Zum Inhalt springen
Inhalt

International «Die Türkei wird unberechenbarer»

Die wirtschaftlichen Folgen der Staatskrise machen der türkischen Bevölkerung zurzeit mehr Sorgen als das Machtstreben von Präsident Erdogan. Dies sagt der Journalist Thomas Seibert. Der EU-Flüchtlingsdeal werde mit dem Abgang von Premier Davutoglu kaum kippen, doch der Ton mit Brüssel werde rauer.

Noch keine zwei Jahre im Amt, muss Premier Ahmed Davutoglu das Feld räumen. Der frühere Zögling wurde Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu mächtig, auch als Chef der Regierungspartei AKP. Fragen an Thomas Seibert, freier Journalist in Istanbul.

SRF News: Wie reagieren die Medien in der Türkei auf den Rücktritt von Premier Davutoglu?

Thomas Seibert: Das Medienecho heute Morgen ist genauso polarisiert wie das ganze Land. Die Erdogan-freundlichen Zeitungen berichten vom grossen Appell zur Einheit, den Davutoglu bei seiner gestrigen Rücktrittserklärung machte und dabei vor Ränkespielen warnte. In den Kommentaren heisst es entsprechend, man müsse jetzt zusammenstehen. Die Oppositionspresse sieht das ganz anders und spricht vom «Marsch in ein Ein-Mann-System», in dem Erdogan alles bestimmt. Von einem Präsidialsystem durch die Hintertür und der Aushebelung des Parlaments ist die Rede.

Erdogan hat den Machtkampf gegen Davutoglu für sich entschieden. Wo lagen die Spannungen?

Es ging vor allem um das persönliche Verhältnis zwischen den beiden bezüglich der politischen Ambitionen. Erdogan will in der Türkei ein Präsidialsystem errichten und braucht deshalb einen folgsamen Ministerpräsidenten. Davutoglu hat aber besonders in letzter Zeit immer mehr an Profil gewonnen, was Erdogan nicht passte. Er zwang ihn deshalb zum Rücktritt.

Erdogan hatte seinen Freund und Professor Davutoglu ursprünglich als Berater geholt. Machte nun die Politik aus den einstigen Parteifreunden Rivalen?

Ja. Davutoglu war ehemals ganz klar ein Schützling von Erdogan, ein politischer Quereinsteiger ohne eigene Hausmacht in der Regierungspartei AKP. Er hing also völlig von Erdogan ab. Mit der Zeit gelang es Davutoglu, sich eine eigene Hausmacht aufzubauen, was Erdogan nun unterbunden hat.

War Davutoglu nicht voll auf der Linie Erdogans?

Als Davutoglu vor 20 Monaten begann, galt er als treuer Gefolgsmann von Erdogan. Die Unabhängigkeit von Davotuglu hat sich erst in den letzten Wochen und Monaten entwickelt – etwa bei den Verhandlungen von Davutoglu mit den Europäern über das Flüchtlingsabkommen. Das hat Erdogan ganz und gar nicht gern gesehen.

Wie reagiert die türkische Bevölkerung auf diesen gewichtigen Rücktritt des AKP-Chefs und Ministerpräsidenten?

Es ist ein Thema in den privaten Gesprächen. Es gibt aber keine Demonstrationen oder Massenaufmärsche. Das Leben läuft ganz normal weiter. Besorgt sind allerdings viele Menschen über mögliche Auswirkungen dieser Staatskrise auf die Wirtschaft. Die türkische Lira hat in den vergangenen Tagen gegen den Dollar stark verloren und auch die Börsenkurse sind gefallen. Das interessiert die Leute am meisten. Das politische Geschacher in Ankara ist da ein bisschen weiter weg.

Ist schon abschätzbar, wie die neue Konstellation die türkische Wirtschaft verändern wird?

Erdogan wird noch mehr ins Zentrum der Politik treten, auch der Aussenpolitik. Das heisst, dass Institutionen wie beispielsweise das Auswärtige Amt in Ankara an Bedeutung verlieren wird. Was Erdogan sagt, gilt. Die Aussenbeziehungen werden somit auch abhängiger von den Vorstellungen und Launen des Präsidenten. Die Türkei wird ein Stück weit unberechenbarer.

