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International Entwicklungshilfe mit teils fatalen Folgen

Anfang März musste die Weltbank einräumen, dass durch ihre Projekte in den vergangenen Jahren Millionen Menschen umgesiedelt oder gewaltsam vertrieben wurden. Künftig wolle man es besser machen, versprach der Chef der weltgrössten Entwicklungsorganisation. Ob das gelingt, ist fraglich.

Ein Mann steht neben seinem zerstörten Haus in Phnom Penh
Legende: Wie hier in Kambodscha 2011 verloren wegen Weltbank-Projekten Tausende Menschen ihr Zuhause. Reuters

Staudämme in Indien, Bergbauprojekte in Haiti, Erdölbohrungen im Tschad – das Geld der Weltbank steckt in vielen Projekten. Eigentlich sollte damit Entwicklung gefördert und Armut gelindert werden. Schliesslich hat sich die Weltbank das auf die Fahnen geschrieben. Und doch passiert in vielen Fällen genau das Gegenteil.

Stellvertretend dafür stehe ein aktuelles Beispiel aus Äthiopien, berichtet die Ökonomin und langjährige Weltbank-Beobachterin Korinna Horta von der Entwicklungsorganisation Urgewald. Dort würden in einem Grossprojekt, an dem die Weltbank beteiligt sei, Kleinbauern von ihren fruchtbaren Feldern vertrieben.

Verstoss gegen bankeigene Sozialstandards

«Unter dem Vorwand, dass ihnen soziale Hilfeleistungen zugute kommen, werden sie dabei auch oft mit grosser Gewalt zwangsvertrieben», führt Horta aus. Ihre fruchtbaren Böden würden dann an grosse Agrarinvestoren vergeben.

Ein klarer Verstoss gegen die bankeigenen Sozialstandards – mit dramatischen Folgen: Von der Armut gehe es nach der Zwangsumsiedlung oft in die Verelendung, sagt Horta. Trotzdem sagt die Aktivistin: Die Sozial- und Umweltstandards, von denen die Weltbank ihre Kreditvergabe abhängig macht, seien sehr gut. «Aber woran es vollkommen hapert, ist deren Umsetzung.»

Nur bei der Hälfte der Umsiedlungen läuft alles gut

Dass es Defizite bei der Umsetzung und Überwachung gibt, hat auch Weltbank-Chef Jim Yong Kim kürzlich nach grossem öffentlichem Druck zugeben müssen. Jörg Frieden, der als Exekutivdirektor unter anderem die Interessen der Schweiz bei der Weltbank vertritt, wird konkreter: Von der Weltbank finanzierte Projekte seien jedes Jahr mit der Umsiedlung Tausender von Menschen verbunden.

Das sei oft notwendig, aber nur bei der Hälfte der Umsiedlungen laufe alles gut. Bei 15 Prozent der Fälle gebe es dagegen grosse Probleme. Und daneben gebe es eine grosse Grauzone, bei der man auch in der Weltbank nicht genau wisse, wie es laufe. Bedenkt man, dass die Weltbank jedes Jahr rund 60 Milliarden Dollar an Krediten vergibt, ist das eine bemerkenswert bedenkliche Aussage.

Kulturproblem bei der Weltbank

Die Verantwortung sieht Frieden vor allem bei den Kreditnehmern, also den Regierungen armer Länder: «Die Projektdurchführung war immer in ihren Händen. Die Bank hat versucht, die Regierungen bei der Durchführung der Investitionen und Umsiedlungen so gut wie möglich zu unterstützen.»

Warum das in vielen Fällen nicht auftragsgemäss funktioniert, mag der Schweizer Weltbank-Vertreter nur vermuten: «Es geht sicher um Mittel, um Finanzen, um Mitarbeiter und ihre Zeit.»

Porträt Jörg Frieden
Legende: Jörg Frieden ist seit 2011 Exekutivdirektor der Schweiz bei der Weltbankgruppe in Washington. Keystone/Archiv

Doch es geht auch darum, dass die Weltbank falsche Anreize setze, sagen Entwicklungsexperten wie der frühere Weltbank-Mitarbeiter Erich Vogt. Er lehrt an der Universität Toronto. «Die Weltbank ist eine Bank. Und da werden auch die Kulturvorgaben einer Bank mit übernommen», sagt er. Wer erfolgreich «umsetze», werde auch bei Beförderungen eher berücksichtigt.

