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International «Die Wiedervereinigung der Kurden ist sehr unwahrscheinlich»

Mit dem Ende des türkisch-kurdischen Friedensprozesses und der wachsenden Autonomie der irakischen und syrischen Kurden hat die kurdische Frage neue Aktualität bekommen. Warum mit einem länderübergreifenden Kurdistan nicht zu rechnen ist, erklärt der Genfer Professor Jordi Tejel.

Frauen demonstrieren in Bern für die Freilassung  Abdullah Öcalan.
Legende: Mit der Verhaftung vom PKK-Chef Abdullah Öcalan verlor sich auch die Idee eines grenzüberschreitenden Kurdistans. Keystone

Das Ende des türkisch-kurdischen Friedensprozesses und das Erstarken der Kurden durch den Zerfall der staatlichen Strukturen im Irak und in Syrien beleben die kurdische Frage. Eine Vereinigung der rund 25 Millionen Kurden aus der Türkei, Syrien, Iran und Irak ist aber nicht im Sicht. Der Professor für internationale Geschichte am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf Jordi Tejel erklärt, was einem grenzüberschreitenden Kurdistan im Weg steht.

SRF News: Herr Tejel, gibt es derzeit eine Bewegung, die eine Vereinigung aller Kurden und die Gründung eines kurdischen Staates anstrebt?

Jordi Tejel: Eine Vereinigung der Kurden aus allen vier Ländern wurde vor allem in den 1980er und 1990er von der PKK gefordert. Mit der Verhaftung des PKK-Führers Abdullah Öcalan 1999 hat die PKK ihre Wiedervereinigungsbestrebungen fallen gelassen. Aktuell existiert in keinem der vier Länder eine kurdische Bewegung, die eine Abspaltung vom Staat und eine Vereinigung der Kurden anstreben würde. Es ist aber nicht so, dass sich die Kurden diese Wiedervereinigung nicht wünschen würden.

Warum haben die Kurden die Idee eines kurdischen Staates aufgegeben?

Ein Grund ist sicher die Tatsache, dass die Regierungen der vier Länder zusammenarbeiten würden, um eine Wiedervereinigung zu verhindern. Solche Kollaborationen fanden in der Vergangenheit bereits mehrfach statt. Umgekehrt hat die PKK auch schon mit den Regierungen der anderen Ländern zusammengearbeitet. So unterstützte sie beispielsweise Syrien unter Hafiz al-Assad in den 1980er und 1990er Jahren die PKK gegen die Türkei.

Wie wahrscheinlich schätzen Sie eine Wiedervereinigung der Kurden unter ein und derselben Flagge ein?

Die Wiedervereinigung der Kurden aller vier Länder ist auch mittelfristig sehr unwahrscheinlich. Am ehesten erwarte ich einen kurdischen Staat im Norden des Iraks. Dafür spricht zum einen, dass die Autonome Region Kurdistan bereits existiert und sie von den USA unterstützt wird. Zum anderen ist der irakische Staat geschwächt. Allerdings muss man aber auch bedenken, dass die USA kein Interesse an einem irakischen Kurdistan haben, sondern sich dafür einsetzen, dass die internationalen Grenzen gewahrt bleiben.

Wenn wir die Situation der einzelnen Länder betrachten, wie ist die Situation der Kurden in der Türkei im Vergleich zu jenen im Irak?

Die Situation der Kurden in der Türkei ist paradox. Zum einen war die Kurdenfrage lange Zeit ein Tabu. Auch gab es verschiedene Versuche die kulturelle Identität der Kurden auszulöschen. Verglichen mit dem Irak, der zwar die Kurden anerkannte, sie aber in den 1980er Jahren unter Saddam Hussein mit chemischen Waffen auszulöschen versuchte, waren die türkische Unterdrückung niemals so extrem. Ab den 1990er Jahren versuchte aber auch die Türkei die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden mit einer Politik der verbrannten Erde einzudämmen. Dabei wurden zahlreiche Dörfer und Ernten zerstört und viele Kurden in türkische Grossstädte oder ins Ausland vertrieben.

Wieso wurde den Kurden in der Türkei kein Recht auf Autonomie zugestanden?

