Roboter in Japan Gastarbeiter ohne Migrationshintergrund

Der Ausländeranteil in Japan liegt unter zwei Prozent. Statt auf Migranten setzt man auf Roboter als Arbeitskräfte. Dabei wäre Zuwanderung dringend nötig, wie Journalist Martin Fritz sagt.

SRF News: Warum setzt Japan auf künstliche Intelligenz und Roboter statt Einwanderer?

Martin Fritz: Das ist ganz klar eine politische Entscheidung. Einwanderung ist tabu in Japan. Die Einheimischen sind davon überzeugt, dass sie ethnisch homogen sind, und sie wollen einfach nicht viele Ausländer auf ihren Inseln haben. Deshalb bevorzugt man Roboter und smarte Software. Die sind für viele Aufgaben langfristig billiger und müssen nicht wie Gastarbeiter zunächst noch jahrelang japanisch lernen.

Künstliche Intelligenz – also spezielle Software – ist in Japan sehr gefragt. Was leistet diese genau?

Sie breitet sich immer mehr aus. Die Versicherung Fukoku zum Beispiel benutzt Watson, eine künstliche Intelligenz von IBM zur Berechnung von Schadenszahlungen. Sie übernimmt Arbeit von Sachbearbeitern und kann vollautomatisch Arztrechnungen lesen und mit den Bestimmungen der Police abgleichen. Hitachi verkauft seit diesem Monat eine Software, die anhand der Leistungen und Überstunden der Mitarbeiter vorhersagen kann, ob und wann sie sich krank melden. Und die Firma Omron hat smarte Sensoren im Angebot, die besser als Menschen erkennen können, wenn eine Maschine nicht mehr rund läuft.

«  Es handelt sich letztlich nur rollende Tablets mit Kameras. Was man ihnen sagt, verstehen sie schlecht. »

Es gibt auch menschenähnliche Roboter, sogenannte Humanoide. Sind die erfolgreich?

Sie sorgen immer für viel Aufsehen. Aber ehrlich gesagt, viel können diese Roboter bisher noch nicht. Es gibt ein Restaurant in einem Vergnügungspark in Südjapan, in dem ein Roboter vollautomatisch Pfannkuchen backen und sie mit seinen Armen auch wenden kann. Solche Serviceroboter werden für zuhause und für Geschäfte angeboten. Der Roboter «Pepper» ist recht bekannt. Aber wenn man sieht, was die wirklich können, so handelt es sich letztlich doch nur um rollende Tablet-Computer mit Kameras. Und was die Menschen sagen, verstehen sie weiterhin schlecht.

Und in Zukunft sollen Roboter noch mehr Aufgaben übernehmen?

Die japanische Regierung drängt darauf, für immer mehr Arbeiten und Dienstleistungen Roboter und Automatisierungssoftware einzusetzen. Auf diese Weise will man die Alterung der Bevölkerung und den Rückgang der absoluten Einwohnerzahl auffangen und gleichzeitig den Wohlstand für alle erhalten. Das gilt nicht nur für die Industrie – auch für Büros, Verwaltungen und andere Bereiche.

«  Für Fastfood reicht das vielleicht. Aber so leicht ist ein menschlicher Koch eben doch nicht zu ersetzen. »

Japaner sind offen gegenüber Robotern. Offener als gegenüber Menschen?

Im Moment ist so ein Küchenroboter noch eine Attraktion. Kein Japaner denkt wohl daran, dass diese Arbeit von einem Ausländer gemacht werden könnte. Die Frage ist, ob diese Roboter auch die Qualität liefern können, die die Japaner gewohnt sind. Für Fastfood reicht das vielleicht. Aber für ein höheres Niveau bisher nicht. So leicht ist ein menschlicher Koch eben doch nicht zu ersetzen. Man hat auch bestimmt nichts gegen ausländische Köche. Es sollen einfach nicht zu viele werden.

Haben Japanerinnen und Japaner gar keine Angst, dass Roboter den Menschen einmal ganz aus dem Arbeitsmarkt verdrängen?

Im Moment gibt es diese Sorge nicht, denn Japan hat Vollbeschäftigung und in manchen Bereichen sogar Arbeitskräftemangel. Auf 100 Arbeitssuchende kamen zuletzt 143 Stellenangebote. Das heisst, selbst wenn Roboter und smarte Software diesen Menschen nun Arbeitsplätze wegnehmen würden, gäbe es noch genug Alternativen. Mittelfristig wird sich das aber ändern. Prognosen sagen, dass bis 2030 2,4 Millionen Jobs wegfallen. Dann werden vielleicht auch die Japaner den Roboter nicht mehr nur als ihren Freund ansehen.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Martin Fritz

Martin Fritz

Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Er hat Politik in Münster, Los Angeles und London studiert.

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