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International «Er hat bis zum Schluss Objekte aus Palmyra evakuiert»

Er war «Mister Palmyra»: Der Archäologe Khaled al-Asaad, der über die antiken Schätze der syrischen Wüstenstadt Palmyra wachte. Nun haben ihn IS-Kämpfer brutal hingerichtet. Mikro Novák über das Lebenswerk seines ermordeten Kollegen.

Kaum jemand kannte die antiken Schätze der syrischen Wüstenstadt Palmyra so gut wie der Archäologe Khaled al-Asaad. Während 40 Jahren hatte er die Stätte in Zentral-Syrien geleitet. Nun haben Kämpfer der Terror-Miliz «Islamischer Staat» (IS) den 82-Jährigen brutal getötet. Er ist auf einem Platz mitten in Palmyra vor dutzenden Zuschauern enthauptet worden.

SRF News: Mirko Novák, Sie sind Professor der Archäologie an der Universität Bern und haben Khaled al-Asaad gekannt. Die Tat hat Sie sicher getroffen.

Mirko Novák: Ich war erschüttert. Es ist natürlich immer ganz besonders schockierend, wenn man eine solche Nachricht über jemanden erhält, den man kannte, sei es auch nur flüchtig. Zum anderen aber auch, weil es ein sehr deutliches Zeichen setzt, dass die Ruinen in Palmyra akut gefährdet sind. Das wusste man zwar schon vorher. Aber mit dieser öffentlich zelebrierten Aktion macht der IS auch deutlich, was all den Leuten blüht, die sich für den Erhalt dieser Ruinen stark machen. Und das hat niemand mehr getan als Khaled al-Asaad. Er hat bis kurz vor der Eroberung der Stadt noch mit Hochdruck daran gearbeitet, so viele Antiken wie möglich zu retten, aber auch die Ruinen zu versiegeln, um sie vor Plünderungen zu schützen.

Dieser Mord war also ein Signal des IS?

Ja, und zwar ein sehr deutliches. Wenn man jemanden einfach nur beseitigen will, kann man das auch weitaus weniger spektakulär tun. Andererseits muss man sich auch fragen, welchen Wert es für den IS hat, eine solch öffentlichkeitswirksame Prozedur an einem über 80-jährigen Mann durchzuführen. Das kann nur damit zusammenhängen, was für ein Mann er war und welche Rolle er spielte; als Archäologe wie auch als Autoritätsperson in der Gemeinschaft von Palmyra.

Al-Asaad wollte lieber die Antiken retten als seinen Kopf. Was ist das für ein Verlust?

Das ist natürlich ein immenser Verlust. Es ist ein menschlicher Verlust, es ist ein Verlust für die Wissenschaft. Aber es ist auch ein Verlust für die einzigartige Ruinenstätte Palmyra. Die Art, wie sie erschlossen und untersucht worden ist, ist das Ergebnis von al-Asaads Aktivitäten. Er war die treibende Kraft hinter vielen archäologischen Ausgrabungen und Restaurierungsmassnahmen, und auch hinter der Umgestaltung des archäologischen Museums der Wüstenstadt. Er hat sein ganzes Leben diesen Ruinen gewidmet und schliesslich auch geopfert. Er hätte die Möglichkeit gehabt, sich rechtzeitig abzusetzen. Der IS erschien ja nicht urplötzlich in Palmyra. Doch stattdessen hat er bis zum Schluss Objekte aus dem Museum evakuiert.

Palmyra ist etwas, das in dieser Einzigartigkeit nirgendwo sonst existiert.

Was bedeutet die langsame Zerstörung Palmyras?

Für uns Archäologen bedeutet das, dass eine besonders einzigartige Ruinenstätte zerstört wird. Palmyra ist nicht irgendeine Ruinenstätte. Jede Stätte ist es zwar wert, erhalten zu werden. Aber dieses alte Palmyra ist eine einzigartige Mixtur zwischen West und Ost, aus Neuem und Altem, aus Babylonischem, Römischem und Arabischem gewesen. Etwas, das in dieser Einzigartigkeit nirgendwo sonst existiert. Und wenn man das zerstört, zerstört man auch eine ganze Kultur.

Das Gespräch führte Romana Costa.

Mirko Novák

Porträt von Mirko Novák

Mirko Novák ist Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Universität Bern. Er leitete während 27 Jahren Ausgrabungen in Syrien.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Leu, Adetswil
    Auch wenn SRF diesen Kommentar möglicherweise nicht veröffentlichen will: Da kann man nur sagen: "Diese verdammten Schweine, die das getan haben!"
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  • Kommentar von Hans Hartmann, Republic Dominicana
    Sen. al - Asaad ist in " seiner " Stadt ermordet worden. Es giebt sie doch noch die richtigen Helden. Nun ist es zu spaet fuer den Nobelpreis. Traurig.
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  • Kommentar von Tobias Müller, Bellach
    Ich kann nicht verstehen, dass hier die ganze Welt tatenlos zuschaut. Ja, Europa und die Schweiz betreibt mit ihrer Politik Symptom- statt Ursachenbekämpfung. Die Welt sollte endlich diese Barbaren auslöschen. Aber eben, das sehr linke Europa möchten ja lieber nicht gleiches mit gleichem vergelten. Leider ist es so, dass diese keine andere Sprachen kennen und die linke Politik sehr viele Menschenleben in Kauf nehmen.
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