Bei der Gründung der türkischen Republik in den frühen 1920er Jahre wurde den Kurden die Autonomie innerhalb des Staates in Aussicht gestellt. Das Versprechen wurde aber nie eingelöst. Zwar gab verschiedene Verhandlungsversuche zwischen den türkischen Behörden und den Türken, aber sie führten nie zu einem Ergebnis, weil beide Parteien sehr unterschiedliche Visionen einer Einigung haben. Die Türkei zieht ein kulturelles Recht und eine Dezentralisierung in Betracht. Die Kurden aber wollen eine territoriale Autonomie. Doch diese wird ihnen die Türkei nur sehr ungern zugestehen.

Wie sieht es mit einem Kurdistan innerhalb Syriens aus?

Die syrischen Kurden kannten bis 2012 nur einen politischen, aber keinen bewaffneten Kampf. Seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs kontrolliert die PKK die kurdischen Enklaven Afrin und Kobane. Theoretisch könnten diese zu einem autonomen Kurdistan innerhalb Syriens zusammenwachsen. Die Türkei versuchte dieses Szenario zu verhindern, indem sie vor allem die islamistischen Gruppen im Bürgerkrieg unterstützte. Nun hat die Türkei den USA ihre Hilfe im Kampf gegen den IS zugesagt und eingewilligt, einen Hilfskorridor für die Rebellen zu bilden. Ihre Bedingung war aber, dass dieser Korridor die kurdischen Enklaven nicht verbindet, damit kein zusammenhängendes Kurdengebiet entsteht.

Gibt es im Iran auch eine Unabhängigkeitsbewegung?

Im Iran gibt es seit den 1980er Bewegungen, die sich für die Autonomie der Kurden im Land einsetzen. Aktuell fordert die Partei für ein Freies Leben in Kurdistan (Pjak) kulturelle Rechte für die iranischen Kurden. Die Pjak steht der PKK nahe, erhält von dieser aber nicht viel Hilfe in ihrem Kampf gegen die Islamische Republik Iran, denn die PKK ist auch ein Verbündeter des iranischen Staates gegen die Türkei.

Die PKK

Die Arbeiterpartei Kurdistans, eine kurdische, marxistische Untergrundorganisation, hat ihren Ursprung in den kurdischen Siedlungsgebieten innerhalb der Türkei. Sie kämpft aber auch militärisch in Syrien und im Irak. Die Organisation und ihre Ableger werden von der EU und den USA als terroristisch eingestuft.

Jordi Tejel

Jordi Tejel

Jordi Tejel ist Professor für Internationale Geschichte am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf. Er erforschte unter anderem die Bewegung der kurdischen Türken im Exil, die Geschichte der kurdischen Syrer und allgemein die kurdische Frage in der Vergangenheit und in der Gegenwart.

4 Kommentare

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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Bei Kurden wie bei vielen anderen Ethnien innerhalb Staaten war oft zuerst Unterdrückung vor dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Erfolgreiche Multiethnien-Staaten lassen möglichst vielen Menschen eine Chance zur Entfaltung. So werden sie wirtschaftlich als auch kulturell erfolgreich. Auch möglichst grosse Gleichberechtigung von Frauen fördert diese Entwicklung. Einige Staaten in Nahost fühlen sich schwach und unterdrücken als Reaktion verschiedene Ethnien innerhalb ihres Landes. Eine schlechte Idee.
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  • Kommentar von M. Pestalozzi, Zürich
    Wiedervereinigung? Dieses Wort kommt im Titel und nachher im Interview wiederholt vor, als ob Kurdistan so etwas wie Deutschland oder Korea wäre, ein einstiger Nationalstaat, der von anderen Mächten oder Ideologien zerschlagen wurde. Nach meinem Wissen hat es nie einen kurdischen Nationalstaat gegeben, ebenso, wie es nie vor der Gründung Israels einen palästinensischen Nationalstaat gegeben hat.
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  • Kommentar von m.mitulla, wil
    Die Kurden bräuchten starke verbündete. Aber solange die Türkei - unterstützt von den USA - alles daran setzt, kurdische Korridore oder kurdische Autonomie in allen Ländern zu schwächen, sei es politisch, wirtschaftlich oder mit Gewalt, haben die Kurden keine Chance. Erschwerend kommt hinzu, dass die USA hinter der Türkei stehen. Im Kurdengebiert des nördlichen Irak gibt es Ölquellen, was natürlich Begehrlichkeiten auf allen Seiten weckt...
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