Befördert würden diejenigen, die möglichst schnell viel Geld für Projekte ausgäben. Die Auswirkungen der Projekte auf die Umwelt oder die Armen seien dagegen eher nebensächlich für die Karriere. Die Probleme dürften sich sogar noch verschärfen, befürchtet Vogt. Denn im Rahmen der laufenden Revision der Umwelt- und Sozialstandards werde künftig noch mehr Verantwortung auf die Entwicklungsländer übertragen. Die seien damit aber oft überfordert, sagt der Professor.

Revidierte Sozial- und Umweltstandards

Exekutivdirektor Frieden bestätigt die Pläne der Weltbank indirekt. Viele Probleme tauchten ohnehin erst während der Projekte auf, sagt er. Darum wolle die Bank die langwierigen Vorprüfungen auf Umwelt- und Sozialverträglichkeit künftig abkürzen. Das Geld könne dann schneller fliessen.

Die Weltbank passe sich damit auch der Realität neuer Kräftverhältnisse an, sagt Frieden zur Begründung: «Die neue Realität ist insbesondere, dass die Weltbank heute nur einen winzigen Bruchteil der globalen Investionen in Infrastruktur mitfanziert.» Entsprechend spielten die Bankprojekte keine zentrale Rolle mehr, sondern die eigenfinanzierten Projekte der Regierung.

Weltbank-Chef Jim Yong Kim in einer Aufnahme von 2014
Legende: Weltbank-Chef Jim Yong Kim gelobt Besserung – doch die aktuellen Entwicklungen deuten in die gegenteilige Richtung. Reuters

Der Weltbank erwächst neue Konkurrenz

Frühere Klienten der Weltbank wie China oder Indien können sich inzwischen selbst finanzieren. Sie sind sogar zu Konkurrenten der Weltbank um lukrative Aufträge geworden. Neue Spieler wie die von China dominierte internationale Entwicklungsbank oder grosse Privatinvestoren setzen die Weltbank unter Druck.

Zu strenge Standards könnten daher ein Wettbewerbsnachteil sein, befürchten Teile des Weltbank-Managements. Nicht zu Unrecht: In den letzten Jahren ist der Anteil der Weltbank an den globalen Investitionen auf rund zwei Prozent geschrumpft.

Kritiker warnen vor Politik zu Lasten der Armen

Ziel sei es, «die Wirkung der Bank in diesem Bereich zu verbessern und sicher nicht abzuschwächen», sagt Frieden. Das dürfte klar zu Lasten der Armen gehen, warnen Kritiker wie Horta von Urgewalt. Der vorliegende Entwurf zur Revision der Umwelt- und Sozialstandards sei jedenfalls voller Ausnahmeklauseln und stelle eine ziemliche Aufweichung der bisherigen Standards dar «Damit man hinterher die Weltbank für überhaupt nichts mehr verantwortlich machen kann», so Horta.

Ende Jahr sollen die überarbeiteten Standards in Kraft treten. Sollten sich die Weltbank und ihre Anteilseigner bis dann nicht umbesinnen, droht das Versprechen von Weltbank-Chef Kim, es künftig besser zu machen, wirkungslos zu verpuffen.

Die Weltbank

Die Weltbank
Legende: Keystone

Die Weltbank ist eine internationale Finanzinstitution der Vereinten Nationen, die Kredite für Kapitalprogramme an Entwicklungsländer vergibt. Ihr offizielles Ziel ist die Minderung von Armut. Ursprünglich hatte die 1944 gegründete Institution den Zweck, den Wiederaufbau der vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Staaten zu finanzieren.

