«Er wird nicht die graue Eminenz sein»

Weltweit ist der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. auf viel Respekt und Verständnis gestossen. Der Abtprimas des Benediktinerordens, Notker Wolf, kennt den Papst aus vielen Begegnungen persönlich. Vom Nachfolger wünscht sich der höchste Benediktinermönch, dass er «sehr dialogfähig ist».

SRF: Was sticht für Sie im Pontifikat von Papst Benedikt XVI. besonders heraus?

Der Abtprimas des Benediktinerordens, Notker Wolf.

Bildlegende: «Der Nachfolger wird so Einiges zu knabbern haben», sagt Notker Wolf im Interview mit dem SRF. Keystone

Notker Wolf: Es ist seine erste Enzyklika gewesen – «Gott ist Liebe». Das hatte eigentlich niemand erwartet. Zudem natürlich sein strenges Festhalten an der traditionellen Lehre. Ich denke, was nicht heraussticht: Es wurden zum Beispiel viele neue Behörden neu besetzt. Dabei hat er sich sicher viel gedacht.

Viele Kreise sagen, Benedikt war nicht unbedingt ein progressiver Papst, sondern viel eher ein Bewahrer. Gleichzeitig wenden sich heutzutage viele Menschen von der Kirche ab. Bräuchte es jetzt nicht einen Erneuerer für die katholische Kirche?

Wo sollte die Erneuerung hingehen? Das frage ich mich immer wieder. Ich denke nicht an morgen, sondern an übermorgen. Was ist eigentlich das Ziel der Kirche; was soll sie in dieser Welt? Um diese Fragen geht es. Die anderen – zum Beispiel, ob das Zölibat freigegeben werden soll – das sind vordergründige Fragen.

Es geht darum: Was ist die Kirche eigentlich und wie soll sie in unserer Zeit ihren Mann beziehungsweise ihre Frau stehen? Wie soll sie hier auf die konkreten Fragen – wie die grossen Nöte in unsere Gesellschaft – antworten, gerade auch auf den Säkularismus heutzutage? Hierbei  müssen neue Wege gesucht werden und der Nachfolger wird so Einiges zu knabbern haben.

Was wünschen Sie sich persönlich von einem Nachfolger?

Dass er sehr dialogfähig ist und noch viel mehr im Dialog mit den Bischöfen und der gesamten Weltkirche steht, als es bisher der Fall war. Obwohl gerade auch das bei Benedikt XVI. herausgestochen ist – dass er bei den Bischofssynoden immer dabei war und ganz angestrengt zugehört hat. 

« Er wird keinen Einfluss nehmen – so primitiv ist er nicht. »

Benedikt XVI. tritt zu Lebzeiten ab. Heisst das nicht auch, dass er die Wahl seines Nachfolgers mit beeinflussen kann?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin überzeugt, dass er keinen Einfluss nehmen wird, also so primitiv ist er nicht.

Aber er hat immerhin auch viele eher konservative Kardinäle nach Rom beordert...

...das ist natürlich eine andere Sache. Dann wählen trotzdem sie und nicht er. Er wird nicht als graue Eminenz dahinter sein. Das wäre eine Unterstellung.

Sie würden Papst Benedikt XVI. also  nicht als einen Machtmenschen betiteln, der so etwas tun würde?

Nein, auf keinen Fall. Es ist einfach die Sorge, dass es gut weitergeht, dass das Schiff gut weitergesteuert wird, das ist seins.