Erbitterter Kampf um Ramadi

Seit gestern rücken irakische Soldaten mit westlicher Luftunterstützung ins Stadtzentrum von Ramadi vor. Die Journalistin Birgit Svensson hat sich nah an die Frontlinie heran gewagt und dort mit einem irakischen General gesprochen.

Irakische Soldaten feiern Fortschritte im Kampf um Ramadi.

Bildlegende: Irakische Soldaten feiern Fortschritte im Kampf um Ramadi. Besiegt ist der IS aber noch nicht. Keystone

Die irakische Armee hat eine Offensive auf die Stadt Ramadi gestartet. Die Stadt liegt etwa 120 Kilometer westlich von Bagdad in der Provinz Anbar und befindet sich seit Mai in der Hand der Terrormiliz IS. Der IS beherrscht ganze Teile der Provinz und kann dort auf einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung zählen.

SRF News: Wie gedenken die Kommandeure der irakischen Armee, Ramadi zurückzuerobern?

Birgit Svensson: Sie wollen auf keinen Fall eine Blitzoffensive starten, sondern sukzessive vorgehen und Ramadi Stück für Stück, Viertel für Viertel erobern. Ein methodisches Vorgehen, das etwas länger dauern könnte.

Ramadi wird von den Irakern belagert. Einige hundert IS-Kämpfer werden dort vermutet. Sind sie eingekesselt?

Die Armee hat sich der Stadt in den letzten Wochen von Osten und von Norden her genähert. Im Westen, in Richtung Syrien, war Ramadi bisher offen. Ich habe gehört, dass der Ring nun auch da geschlossen werden sollte. Ramadi soll umlagert werden, damit man vom Belagerungsring aus in die Stadtmitte eindringen kann.

Die irakische Armee hat die Zivilbevölkerung Ramadis mit Flugblättern aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Offenbar versucht der IS, das zu verhindern. Wie tut er das?

Indem der IS die Leute unter Druck setzt und ihnen Strafen androht, wenn sie gehen, oder indem er sie einfach nicht aus der Stadt lässt. Man muss bedenken: Ramadi ist seit Mai in IS-Hand. Das heisst, die Terrormiliz kontrolliert die Einfahrten in die Stadt. IS-Männer haben die Checkpoints übernommen und können kontrollieren, wer rein- und rausgeht.

Gemäss dem, was mir ein irakischer General sagte, handelt es sich zwar nur um schätzungsweise 300 IS-Kämpfer. Aber es gibt viele IS-Unterstützer in Ramadi. Sympathisanten oder Leute, die früher zum Beispiel mit Al-Kaida gegen die Amerikaner gekämpft haben, die jetzt auf der Seite des IS sind. Hinzu kommt, dass die Provinz Anbar, in der Ramadi liegt, sehr stammesbetont ist. Diese Stämme sind gespalten. Ein Teil ist auf der Seite der irakischen Armee. Ein Teil hält aber zum IS.

Das heisst, es wird für die irakische Armee beim Einmarsch in die Stadt auch schwierig, zu erkennen, wer Zivilist ist und wer IS-Unterstützer?

Genau. Auch der irakische General sagte mir, dass dies das grosse Problem sein werde. Die irakische Armee weiss noch nicht, wie sie das in den Griff kriegen soll.

«  Wenn Ramadi zurückerobert ist, heisst das noch lange nicht, dass die Provinz Anbar zurückerobert ist. »

Wann wird Ramadi befreit sein? Wagen Sie eine Prognose?

Das ist der dritte Anlauf, Ramadi zu befreien. Ich glaube, dass jetzt gute Chancen bestehen. Dieser Ansicht ist auch der Brigadegeneral. Aber er war sehr vorsichtig. Er sagte, es könne eine Weile dauern. Die Frage ist und bleibt, wie viel Unterstützung der IS in der Stadt hat. Zudem muss man wissen: Wenn Ramadi zurückerobert ist, heisst das noch lange nicht, dass die Provinz Anbar zurückerobert ist. Falludscha beispielsweise war die erste Stadt überhaupt, die vom IS übernommen wurde, und das war bereits im Januar 2014. Das heisst, der IS hat die Stadt jetzt schon fast zwei Jahre in seiner Hand.

Eine Eroberung Ramadis ist also im besten Fall nur ein Etappensieg?

Ja. Und von einer Zurückeroberung der gesamten Provinz Anbar, die übrigens die grösste Provinz des Irak ist, könnte dann immer noch keine Rede sein.

Das Gespräch führte Andrea Christen.

Birgit Svensson

Die deutsche Journalistin berichtet seit dem Sturz von Saddam Hussein aus dem Irak. Sie arbeitet für die «Zeit», Deutschlandradio, die Deutsche Welle und für SRF.