Gibt es bereits mögliche Nachfolger für Davutoglu?

Mehrere Personen sind im Gespräch, darunter Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak. Ob der 38-jährige Energieminister am Sonderparteitag Ende Monat an die Spitze von Partei und Regierung gehievt wird, ist aber noch offen. Allerdings sagen viele, Erdogan baue seinen Schwiegersohn systematisch auf. Erdogan könnte damit jegliche Reibungsverluste zwischen Präsident und Premier ausschalten und die Probleme des Landes mit seinem Schwiegersohn quasi am morgendlichen Küchentisch besprechen.

Davutoglu galt als diplomatisch, etwa beim Aushandeln des Flüchtlingspakts mit Kanzlerin Angela Merkel. Ist mit seinem Abgang der EU-Deal in Gefahr?

Das bleibt abzuwarten. Erdogan hat sich bekanntlich im Gegensatz zu Davutoglu sehr kritisch über dieses Abkommen geäussert. Er kritisierte auch in den letzten Wochen wiederholt die Europäische Union, weil die versprochenen Milliarden an Hilfsgeldern noch nicht in der Türkei angekommen sind.

Dass Erdogan jetzt den ganzen Deal kippt, halte ich aber für äusserst unwahrscheinlich. Denn damit würde auch die ausgehandelte Visafreiheit für Türken wegfallen. Darauf muss Erdogan achten, denn das ist ein grosses Thema in der Türkei. Allerdings dürfte der Ton zwischen Ankara und Brüssel sehr viel rauer werden.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

23 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Da gibt es andere, nicht-deutsche Reporter, die etwas anderes sagen. Es ist doch ganz einfach: Die Türkei lässt sich nun mal, wie Russland auch, nicht von den Deutschen auf der Nase herumtanzen. Sicher, Erdogan ist auch nicht mein Wunschpolitiker, aber es ist halt nun mal so, dass die Türkei am längeren Hebel sitzt und der Fehler ja letztendlich und vor allem(!) bei den Deutschen selbst liegt (und bei der Unfähigkeit der EU). Da sollten die Deutschen zuerst mal vor der eigenen Türe wischen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Aytac Dogan (1923)
    Zurück aus Istanbul mit gemischten Gefühlen.Einerseits die vielen ehemals geschützten Wälder auf den 7 Hügeln in Istanbul ohne Genehmigung abgeholzt und moderne Wohnsiedlungen gebaut (für Erdogan Family&Friends + Verwandte).Unglaublich viele arabisch sprechende Personen - Voll-Burkas inkl. Sehr viele AKP Neureiche mit teuren Autos (woher die Gelder stammen sollte jeder wissen). Aber zum Glück auch viele moderne Junge Türken die sogar bei "Kandil" Alkohol konsumieren. Eine Stadt mit 2 Gesichtern!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      Ich selbst war ebenfalls in den letzten Monaten geschäftlich in Istanbul und Ismir. Gewisse Veränderungen sind sicher da, aber man muss auch sagen, dass der wirtschaftliche Fortschritt stark spürbar ist, dies trotz der nicht ganz einfachen Situation, in welcher sich die Türkei befindet (Ukrainekrieg, Boykotte von Seiten der Russen, der Syrienkonflikt, etc.). Ich betrachte die Phase Erdogan als vorübergehend.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    die USA werden niemals ihr Interesse an der Türkei aufgeben. Der Bosporus ist für sie zu wichtig. Und Merkel darf sich nicht dagegen stellen. Wir werden es erleben, wenn sie ihre erstes Statement abgibt. Und das weiss Erdogan und wird immer dreister und fordender werden.dazu hat er noch die Flüchtlinge als Machtmittel. Man darf weder von Brüssel noch von Merkel eine harte Gegenreaktion erwarten. Auch Frau Sommaruga wird Mitläufer bleiben. Die Schlacht ist für uns verloren.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen