Eine Beruhigungspille für Flugpassagiere?

Piloten von deutschen Flugunternehmen sollen häufiger kontrolliert werden. Das hat das deutsche Parlament beschlossen. Aviatik-Experte Stefan Eiselin glaubt allerdings nicht, das diese Massnahme alleine viel bringen wird.

Wrackteil der angestürzten Germanwings-Maschine auf steinigem Gelände.

Bildlegende: 150 Tote: Am 24. März 2015 crashte die Germanwings-Maschine – vom Copiloten gesteuert – gegen die Französischen Alpen. Reuters

Das deutsche Parlament reagiert auf den Germanwings-Absturz vor einem Jahr, als sich ein lebensmüder Pilot zusammen mit 149 Passagieren in den Tod stürzte. Laut einem neuen Gesetz sollen Piloten auf Drogen und Medikamente untersucht werden – unangekündigt. Und die Resultate sollen in einer Datenbank gespeichert werden.

SRF News: Sind Passagiere mit mehr Kontrollen wirklich besser geschützt?

Stefan Eiselin: Diese Massnahme bringt nicht so viel. Der Copilot von Germanwings hatte eine massive psychische Störung, und die sieht man mit Alkohol- und Drogenkontrollen nicht. Das war ja auch nicht sein Problem. Auch Medikamente zu erkennen ist nicht immer ganz einfach. Von dem her glaube ich, dass das mehr eine Massnahme nach aussen ist, um die Passagiere zu beruhigen, als eine, die etwas verhindert. Aber man kann so signalisieren, dass es ganz klar eine Nulltoleranz gibt.

Heisst das, dass sich der Aufwand für die vielen Stichprobenkontrollen gar nicht lohnt?

Die Luftfahrtbranche arbeitet mit dünnen Margen. Momentan hilft ihr der tiefe Ölpreis ein bisschen. Aber das kann sich auch wieder ändern. Dennoch muss man sehen: Ja, es ist ein Aufwand, aber im Verhältnis zu anderen Aufwänden ist er relativ gering. Und ich glaube, es ist auch ein bisschen eine Werbemassnahme, um darzustellen, dass die deutsche Luftfahrt sicher ist.

Die Ergebnisse der Kontrollen sollen in einer Datenbank erfasst werden, damit Piloten nicht mit einem Ärztewechsel irgendwelche Krankheiten verschleiern können. Wir damit nicht das Arztgeheimnis aufgeweicht?

Es war ein grosses Problem von Copilot Andreas L., dass er fast schon panisch Dutzende von Ärzten aufgesucht hat und diese Ärzte alle nichts voneinander wussten. Das Ausmass seiner Probleme war somit einfach nicht klar ersichtlich. Jeder dieser Ärzte hatte keine Krankheitsgeschichte, musste wieder bei Null beginnen und konnte die Person deshalb nicht richtig einschätzen. Ich finde diese Massnahme wirklich sinnvoll. Natürlich ist es eine Einschränkung und ein Eingriff in die Privatsphäre. Aber hier geht es um das hohe Gut der Passagiersicherheit.


Nach Germanwings-Absturz: Was taugt das neue Gesetz?

5:39 min, aus SRF 4 News aktuell vom 15.04.2016

Sie sagen, es ist ein Eingriff in die Privatsphäre. Machen die Piloten in Deutschland denn ohne Widerstand dabei mit?

Die Piloten reklamieren, das ist klar. Denn diese Kontrollen sind auch ein Misstrauensvotum gegen Piloten, die sich ja eigentlich bisher selbst deklarieren sollten. Kommt hinzu, dass solche Eingriffe in die Privatsphäre immer ein bisschen kritisch gesehen werden. Aber hier würde ich sagen, dass es um eine Abwägung dieses Rechtsgutes der Privatsphäre und dem Wohl oder der Sicherheit der Passagiere geht. Da ist für mich klar, was schwerer wiegt.

Es handelt sich um ein deutsches Gesetz. Was wird auf EU-Ebene getan?

Wrackteil der angestürzten Germanwings-Maschine auf steinigem Gelände.

Bildlegende: 150 Tote: Am 24. März 2015 crashte die Germanwings-Maschine – vom Copiloten gesteuert – gegen die Französischen Alpen. Reuters

Die französischen Behörden, die den Absturz untersucht haben, haben verschiedene Empfehlungen abgegeben. Eine betraf auch den Bereich des Arztgeheimnisses. Zum Beispiel müsse klar geregelt werden, wann ein Arzt dieses Geheimnis brechen darf. Nicht nur gegenüber eben einer solchen Datenbank, sondern auch gegenüber Behörden. Das hätte zum Beispiel im Fall von Andreas L. helfen können, da ein Arzt ihm zwei Wochen vor dem Absturz geraten hatte, sich in eine Klinik einzuweisen. Wenn er da die Notbremse hätte ziehen können, wäre das schon hilfreich gewesen.

Heute ist die Lage unklar und die Ärzte unternehmen lieber nichts. Gleichzeitig will man auch dafür sorgen, dass Piloten, wenn sie ihre Probleme selbst deklarieren, ihren Status und ihr Einkommen nicht verlieren. Das ist jetzt oft ein Problem: Piloten verdienen gut, wenn sie einmal ausgebildet sind und wenn sie einmal fliegen. Aber vorher stecken sie oft auch viel eigenes Geld hinein. Und wenn dann ein Pilot seinen Beruf sehr schnell verliert, kann das auch zu Schulden führen. Das sollte man verhindern können, indem man ihm einen anderen spannenden Job mit dem gleichen Lohn anbietet.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Stefan Eiselin

Eiseling an einem Sitzungstisch, links un rechts Redaktionsmitglieder.

Keystone

Der Aviatik-Experte ist Gründer und Chefredaktor des Luftfahrt-Nachrichtenportals «Aerotelegraph». Als Wirtschaftsjournalist schreibt er auch für den «Tages-Anzeiger». Davor war er unter anderem für «Finanz und Wirtschaft» und die «Handelszeitung» tätig.