Zum Inhalt springen

Header

Audio
Fessenheim geht vom Netz - Anfang von Frankreichs Atomausstieg?
Aus Echo der Zeit vom 29.06.2020.
abspielen. Laufzeit 11:45 Minuten.
Inhalt

Energiewende à la française «Die Atomkraft gehört zur Grande Nation»

Fessenheim, das älteste AKW in Frankreich, ist seit Montagnacht definitiv abgeschaltet. Das Land setzt aber immer noch stark auf die Kernenergie: 75 Prozent des Stromes stammt aus AKW. Der Anteil soll bis in 15 Jahren auf 50 Prozent gesenkt werden. Doch die Atomlobby hat in Frankreich nach wie vor grossen Einfluss, erklärt der Energieexperte Mycle Schneider.

Mycle Schneider

Mycle Schneider

Analyst der internationalen Atompolitik

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Schneider ist ein atomkritischer Energieberater. Ursprünglich aus Deutschland, lebt er heute in Frankreich und berät neben diversen Regierungen auch Kommissionen. 1997 wurde er mit dem «Right Livelihood Award», einer Art alternativem Nobelpreis, ausgezeichnet.

SRF News: Ist die Abschaltung von Fessenheim Frankreichs symbolischer Auftakt zum Atomausstieg?

Mycle Schneider: Zwei von 58 AKW, die abgeschaltet werden, sind noch kein Ausstieg aus der Atomenergie. Aber ein Zeichen. Man hätte die Laufzeiten ja auch verlängern können. Von interessierten Kreisen gab es diesbezüglich erheblichen Druck. Der Wille, in andere Richtungen zu denken, ist also da.

Ursprünglich wollte man den Anteil Atomstrom bis 2025 auf 50 Prozent reduzieren. Warum wurde das nach hinten verschoben?

Es wurde damit argumentiert, dass die Treibhausgasemissionen ansteigen würden, wenn man das Ziel bis 2025 hätte erreichen wollen. Wenn man Energiequellen abstellt, die mit wenig direkten oder indirekten CO2-Emissionen auskommen, ist das zweifellos so. Das ist aber das Problem: Die energiepolitische Umschaltung hat nicht früh genug stattgefunden, um auf die richtigen Alternativen zu setzen.

Der Verfall der Kosten bei den Erneuerbaren ist dramatisch.

Warum wurde der Schalter nicht rechtzeitig umgelegt?

Im Wesentlichen hat es damit zu tun, dass die Interessenvertreter der Atomindustrie im französischen Staat gut verankert sind. Sie üben erheblichen Druck auf die Politik und die Regierung aus. Es handelt sich eher um eine Technokratenelite, die die Entscheidungen fällt. Dort ist das Umdenken noch nicht sehr weit vorangeschritten. Der Markt wird aber in Zukunft eine erhebliche Rolle spielen.

Fessenheim
Legende: Im elsässischen Fessenheim wird das betriebsälteste Atomkraftwerk Frankreichs endgültig abgeschaltet. Der erste Reaktorblock des seit Ende 1977 Strom produzierenden Kraftwerks am Rhein war bereits Ende Februar vom Netz genommen worden. Keystone

Man hört immer wieder, dass die Atomkraft quasi zur DNA von Frankreich gehört. Würden Sie das unterschreiben?

Nicht, wenn damit das französische Volk gemeint ist. Es hat schon früh sehr heftige Kritik am Atomprogramm gegeben. Für die staatliche Elite gehört die Atomkraft aber zur «Grande Nation».

Die Produktionskosten für Strom aus Fotovoltaik oder Windenergie sind in den letzten Jahren massiv gesunken. Beim Atomstrom sind sie gestiegen. Warum sattelt die französische Regierung trotzdem nicht schneller um?

Der Verfall der Kosten bei den Erneuerbaren ist dramatisch. Noch vor fünf Jahren haben viele Analysten gesagt, das direkte Umschalten von herkömmlichen Stromsystemen auf Erneuerbare werde unmöglich sein. Es brauche eine Überbrückung durch Erdgas. Niemand hat vorausgesehen, dass die Solarenergie innerhalb von einem Jahrzehnt um Faktor 9 an Kosten sinken würde und die Windenergie um 70 Prozent. Dagegen ist die Atomkraft über ein Viertel teurer geworden.

Fairerweise muss man sagen, dass etwa Deutschland sehr früh auf alternative Energien gesetzt und das Geschäft stark subventioniert hat. Ist der Strom dort deswegen bedeutend billiger als in Frankreich?

Jein. Der Preis für Solar-Panels etwa unterscheidet sich von Land zu Land nicht gross. Grosse Unterschiede bestehen in den «Soft-Kosten» abseits der Materialkosten: Transport- und Werbekosten oder auch die Profitmarge etc. sind in Deutschland geringer.

Für jeden Installateur ist es billiger, wenn er im Umkreis von zehn statt von hundert Kilometern ausreichend Kunden hat.

