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Wer ist Ousman Sonko? Gambias Ex-Minister galt als Killermaschine des Diktators

Zwei Wochen ist es her, als Gambias Diktator Yahya Jammeh gestürzt wurde. Sein Innenminister Ousman Sonko wurde inzwischen im Kanton Bern als Asylbewerber entlarvt. Doch welche Rolle spielte der genau im Regime? Ein aufschlussreiches Gespräch mit einem gambischen Ex-Minister.

Legende: Audio «Mord im Auftrag des gambischen Diktators?» abspielen. Laufzeit 7:25 Minuten.
7:25 min, aus Echo der Zeit vom 08.02.2017.

Die Leitung von Afrika in die USA rauscht ein wenig, aber die Freude des 70-jährigen Sidi Sanneh, der in Virginia lebt, ist trotz der grossen Distanz spürbar. Was in Gambia passiert ist, sei eine afrikanische Premiere, eine Botschaft an die ganze Welt, sagt der ehemalige Aussenminister Gambias.

«Es ist zwar zuvor noch nie auf diesem Kontinent geschehen, aber in Gambia ist es nun möglich gewesen. Die Bürgerinnen und Bürger haben an der Urne entschieden, dass sie genug von ihrem Diktator haben und der musste gehen – ohne Blutvergiessen», sagt Sanneh.

Ohne Versöhnungskommission kein Neuanfang

Damit ist die Euphorie des ehemaligen Ministers, der 2007 vor Diktator Jammeh in die USA geflohen ist, allerdings bereits verflogen. Denn zurückgelassen hat Diktator Yahya Jammeh nach 22 Jahren nämlich nicht nur eine geplünderte Staatskasse, sondern auch ein ruiniertes Land – und eine traumatisierte Bevölkerung.

Sanneh weiss, wovon er spricht: Er wurde als Minister von einem Tag auf den anderen entlassen. Er und seine Familie wurden bedroht, deshalb flüchteten sie in die USA. Kein Einzelfall.

«Familien wurden auseinandergerissen, verfolgt oder mussten ins Exil flüchten. Viele wurden ermordet, vergewaltigt oder sind spurlos verschwunden.» Das alles müsse aufgearbeitet werden. «Ohne eine nationale Wahrheits- und Versöhnungskommission gibt es in Gambia keinen Neuanfang», ist sich Sanneh sicher.

Sonko, die «Killermaschine» des Diktators

Doch vergeben und versöhnen reicht Sanneh nicht. «Viele Gambier haben 22 Jahre lang gelitten und wollen nun Gewissheit bekommen, was mit ihren vermissten Angehörigen passiert ist.» Sie hätten ein Recht auf Genugtuung, und das könne nur Geschehen, wenn Yaha Jammeh für sein Unrechts-Regime und die Gräueltaten vor Gericht gestellt werde.

Doch nicht nur Jammeh solle vor Gericht kommen, sondern auch seine rechte Hand Ousman Sonko. Dem Innenminister komme die zweifelhaft Ehre zu, der längste und treuste Diener des Diktators gewesen zu sein. Von den meisten Gräueltaten habe Sonko gewusst oder direkt teilgenommen. Sidi Sanneh bezeichnet Sonko als die «Killermaschine Jammehs».

«Als beispielweise im Jahr 2000 in Banjul vierzehn junge, unbewaffnete Gymnasiasten demonstrierten und von den Sicherheitskräften kaltblütig erschossen wurden, war Sonko als Kommandant vor Ort. Ich könnte noch eine ganze Reihe von solchen Gräueltaten aufzählen. Sie sind teilweise dokumentiert, für andere Taten gibt es Zeugen», so Sanneh.

Hilfsgelder verschwanden spurlos

Gemäss den Aussagen des ehemaligen Ministers hat Sonko nicht nur viele Menschen auf dem Gewissen, sondern hat sich offenbar auch illegal bereichert. Als Innenminister sei Sonko auch Chef des Migrationsamtes gewesen.

Aus kaum einem anderen Land Afrikas flüchteten – auf die Bevölkerung gerechnet – mehr Menschen übers Mittelmeer nach Europa als aus Gambia, dem kleinsten Land des afrikanischen Kontinents. Mit Rücknahmeabkommen und Geldtransfers versuchten Staaten wie Schweden, Spanien oder Malta die Zahl der Migranten zu senken.

Das Geld für Berufsbildungsprogramme kam jedoch nie dort an, wo es sollte. «Es verschwand in den Taschen von Sonko und Jammeh. Anstatt zu helfen, haben sie sich bereichert», ist sich Sanneh sicher.

«Er soll verurteilt werden»

Der geflohene Aussenminister fordert deshalb rechtliche Konsequenzen: Für Jammeh, der nach Äquatorial-Guinea ins Exil flüchtete, aber auch für Ousman Sonko, der im Bernischen Lyss Unterschlupf fand.

«Ich habe grosses Vertrauen in die Schweizer Behörden. Auch Sonko hat Rechte. Er soll zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Aber wenn die Beweise für seine Schuld einwandfrei sind, dann soll er verurteilt werden. Das ist alles, was ich von den Schweizer Behörden erwarte.»

Der ehemalige Aussenminister steht offenbar in Kontakt mit der neuen Regierung. Dort könnte man sich laut Sanneh auch eine Auslieferung mit einem anschliessenden Prozess in Gambia vorstellen. Auch ein Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof ICC wäre für ihn eine Variante. Diktator Yammé hat jedoch vorgesorgt und wohlweislich bereits im Oktober den Austritt aus dem ICC beschlossen.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Alain Terrieur (Imhof)
    ...und solche "Menschen" schaffen es bis in die "neutrale und menschenrechte" Schweiz? - (gut, da gibt's noch die Waffenindustrie)
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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Und diese Kellermaschine hockt uns jetzt als Angeklagter auf der Haube. Und wir sollen die Gerichtskosten aus unseren Steuergeldern bezahlen? Es ist schon eine Zumutung, dass der gambische Aussenminister von der "vertrauenswürdigen" Schweiz die Verurteilung und somit Knastaufenthalt verlangt. Es gilt, Sonko zu verurteilen und ihn dann umgehend in seine Heimst zurückzuschicken, auch wenn es für ihn riskant sein sollte. Der Mörder verdient keine Samthandschuhbehandlung.
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Die Vorgeschichte dieses Falles wirft ein schlechtes Licht auf die involvierten Behörden. Schwedens Beamte sind anscheinend viel mehr auf Zack. Wusste oder verdrängte man, wer dieser "Asylbewerber" ist? Das ist mehr als ein Skandal. Die Infos über Sondo sind ja leicht zugänglich.
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    1. Antwort von Verena Casagrande (Verena Casagrande)
      Unseren Behörden fehlt in dieser Sache den Zack, die haben diesen Zack nur im Abkassiern von Einheimischen.
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