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Erasmus in Istanbul Austauschstudenten meiden die Türkei

Stell dir vor, es ist Semesterbeginn, und kein Ausländer kommt. Im einst beliebten Istanbul ist das vermehrt der Fall.

Legende: Audio Ein Semester in Istanbul? Nein Danke! abspielen. Laufzeit 03:38 Minuten.
03:38 min, aus SRF 4 News aktuell vom 26.09.2017.

In diesen Tagen beginnt in der Türkei das neue Studiensemester. Vor Istanbuls über 50 staatlichen und privaten Universitäten herrscht reges Treiben. Studenten und Lehrende strömen nach der langen Sommerpause zurück in die Stadt.

Doch wer sich unter sie mischt, merkt schnell, dass etwas anders ist. In den Cafés hier sah man früher überall Ausländer sitzen. «In der Kantine an der Ecke zum Beispiel fand man zur Mittagszeit manchmal nicht einen einzigen Türken», sagt Ahmet Tasoglu, der im Studentenquartier Yeldegermeni ein kleines Café betreibt. Er und viele seiner Freunde vermieteten früher ihre Zimmer an die Studierenden aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Sie liessen sich vom Leben in Europa erzählen und teilten dafür ihr eigenes Leben mit den Gästen.

Freunde rieten junger Polin von Austausch ab

In diesem Jahr jedoch sucht man vergeblich nach Austauschstudenten in Yeldegermeni. Ebenso auf dem Campus der Marmara-Universität, einer der grössten und ältesten von Istanbuls Universitäten. «Wir sind hier die absoluten Aliens», lacht Carolina aus Polen. Sie kenne nur eine einzige andere Polin, die zurzeit an der Marmara studiere. «Meine Freunde zuhause waren schockiert, als ich aufbrach. Einige sagten: Türkei? Oh Gott, da kommen wir dich nicht besuchen.» Dabei sei es absolut okay hier, findet die junge Frau.

Wir sind hier die absoluten Aliens.
Autor: CarolinaSie kennt nur eine einzige andere Austauschstudentin aus Polen

Das versucht auch das Auslandsbüro der Marmara-Universität zu betonen. Dessen Leiterin, Gökcen Öcal Özkaya, verweist auf die türkische Gastfreundschaft, die günstigen Preise und das gute Essen. Dinge, die Istanbul bis vor Kurzem zu einem der Lieblingsziele europäischer Studierender machten.

«Wir werben nun noch intensiver für unseren Standort», so Özkaya. «Wir gehen verstärkt zu internationalen Bildungsmessen, um das Study-in-Turkey-Programm bekannt zu machen, laden Repräsentanten aus der ganzen Welt ein und bieten den Austauschstudenten kostenlose Einführungsprogramme und Türkischkurse.»

Kaum Chancen gegen das schlechte Image

Doch so sehr Özkaya und ihre Kollegen sich auch anstrengen: Gegen das Katastrophenimage, das der Türkei inzwischen anhaftet, haben sie kaum eine Chance. Um 60 Prozent seien die Bewerberzahlen eingebrochen, so Yunus Emre Yastioglu, verantwortlich für das Erasmus-Programm an der Marmara-Universität.

«Unsere Initiativen können das schlechte Image des Landes nicht wettmachen», sagt er. Genauso wie es den Tourismus beeinflusse, beeinflusse es auch den akademischen Austausch. «Früher hatten wir pro Semester etwa 500 Erasmus-Studierende. Jetzt sind es noch 95. Von ihnen haben fast alle türkische Wurzeln.»

Früher hatten wir pro Semester etwa 500 Erasmus-Studierende. Jetzt sind es noch 95.
Autor: Yunus Emre YastiogluErasmus-Programmleiter an der Marmara-Universität

Wie der Alltag in Istanbul ist, können sich in Europa die wenigsten vorstellen, das weiss auch Austauschstudentin Carolina. Sie selbst ist froh, dass sie ihr lange geplantes Austauschsemester am Bosporus auch nach dem Putschversuch vom letzten Jahr nicht abgesagt hat und ihren Freunden und Verwandten in Polen nun aus erster Hand berichten kann, wie es vor Ort aussieht.

Auswirkungen auf das Kulturleben der Stadt

Manchmal, so die polnische Politikstudentin, sei ihr Alltag in Istanbul fast schon enttäuschend normal: «Mein Leben hier ist fast genauso wie mein Studentenleben zuhause: Ich wache auf, frühstücke mit meiner Mitbewohnerin, gehe an die Uni oder treffe Freunde.» Natürlich sei ihre Kultur ganz anders als die türkische. «Aber ich fühle mich absolut sicher hier.»

Sicher hin oder her – dass die Zahl der Austauschstudenten nun nach Semesterbeginn noch steigen wird, ist unwahrscheinlich. Und auch ausländische Wissenschaftler, die früher gern für eine Zeit an den Bosporus kamen, findet man inzwischen kaum noch in Istanbul. Die Lücke, die dadurch sowohl im akademischen als auch im kulturellen Leben der Stadt entsteht, sorgt – gemeinsam mit den vielen Entlassungen und Reformen der letzten Monate – dafür, dass Istanbuls Universitäten ihren einst guten Ruf zunehmend verlieren.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Beat. Mosimann (AG)
    Angst? Vor was den? Jetzt werden Erdogan Ideen die nächste Generation prägen u. festigen. Es wird konservativer, weiger geschieden dafür weiss die Ehefrau was Ihre Aufgaben sind, der Ehemann sorgt für ein gesichertes Einkommen. Mehrfrauenehen werden legal, die europäische Männer lieben es Frauen hintereinander zu heiraten oder auch nicht zu heiraten, es grüsst die Voraussicht. Dazu wird wahrscheinlich die Todesstrafe mehrheitsfähig.
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  • Kommentar von Ernst Küng (Nestor 55)
    Sehr gut so. Ich würde auch nicht hingehen und meinen geplanten Aufenthalt in Istanbul, Izmir Antalya ist auch vom Tisch. Mindestens solange wie dieser Wansinnige inkl. AKP am Ruder sind. Unterstütze keine solchen ..... ( kann sich jeder selbst reimen)
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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Die Schweizer ZivilrechtlerInnen werden sicher hinfliegen, wenn sie eingeladen werden. Zur Info: Die Türkei hat 1929 das ZGB übernommen ausser dem Familienrecht und ein paar Anpassungen. Ich freue mich auf das Seminar zum Vertragsrecht an der Uni Bern mit einem Professor aus Istanbul.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Eine kleine Frage. Eins vorweg: ich bin auch eher der internationale Typ und ich meine die Frage wirklich, keine Provokation. Aber was ist der Mehrwert eines Seminars über Vertragsrecht mit einem Professor aus Istanbul?
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    2. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Ich könnte mir gut vorstellen, da es Vertragsrecht ist, dass Herr Bauert mal direkten Kontakt haben möchte. Bei einem Seminar ist das ja besser möglich, auch für Diskussionen, als bei einer Vorlesung.
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