Frauenmorde in Argentinien an der Tagesordnung

Nach einer Reihe von brutalen Morden haben in Argentinien hunderttausende Menschen gegen die weit verbreitete Gewalt gegen Frauen demonstriert. Sie fordern schärfere Gesetze – und ein Umdenken in der männlichen Bevölkerung.

Eine Frau an einer Demo hält eine rot gefärbte Handfläche, ein Herz in der Mitte, in die Kamera.

Bildlegende: «El machismo mata» – der Sexismus in Südamerika tötet, proklamieren die Demonstrantinnen. Reuters

In Argentinien wird fast jeden Tag eine Frau von ihrem Partner umgebracht. 277 Frauenmorde waren es allein im vergangenen Jahr. In der Öffentlichkeit wird das Thema derzeit heftig diskutiert. Letzte Woche kam es zu Kundgebungen in Buenos Aires. Auch in Chile, Uruguay und Mexiko gingen Menschen auf die Strasse.

Laut Tjerk Brühwiller, Südamerika-Korrespondent der NZZ, hat ein besonders krasser Fall das Fass zum Überlaufen gebracht: Der Mord eines 16-Jährigen an seiner 14-jährigen Ex-Freundin. «Sie war schwanger und wollte nicht abtreiben. Es endete damit, dass er sie tot schlug und im Garten des Hauses seiner Familie verscharrte.» Seine Angehörigen halfen ihm dabei.

Frauen im Fernsehen zum Objekt degradiert

In den sozialen Netzwerken ist seitdem eine Kampagne im Gang. Die Initianten von «NiUnaMenos» (keine Einzige mehr) fordern einen grundlegenden kulturellen Wandel und schärfere Gesetze zum Schutz der Frau. «Solche Gesetze wurden in den letzten Jahren tatsächlich eingeführt», erklärt Brühwiller. Laut dem argentinischen Strafgesetz steht auf Frauenmord die Höchststrafe: lebenslange Haft. «Aber das ist offenbar nicht effektiv. Die Fallzahlen bleiben hoch.»

Einen Grund für die Gewalt gegen Frauen liefert die «Macho»-Gesellschaft. Argentiniens Präsidentin Christina Kirchner kritisierte, dass in Fernsehsendungen «die Frau wie eine Sache gezeigt» werde. Es werde daher immer jemanden geben, der meine, «wenn er sie nicht besitzen kann, kann er sie zerstören».

Das Problem sei nicht neu, hält der NZZ-Korrespondent fest. «Man muss aufpassen, dass man nicht pauschalisiert», sagt er vorsichtig. «Aber es ist eine Kultur des ‹Machismo› vorhanden.» In Führungsetagen gebe es nur sehr wenige Frauen. «Die Präsidentin ist da eine Ausnahme. Wenn man ins Parlament schaut, ist es eine Männerwelt.»

Aufklärung als Mittel gegen Gewalt gegen Frauen

Das Phänomen existiere nicht nur in Argentinien. Auch in anderen lateinamerikanischen Ländern ist die Anzahl ermordeter Frauen hoch, etwa in Brasilien. «Schätzungen gehen von 15 Frauenmorden pro Tag aus. Das ist eine schrecklich hohe Rate. Und in Mexiko ist es nicht anders», weiss Brühwiller.

Ein kulturelles Umdenken sei nötig: «Das beginnt zuhause, in der Schule, mit der Aufklärung.» Das brauche Zeit, glaubt der im brasilianischen São Paulo lebende Journalist. «Von heute auf morgen lässt sich dieses Problem nicht lösen.»

Prominente Unterstützung

Fussballstar Lionel Messi zeigte sich solidarisch mit den Opfern von Gewalt. «Es reicht mit den Frauenmorden. Von Barcelona aus schliessen wir uns den Argentiniern an, um laut ‹NiUnaMenos› zu rufen», schrieb der FC-Barcelona-Spieler auf Facebook.