Ein Jahr nach Fabrikeinsturz: Viel Arbeit für die Inspektoren

Es ist das schwerste Unglück der Textilindustrie überhaupt: Vor einem Jahr sind 1138 Menschen beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Sabhar ums Leben gekommen. Der Ruf nach besseren Sicherheitsstandards war damals gross. Doch was konnte die Initiative Accord Bangladesh bislang erreichen?

Die Bilder von damals: Einsturz der Textilfabrik in Dhaka

Gebäudestatik, Elektrisches und Feuersicherheit – auf diese Punkte hin hat ein Inspektionsteam von Accord Bangladesh die Textilfabrik Alif Garments Ltd. in Dhaka überprüft. Alif ist eine von über 5000 Fabriken in Bangladesch, welche Textilien an ihre internationale Kundschaft wie H&M, Adidas oder Benetton liefert.

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Schleppende Hilfe für die Opfer

1:17 min, aus Tagesschau vom 24.4.2014

Sofortmassnahmen sind bei Alif Garnments Ltd. laut Accord-Bericht nicht notwendig. Das Geröll auf dem Fabrikdach konnten die Arbeiter selbst wegräumen. Hingegen müssten Standort und Stärke der Betonpfeiler mittelfristig überprüft werden. Dafür braucht Alif Garments Ltd. finanzielle Unterstützung.

Kontrollen kommen langsam voran

Erst zehn derartige Berichte sind online bei Accord Bangladesh einzusehen. Auf Sicherheitsstandards sollen hingegen bereits 300 Textilfabriken überprüft worden sein. Christa Luginbühl von Erklärung von Bern (EvB) ist mit dem jetzigen Stand der Inspektionen zufrieden: «Der Accord hat erst im Dezember 2013 die Inspektionsarbeit aufgenommen. Politische Unruhen haben eine Einreise zeitweise verhindert, aber jetzt gehen die Arbeiten gut voran.»

Eine Instantlösung darf man auch nicht erwarten: Insgesamt sind es 2500 Zulieferer, die von den Firmen des Abkommens angegeben wurden. Fünf Jahre hat Accord Bangladesh für die Umsetzung des Aktionsplanes nun Zeit. Finanziert von jenen 150 Firmen, welche das Abkommen bislang unterzeichnet haben.

Bei Schweizer Firmen auf Granit gebissen

Weltweit engagiert haben sich 150 Firmen für den Accord, in der Schweiz davon einzig Switcher und Charles Vögele. Viel ist das nicht. Die von der Erklärung von Bern (EvB) angefragten Grossverteiler Migros, Coop, aber auch Chicoree, Zebra und Tally Weijl sind nicht dabei.

Die Überzeugungsarbeit sei recht harzig gewesen, kommentiert Christa Luginbühl von EvB. Obschon Migros und Coop auch gehandelt und selbst eigene Experten zur Kontrolle ihrer Zuliefer-Fabriken eingesetzt haben, Luginbühl versteht das nicht: «Es ist sehr enttäuschend, dass die grossen Ketten nicht mitmachen, und auch nicht nachvollziehbar.»

Der Konsument hätte keine Freude

Peter Waeber, CEO von Bluesign Technologies, bedauert den Aktionismus und Alleingang vieler Unternehmen. Waeber setzt sich für einen ökologischen und nachhaltigen Einsatz von Chemikalien in der Textilproduktion ein. Firmen wie Zimtstern, Patagonia oder Jakoo gehören zu seinen Kunden.

«Die grossen Missstände liegen vor allem im unachtsamen Umgang mit Chemikalien und bei den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen», präzisiert Waeber. «Wenn die Konsumenten wüssten, unter welchen Umständen ihr billiges oder selbst teures Label-Produkt hergestellt worden ist – niemand hätte mehr Freude daran.»

«Hersteller müssen mehr Druck machen»

Nur wenn die Markenhersteller sich zusammenschliessen und gemeinsam Druck machen, könne man eine Besserung erreichen. Davon ist der engagierte Geschäftsführer überzeugt.

Dieses Argument sticht, wenn man weiss, dass nur ganz grosse Umsatzvolumen in der Textilindustrie mit ihren sehr kleinen Margen etwas bewirken. Selbst Weltmarken wie Nike oder Adidas machen mit ihrem Auftragsvolumen in gewissen Betrieben zum Teil weniger als fünf Prozent des gesamten Auftragsvolumen aus. In solchen Fällen wede es schwierig, Unternehmen für eine nachhaltige Produktion zu motivieren, erklärt Waeber.

Die grossen Brands könnten sich mit einer umweltbewussten und sozialverträglichen Produktion ein richtig gutes Image geben. Dann ist der Kunde auch bereit mehr zu zahlen: Buy less, but the best. Also lieber weniger kaufen, dafür das Beste – sollte die Devise lauten.

Was ist Accord Bangladesh?

Accord Bangladesh wurde von internationalen Gewerkschaften nach dem Unglück initiiert. Weltweit haben 150 Unternehmen das rechtsbindende Abkommen unterzeichnet. Damit verpflichten sie sich, Fabriken ihrer Zulieferer auf Gebäudesicherheit zu überprüfen. Fehlen dem Lieferanten für allfällige Sanierungen die Mittel, leisten sie finanzielle Hilfe.

Opfer warten auf Entschädigung

Die Clean-Clothes-Kampagne, die sich für faire Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einsetzt, hat einen unter dem ILO-Vorsitz verwalteten Entschädigungsfond mitinitiiert. Für die Kompensationszahlungen an die Opfer braucht es 40 Millionen Dollar. Doch bislang ist erst ein Drittel der Zielsumme zusammen gekommen.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • «Die Migros könnte sich ein Imageproblem gar nicht leisten»

    Aus SRF 4 News aktuell vom 24.4.2014

    Ein Jahr nach dem Unglück gibt es ein Sicherheitsabkommen. Westliche Kleiderfirmen verpflichten sich dabei, die Fabriken ihrer Hersteller in Bangladesh auf die Sicherheit überprüfen zu lassen - von unabhängigen Inspektoren. Nicht dabei von den Schweizer Firmen ist die Migros.

    Urs Peter Naef, Mediensprecher der Migros erklärt, warum die Migros das Abkommen nicht unterzeichnet hat.

    Barbara Peter

  • «Die Firmen wollen nicht zugeben, dass sie mitschuldig sind.»

    Aus SRF 4 News aktuell vom 24.4.2014

    Um die Opfer und Hinterbliebenen zu entschädigen, sollten 40 Millionen Dollar zusammenkommen. Das sieht ein Abkommen vor. Doch bis heute haben die Firmen, die damals im Rana Plaza produzierten, nur 15 Millionen Dollar einbezahlt. Silvie Lang von der Erklärung von Bern ist empört darüber.

    Lukas Mäder