Aus einem einfachen Grund: Je dichter die Anlangen gebaut werden, umso billiger werden sie. Für jeden Installateur ist es billiger, wenn er im Umkreis von zehn statt von hundert Kilometern ausreichend Kunden hat. Doch auch in Frankreich wird Solar- und Windenergie so billig, dass sie eine echte Konkurrenz zu bestehenden AKW wird.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Fessenheim endgültig vom Netz

Textbox aufklappenTextbox zuklappen
  • Das elsässische Atomkraftwerk Fessenheim ist definitiv abgeschaltet worden.
  • Der zweite Druckwasserreaktor des ältesten Atomkraftwerks in Frankreich ist am Montagabend um 23 Uhr vom Stromnetz getrennt worden, wie der französische Energiekonzern EDF mitteilte.
  • Der erste Reaktorblock des seit Ende 1977 Strom produzierenden Kraftwerks am Rhein war bereits Ende Februar vom Netz genommen worden.
  • Kritikern galt das AKW, das in der Nähe von Basel steht, schon seit Jahrzehnten als Sicherheitsrisiko.
Video
Aus dem Archiv: Der «Green Deal» der EU
Aus Tagesschau vom 11.12.2019.
abspielen

Echo der Zeit vom 29.06.2020, 18 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Karl Kirchhoff  (Charly)
    „Nur ein halbes Milliardstel der von der Sonne abgestrahlten Energie trifft auf die Erde. Dieser winzige Anteil entspricht in einem Jahr der Menge von 1.500.000.000 Terrawattstunden (TWh). Der jährliche Weltgesamtenergieverbrauch beträgt dagegen "nur" ca. 100.000 TWh“. (Quelle Max Planck Institut, Hamburg)
    Es wird Zeit, das diese Energie viel intensiver genutzt wird. Kosten dafür sind ein Bruchteil von denen für Atomkraft ( Entsorgung für Atommüll und Kosten für Unfälle, werden unterschlagen!!)
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Die Kühlsysteme der Schweizer KKWs sind durch Bunker geschützt, und selbst wenn es zur Kernschmelze käme, würden passive Sicherungen und die Schutzhülle den Austritt von radioaktivem Material verhindern. Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (Babs) von 2015 birgt eine mehrmonatige «Strommangellage» im Winter die grösste Bedrohung für die CH in sich; die Folgen eines längeren Blackouts wären ähnlich verheerend wie die eines nuklearen GAUs, aber zehntausendmal wahrscheinlicher
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von ueli hofer  (refoh,parteifrei)
      ... und alles würde still stehen. Nicht einmal mehr sauberes Wasser würde es geben. In den Spitälern würde innert kürzester Zeit die Patienten wegsterben. Ich fürchte, dass die AKW-Gegner solche Umstände nicht zu Ende durchdenken.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von mahmut alane  (holundder)
      1. Würde ein solcher blackout sicher nicht jahrtausende dauern und zig gegerationen verseuchen.
      2. Ist ein langer Blackout aufgrund von Strommangel einfach unwahrscheinlich, ich würde sogar sagen fast unmöglich... Man wäre ja doof es dazu kommen zu lassen.
      3. Werden die erneuerbaren immer billiger und sind ganz klar zukunftstauglich
      4.
      5.
      6. Gibt Tausende Gründe den Generationen vernichtenden atomstrom endlich abzuschaffen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von ueli hofer  (refoh,parteifrei)
      @mahmut alane. Mir müssen Sie nichts glauben. Der Wissenschaft sollten Sie hingegen schon ein bisschen mehr vertrauen schenken. Hierzu rate ich Ihnen das Buch des Physikers Dr. Simon Aegerter " Das Wachstum der Grenzen" "Über die unerschöpfliche Erfindungskraft der Menschen" zur Lektüre. Sie werden sehen, dass Sie bisher einer beispiellosen Verschwörungstheorie verfallen sind.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter Brenner  (Brenner)
    Man weiss gar nicht, wo anfangen, um all den Unsinn zu widerlegen, welchen Schneider -aber auch die Interviewerin- abgelassen haben. Nur ein Beispiel: "Fairerweise muss man sagen, dass etwa Deutschland sehr früh auf alternative Energien gesetzt und das Geschäft stark subventioniert hat. Ist der Strom dort deswegen bedeutend billiger als in Frankreich?" Fakt: Strompreis D 31 Cent, Frankreich 17 Cent. Und mindestens 58 % des CH-Stimmvolks und alle MSM glauben an die "Energiewende". Unfassbar.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Samuel Röthlisberger  (S.Roethlisberger)
      Ich bezahle gerne etwas mehr, um unsere Erde zu retten.
      Atomstrom ist auch wirtschaftlich nicht tragbar: Keine Versicherung wird einen GAU absichern. Und es gibt kein Endlager. Co2-Neutral ist es, wenn man den Uranabbau mit einbezieht, auch nicht und eben dieser Abbau ist lokal ein enormer Eingriff in die Umwelt.
      Herr Brenner, die Sonne scheint umsonst. Noch mehrere Milliarden Jahre.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von ueli hofer  (refoh,parteifrei)
      Welch ein Widespruch Herr Röthlisberger! "Ich bezahle geren etwas mehr, um unsere Erde zu retten". Die Erde retten Sie nicht, indem Sie schmutzigen Strom brauchen. Wind, Wasser und Sonne werden nie ausreichen, in der Schweiz.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von mahmut alane  (holundder)
      @hofer. Wenn jedes Dach in der Schweiz solar panels hat und die wind und wasserkraft ausgebaut wird reicht das locker..
      Ablehnen den Kommentar ablehnen