Fast 240 Tote bei Stichwahl in Afghanistan

Rund sieben Millionen Afghanen haben sich an der Stichwahl beteiligt, trotz den Todesdrohungen der Taliban. Der Finger mit der wasserfesten Tinte wurde trotzdem 11 Menschen zum Verhängnis – Taliban-Kämpfer schnitten ihnen den Finger ab. Das Wahlresultat wird am 2. Juli bekanntgegeben.

Die Stichwahl für den ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Landes ist beendet: Die Afghanen haben ihren neuen Präsidenten gewählt. Wer das ist – ob der Ex-Aussenminister Abdullah Abdullah oder der frühere Finanzminister Aschraf Ghani – das geben die Verantwortlichen erst am 2. Juli bekannt.

Fest steht allerdings schon jetzt: Die Afghanen haben sich in grosser Zahl an der Wahl beteiligt, trotz Bombenanschlägen, Raketenangriffen und Todesdrohungen von den Taliban:

«  Es ist unser Recht zu wählen. Auch wenn die Taliban mir den Kopf abgeschnitten hätten, hätte ich meine Stimme abgegeben. »

Fateh Khan (35)
Koch

Viele mussten sterben

Bei Anschlägen, Angriffen und Gefechten sind allein am Tag der Stichwahl mindestens 240 Menschen ums Leben gekommen. Bei den Opfern handelt es sich um Zivilisten, Soldaten und Polizisten. Auch ein Mitarbeiter der Wahlkommission wurde getötet. Die Sicherheitskräfte brachten ihrerseits 19 Taliban-Kämpfer um. Insgesamt zählte das Ministerium am Wahltag 150 Anschläge und Angriffe im ganzen Land.


Millionen Afghanen trotzen den Taliban

4:29 min, aus Echo der Zeit vom 14.06.2014

Trotzdem hatten rund sieben Millionen Stimmberechtigte der rund zwölf Millionen Bürger an der Wahl teilgenommen. Das sind 55 Prozent der Wahlberechtigten. Die hohe Wahlbeteiligung ist eine Niederlage für die Taliban. Schon bei der ersten Runde im April war es den Extremisten nicht gelungen, die Wahl zu torpedieren.

«  Ich will, dass der neue Präsident als erstes für eine bessere Sicherheitslage sorgt. Ich verkaufe auf der Strasse Telefonkarten, um meine Familie zu ernähren, und weiss morgens nicht, ob ich abends noch am Leben bin. »

Sultan Hussain (45)
Telefonkartenverkäufer

Afghanen im Spital mit eingebundener Hand.

Bildlegende: Diese Wähler mussten ihre Stimmabgabe teuer bezahlen – die Taliban hackten ihnen einen Finger ab. Keystone

Das Dilemma mit der Tinte am Finger

In ländlichen Gebieten gelang es den Taliban denn auch vereinzelt, die Menschen einzuschüchtern und sie von den Urnen fern zu halten. Wer in solchen Orten trotzdem gewählt hat, musste sich schnell die Tinte von den Händen waschen, um sich nicht zu verraten.

Trotzdem haben Taliban-Kämpfer elf Wählern den mit Tinte markierten Finger
abgeschnitten. Die Opfer sind in der westafghanischen Provinz Herat ins Spital gebracht worden.

«  Ich hoffe, der neue Präsident bringt dem Land Frieden und Wohlstand. Ich bin hoffnungsvoll, dass das der Anfang von Demokratie ist. »

Sorosh (19)
Studentin

Eigentlich soll die Tinte eine mehrfache Stimmagabe verhindern. Ein Wähler berichete, dass er deswegen festgenommen wurde – wegen versuchten Wahlbetrugs! «Wir mussten eine Stunde lang erklären, dass wir unsere Finger saubermachen, um unser Leben zu retten.»

Das sind die Kandidaten

Abdullah Abdullah
Sein Vater war ein Paschtune aus Kandahar, seine Mutter stammte aus dem Pandschir-Tal. Abdullah wurde in dem Anwesen der Familie in Kabul geboren, in dem er heute wieder lebt. Der 53-Jährige sagt, eigentlich wolle er sein geliebtes Haus gar nicht gegen den Palast eintauschen, «wo Könige und Präsidenten gelebt haben und gestorben sind». Es gehe ihm nicht in erster Linie darum, Präsident zu werden. «Mein Traum ist ein Wandel in diesem Land.» Der Augenarzt war ein enger Vertrauter des legendären Nordallianz-Führers Ahmad Schah Massud, der gegen die sowjetischen Besatzungstruppen und später gegen die radikalislamischen Taliban kämpfte. Massud wurde zwei Tage vor den Anschlägen vom 11. September  2001 ermordet. Nach dem Einmarsch der US-Truppen und dem Sturz des Taliban-Regimes wurde Abdullah Aussenminister unter Karsai. Auf dem Posten blieb er bis 2006. Bei der von massivem Betrug überschatteten Präsidentenwahl 2009 unterlag Abdullah dem Präsidenten Karsai. Nach Abdullahs Angaben bot Karsai ihm in dessen neuem Kabinett sieben Ministerposten für sich und seine Mitstreiter an. Abdullah lehnte ab – und blieb fünf Jahre lang Oppositionsführer, um sich auf die Wahl 2014 vorzubereiten.
Aschraf Ghani
Der heute 65-Jährige Paschtune wurde ebenfalls in Kabul geboren. Er studierte in den USA. Bis 2004 war Ghani Finanzminister in Karsais Übergangsregierung. Er verbucht unter  anderem für sich, nach dem Sturz des Taliban-Regimes die Währung, die neuen Afghani, aus dem Boden gestampft zu haben. Auch Ghani trat  2009 gegen Karsai an, bekam aber nur drei Prozent der Stimmen. Im  Auftrag Karsais organisierte er ab 2011 die Übernahme der  Verantwortung durch die afghanischen Sicherheitskräfte von den internationalen Truppen. Im Wahlkampf gelang es Ghani, zahlreiche Anhänger nicht nur unter  Stammesführern, sondern auch unter jungen Afghanen und unter Frauen  zu mobilisieren. Von seiner Ehefrau sagt er: «Sie ist viel klüger  als ich. Hoffentlich wird sie mich (nach einem Wahlsieg) beraten, wie sie es in 38 Jahren Ehe gemacht hat.» Ghani kämpfte nicht gegen die Sowjets oder die Taliban. Der Anthropologe arbeitete von 1991 bis 2001 für die Weltbank, er gilt  als besonders stark in Wirtschaftsfragen. Nach seiner Amtszeit als Finanzminister war Ghani bis 2008 Kanzler der Universität Kabul. Von sich selber sagt er, er habe jahrelang «an manchen der komplexesten Probleme der Welt gearbeitet».