem beliebigen europäischen Marktplatz die Bibel verbrennt. Oder auch umgekehrt, auf alle Fälle sieht man, welche Religion so moderat ist, wie man immer gern vorgesetzt bekommt.
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  • Kommentar von Walter Wieser (Walt)
    Wie schon frueher erwaehnt war es ein riesen Fehler von Obama die US Truppen 2011 aus dem Irak abzuziehen. Die Lage war damals erstaunlich stabil, nur die irakische Regierung & das Militaer einfach noch nicht bereit so ploetzlich alles zu uebernehmen. Wenn Obama damals (wie auch heute noch), auf die US Generaele gehoert haette, haette man sich all die heutigen Probleme ersparen koennen. Man laesst eine entstehende Baustelle nicht einfach im Stich, sonst zerfaellt alles wieder.
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    1. Antwort von Stanic Drago (Putinversteher)
      Vielleicht wird in USA Situation so erklärt aber in wirklichkeit sieht anders aus. Obama hat Truppe aus Iraq in Afghanistan verlegt mit gleichen Ergebnis. Auch dort ist Taliban und IS auf Vormarsch. Vielleicht ist US Problem ihre Ruf? Kurden haben sie 2003 verraten. Sunitten 2003 entmachtet und Schitten haben sie nie vertraut. Schittische Regierung wird weiter nähe zu Iran Peking und Moskva suchen. Auf dauer fliegt USA aus Iraq raus.
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    2. Antwort von B. Häfeli (xxx)
      Die psychologische Kriegsführung in den USA, natürlich auch bei ihren Verbündeten, zeigt gute Erfolge. Der (Werte-) Gesellschaft wird vorgegaukelt, dass der "Militäreinsatz" etwas Gutes sei. Frieden und Stabilität sei dadurch garantiert. Leider produzieren die USA und deren Verbündete ausschliesslich Chaos, Anarchie und Elend. Krieg bedeutet immer Tod, Verstümmelung, Leid und Verbrechen. Die Medien, incl. SRF notabene finanziert durch Zwangsgebühren, lassen sich vor den Karren der USA spannen.
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  • Kommentar von Thomas Keller (arting)
    Ich vertraue mehr auf Schiiten. Mit Sunniten und den USA habe ich schlechte Erfahrungen gemacht.
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