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Volker Seitz, Bonn
    Die Weltbank sollte nur noch Bildungsarbeit unterstützen.Der 38-jährige Ghanaer Fred Swaniker gründete die «African Leadership Academy» in Johannisburg für eine künftige Elite, der nicht nur ihre eigene Karriere, sondern das Wohl des Kontinents am Herzen liegt.Der Kontinent dürfe sich nicht länger auf ausländische Investitionen und Entwicklungshilfe verlassen". Afrika muss sein Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen.Volker Seitz, Botschafter a.D./Buchautor
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  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Vor ORT Wasser besorgen, Land zur Verfuegung stellen und Solarpanels installieren.. Saatgut und (Aus)-Bildung geben und die Menschen koennen sich selber ernaehren und wollen BLEIBEN! Und tun automatisch etwas gegen den Hunger der Welt.. Funktioniert (meist) in Suedafrika!
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    1. Antwort von Peter Ornisk, Luzern
      Wasser wird privatisiert, Land wird als grünes Gold gehandelt und den Solarpanels fehlt der Elektroingenieur und Unterhalt. Entwicklungshilfe ist komplexer als man denkt und viele Menschen zeigen sich erstaunlich naiv in diesem Thema. Was im Artikel nicht angesprochen wurde sind die Erfolge welche man erziehlt hat. Die Urwälder von Asien und Brasilien wurden in den letzten 25 Jahren erfolgreich entwickelt. Ergo abgeholtzt.
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    2. Antwort von Franz NANNI, Nelspruit SA
      @ P.O.: Ich bin "vor Ort" ..... und die Minisolaranlagen funktinieren perfekt ohne grosse Wartung.. ( 1meter Panel, Autobatterie und converter/inverter... ) die Heisswasseranlagen sind sogar wartungsfrei... und kann von jedem selber gebaut werden, braucht nur etwas schwarzen Schlauch. Ich besitze Beides! Das Eine als backup wenn der Strom ausfaellt.. zum Fernsehen genuegts, zum Kochen haben wir alternativ Gas.. Das Andere dem Boiler vorgehaengt... und Heisswasser hats zum Verschwenden.
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    3. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      @ F. Nanni: Sehe dies wie Sie: kleine, unabhängige "Unternehmen" bzw. Selbstversorger ist wohl der beste Schritt zur Bekämpfung der Armut. Aber ob die Entwicklung, welche Sie beschreiben, von IWF und WB unterstützt wird? Gerade mit dem Land zur Verfügung stellen, machen IWF und WB das Gegenteil: den Leuten Land wegnehmen für grosse Projekte, Grossunternehmen usw. und fördern so die Armut.
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  • Kommentar von Adrian Flükiger, Bern
    Weltbank und IWF sind zwei Organisationen der ersten Welt, mit dem Ziel, vorab die dritte Welt zum Nutzen der ersten zu "entwickeln". Egal, wie viele dabei täglich buchstäblich draufgehen oder konkret: im Mittelmeer ersaufen, weil vor den Küsten ihrer Heimatländer die Fischkutter-Flotten der EU, USA usw. alles wegfischen was in ihre Netze geht. Dies nur, weil für irgend ein Entwicklungshilfeprojekt von WB oder IWF der Kredit nicht zurückbezahlt werden kann. IWF und WB gehören abgeschafft!
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    1. Antwort von m.mitulla, wil
      @A.Flückiger. Es kommt zwar ganz selten vor, aber in diesen Punkten bin ich voll mit Ihnen einverstanden. Insbesondere der IWF hat viel zu viel Macht und mischt sich massgeblich in die internationale Politik ein, ohne irgendeine demokratische Legitimation. Die Interessenslage ist klar: Das Kapital.
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    2. Antwort von Beppie Hermann, Bern
      Globalisierung allgemein gehört abgeschafft, sie ist widernatürlich.
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    3. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      Genau! Auch über Kredite werden die Länder abhängig gemacht. Wer zahlt befiehlt. Kredite werden als Machtinstrument eingesetzt. IWF und WB sind der verlängerte Arm des US-Imperiums, die Welt abhängig zu machen und zu plündern. Die Armutsbekämpfung ist Etikettenschwindel bzw. versteht sich so: wenn die Entwicklungsländer sich zum Dienste der Industrieländer entwickeln, d.h. ihre Ressourcen, billige Arbeitskräfte usw. zur Verfügung stellen, werden sie davon profitieren.
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    4. Antwort von A.Käser, Zürich
      H.B./Genau! Sehe ich ebenso. Habe es vor Jahren, einst zu Frau Sommaruga gesagt. Hat sie recht "enerviert".(?)Was bei der ganzen Sache noch schlimmer ist,ist dass mit der Installation dieser gezielten Armut,gleichzeitig eine "unkontrollierte" Bevölkerungsexplosion befeuert wird um ausbeutbares "Menschenmaterial" zu generieren.Das ist das Widerlichste dabei.
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    5. Antwort von Hans Glauser, Herlisberg
      Globalisierung ist an und für sich nicht widernatürlich , sondern das Ergebnis einer ständig mehr und mehr zusammenwachsenden Welt. Allerdings sollte sie so vonstatten gehen dass möglichst viele davon profitieren. Eines der Hauptprobleme ist der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks einsetzende Neoliberalismus.
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