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International Entführer wollen Ausbildung von Mädchen verhindern

Vor drei Wochen hat die Terrororganisation Boko Haram im Norden Nigerias über 200 Mädchen verschleppt. Bernd Hemingway von der Internationalen Organisation für Migration in Brüssel, die sich mit Menschenhandel beschäftigt, sagt, was die Mädchen erwartet und was er dagegen tut.

Menschen mit Transparenten.
Legende: «Bringt uns unsere Mädchen zurück – jetzt»: Überall in Afrika gibt es Demonstrationen. Keystone

SRF: Weiss man, ob schon Mädchen verkauft wurden?

Bernd Hemingway von der Internationalen Organisation für Migration: Wir wissen momentan nichts über den Verbleib der Mädchen. Alles, was wir haben ist die Erklärung von Boko Haram, dass sie die Mädchen verkaufen wollen.

Wer könnte denn diese Mädchen kaufen wollen?

Es gibt in der gesamten dortigen Region einen Bedarf für den Menschenhandel: Zwangsverheiratung von Mädchen und Arbeitsausbeutung. Sie werden in der Landwirtschaft oder auch im Haushaltsbereich eingesetzt. Dies geschieht auch länderübergreifend.

Die Mädchen könnten also auch nach Europa weiterverkauft werden?

Das wäre reine Spekulation. Momentan fehlen uns solche Erkenntnisse. Eigentlich sind es mehr kriminelle Netzwerke, die in diesen Bereichen ihr Unwesen treiben.

Boko Haram hat 200 Mädchen auf einen Schlag entführt. Ist die Sekte denn auch sonst im Menschenhandel tätig?

Die Erklärung der Organisation lässt nicht darauf schliessen, dass sie als Teil eines organisierten kriminellen Netzwerkes tätig geworden ist. Ihre Gründe sind eher, den jungen Mädchen die Ausbildung zu erschweren oder gar nicht erst zu ermöglichen. Gemäss unseren Erkenntnissen arbeiten im Bereich des kriminellen Menschenhandels eher kleine, interaktive Gruppen zusammen. Die sind auf Gewinn aus.

Offenbar ist Nigeria ein Land, in dem Menschenhandel weit verbreitet ist. Wieso?

Dafür gibt es verschiedene Gründe: Einerseits natürlich die verbreitete Armut, andererseits der geringe Ausbildungsstand. Das macht es kriminellen Netzwerken einfach, in dem Land junge Mädchen zu rekrutieren. Die hoffen auf eine legale Arbeit, etwa in Europa.

Das heisst, Entführungen wie diese sind eher die Ausnahme und die meisten werden einfach mit falschen Versprechen gelockt?

Ganz genau. Es finden Rekrutierungen statt. Man macht Versprechungen und stellt den Mädchen gefälschte Pässe aus. Die meisten der Mädchen begeben sich eigentlich freiwillig in diese Situation, weil sie etwas anderes erwarten. Die wirkliche Versklavung findet aber erst am Endpunkt statt, wo die Mädchen in die Arbeit oder die Prostitution gezwungen werden.

Gibt es Zahlen zu diesem Menschenhandel?

Das ist sehr schwierig. Wir arbeiten häufig mit Opfern, die in ihre Heimat zurückkehren und helfen ihnen sich zu reintegrieren. Wir hatten 2013 in der EU 16 Opfer, die wir betreut haben. Das hört sich nach wenig an. Doch die Dunkelziffer ist immens, weil es sehr schwierig ist, die Opfer überhaupt als solche auszumachen.

Wie muss man sich diese Zusammenarbeit zwischen Ihrer Organisation und den Opfern vorstellen?

Das sind Frauen, die von der Polizei aufgegriffen worden sind. In Europa werden sie zuerst stabilisiert und psychologisch betreut. Wir bereiten sie auf ihre Rückkehr vor. Das ist eine sehr sensible Arbeit.

Man hört immer wieder, dass solche Frauen dann in ihrem Heimatland von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Kann man etwas dagegen tun?

Wir versuchen natürlich auch mit den Gemeinschaften dort zu arbeiten oder auch die Frauen in Bereichen zu reintegrieren, wo ein solcher Ausschluss nicht so schnell stattfindet. Das ist eher in städtischen Gebieten der Fall. Die meisten der Opfer kommen aus ländlichen Gebieten. Dort ist die Reintegration wirklich schwer. Wir investieren sehr viel Zeit, eine Form zu finden, die für die Mädchen und Frauen passt.

Die USA wollen nun helfen, die entführten Mädchen zu finden. Was müsste der Norden denn generell tun, um dem Menschenhandel in Westafrika den Riegel zu schieben?

Natürlich sind entsprechende Massnahmen in der Bildung, Ausbildung, Prävention und Information nötig. Es müsste eine funktionierende Zivilgesellschaft aufgebaut werden, die auch in diesen Bereichen entsprechend tätig wird. Die Mädchen müssen darüber aufgeklärt werden, dass die Versprechen nicht eingehalten werden. Nicht zuletzt ist es auch eine Frage der Entwicklungszusammenarbeit, so dass sich die Armut verringert. Es gibt also noch eine Menge Arbeit.

Das Interview führte Roman Fillinger.

Militär wusste Bescheid

Nigerianische Sicherheitskräfte hätten die Entführung von mehr als 200 Schülerinnen nach einem Bericht von Amnesty International (AI) womöglich verhindern können. Das Militär sei Stunden vor dem Überfall von mehreren Seiten vor der bevorstehenden Attacke gewarnt worden. Trotzdem sei nichts passiert, aus Angst vor einer Konfrontation.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Der ganze Artikel zeigt auf, dass man von der ganzen Angelegenheit keine Ahnung hat! Was diesen Frauen/Maedchen wiederfaehrt ist schlimmste Sklaverei mit massivster Ausnuetzung und zwar sowohl als Arbeitstier als auch als Sexobjekt, wobei im obigen Artikel das Naheliegenste tunlichst verschwiegen wird! Das Erbe des Kolonialismus wiegt schwer, und NIEMAND will Verantwortung uebernehmen, aber Waffen werden zuhauf nach Afrika geliefert. business ist Nr 1... und wo Waffen sind sind auch Machtgierige
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  • Kommentar von B. Kerzenmacher, Frauenfeld
    "One child, one teacher, one pen and one book can change the world" So der Abschlusssatz von Malala Yousafzai bei der Rede vor der UN, in der sie sich für Bildung einsetzt. Neun Monate zuvor haben ihr die Taliban eine Kugel in den Kopf gejagt mit dem Versuch, sie zum Schweigen zu bringen. Terroristen haben Angst vor Büchern und Stiften. Die Macht der Bildung ängstigt sie!
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    1. Antwort von Otto Würz, Winterthur
      Die Macht der Bildung ängstigt nicht nur fundamentalistische Terroristen - sie ist ganz allgemein der größte Feind von Religion und sonstigem Aberglauben.
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  • Kommentar von Ch. Gerber, Basel
    Nach SRF darf man hier ja nicht die Tatsachen nennen, noch was man ehrlich darüber Denkt. Trotz allem SRF ist es so, dass es Terroristen sind, welche Mädchen Sexuel sowie Arbeitsmässig Ausnutzen, weiter Verkaufen und so weiter. Das Schreibt SRF selbst auch. Ebenfalls das es im Nahmen Allah passiert und das sein Wille ist, wie letzte woche von SRF berichtet. Das Fazit muss ich nicht mehr Schreiben das ist wohl allen klar, ebenfalls was ich davon Denke und das ich es Niemanden Wünsche würde...
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