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International Gefährliches Gedenken: Kroatien zelebriert die «Operation Sturm»

Kroatien spielt unbedarft die nationalistische Karte und feiert die Eroberung der serbisch kontrollierten Krajina im Balkankrieg. Das Gedenken an damals ist getragen von der Selbstinszenierung heutiger Politiker – und befeuert den neu erwachten Nationalismus.

Ein kroatischer Soldat steht neben einem zerstörten serbischen Panzer, aufgenommen am 6. August 1995 60 Kilometer südlich von Zagreb.
Legende: Bis heute wirkt der Sieg vor zwanzig Jahren nach: Er ist Teil des kroatischen Selbstverständnisses. Keystone

Heute ist es zwanzig Jahre her: Am 4. August 1995 – während des Kroatien-Kriegs – begann die Operation «Sturm», auf Serbokroatisch «Oluja». Innert vier Tagen eroberten kroatische Truppen die Krajina – ein Gebiet in Kroatien, das mehrheitlich serbisch besiedelt war und unter serbischer Kontrolle stand. Bis zu 200‘000 Serben flüchteten, mehrere Tausend starben.

Die Ereignisse von damals wirken bis heute nach. Serbien beschuldigt Kroatien, auch wegen Kranjia, der ethnischen Säuberung und des Völkermords. Und sieht darin das Sinnbild ungerecht verteilter Kriegsschuld: «Das grundsätzliche Gefühl ist, dass man immer in die Rolle des Täters gestellt wird – die serbischen Opfer werden nicht gewürdigt», sagt SRF-Auslandredaktor Christoph Wüthrich. Die Operation Sturm steht für viele Serben exemplarisch hierfür.

Ganz anders das Gedenken im Nachbarland: «Die Operation steht für einen grossen Sieg im vaterländischen Krieg», so Wüthrich. «Es ist der Sieg des kroatischen Opfers über den serbischen Aggressor.» Und damit auch Teil des erweiterten Gründungsmythos des noch jungen kroatischen Staates. Für Aufarbeitung ist dabei wenig Platz: «Es geht frustrierend langsam. Man glaubt, dass der Sieg auch international anerkannt und richtig war», sagt Zarko Puhovski, in Zagreb geborener Professor für Politische Philosophie.

Propaganda statt Aufarbeitung

Mit grossem Pomp und Waffengeklirr wird nun also dem Triumph von damals gedacht. Die martialische Inszenierung findet indes quasi unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit statt: Unter den Staatschefs der Nato-Verbündeten wurden die Einladungen samt und sonders ausgeschlagen. Die Jubiläums-Feierlichkeiten werden damit eine «innere Angelegenheit» – und das durchaus im Interesse der kroatischen Regierung.

Ausgestattet mit einem bescheidenen Leistungsausweis im wirtschaftlich serbelnden Kroatien spielt ausgerechnet die regierende Linke von Premier Zoran Milanović die nationalistische Karte. Für Puhovski ist die Parade ein nicht «ganz cleverer Versuch» der Regierung, sich als Patrioten zu verkaufen und sich für die Parlamentswahlen von Anfang 2016 in Stellung zu bringen.

Ähnliche Motive bewogen just auch die serbische Regierung dazu, den 4. August zum nationalen Trauertag zu ernennen, wie Auslandredaktor Wüthrich ausführt: «Die Regierung, die innenpolitisch wenig vorzuweisen hat, setzt sich damit auch patriotisch in Szene.»

Doch ist das Spiel auf der Klaviatur nationalistischer Reflexe nicht ein Spiel mit dem Feuer? Puhovski relativiert: «Solche Inszenierungen sind nicht das eigentliche Problem zwischen den beiden Ländern. Folkloristische Skandale und Vorfälle sind jeweils in drei, vier Wochen wieder vergessen.»

Das Verhältnis der Länder sei bei weitem nicht so gespannt, wie es in den August-Tagen jeweils scheine. Sicherheitspolitisch und wirtschaftlich laufe die Zusammenarbeit gut.

EU-Beitritt als Katalysator für den Nationalismus?

Doch jüngst habe das Verhältnis gelitten; jedoch nicht nur aufgrund vergangenen Blutvergiessens, sondern vorab wegen der neuen politischen Realitäten im Westbalkan: dem EU-Beitritt Kroatiens vor zwei Jahren. Das Gefühl, vom «Grossen Bruder» Serbien überwacht zu werden, sei seither gewichen, so Puhovski.

Demonstranten fordern auf einer Kundbegung in Zagreb (2013) ein Verbot des Kyrillischen auf Ortstafeln.
Legende: Kroatische Nationalisten wollen etwa den Gebrauch der kyrillischen Schrift auf Ort- und Strassentafeln unterbinden. Reuters

«Die Folge waren auch neue radikale, anti-serbische Ressentiments – obwohl die serbische Minderheit heute nur noch fünf Prozent der Bevölkerung stellt. Lokale Nationalisten haben die Rolle des ‹kultivierten Kroaten› aufgegeben. Das strukturelle Problem zwischen den Ländern ist einfach: Kroatien ist in der EU, Serbien nicht – und wird es auch weitere zehn Jahre nicht sein.»

Auslandredaktor Wüthrich illustriert das Erstarken nationalistischer Kräfte in Kroatien: «Rund 100‘000 der damals aus der Krajina geflohenen Serben sind zurückgekehrt. Kroatische Nationalisten versuchen immer wieder, die Rechte dieser Minderheit zu beschneiden; die allgemeine Atmosphäre ist wieder intoleranter geworden, es gibt auch immer wieder tätliche Übergriffe.» Die Re-Inszenierung der «Operation Sturm» ist freilich nicht dazu angetan, diesen Tendenzen Einhalt zu gebieten.

Zur Person

Žarko Puhovski (geb. 1946) ist Professor für politische Philosophie in Zagreb und war Präsident des kroatischen Helsinki-Komitees für Menschenrechte. 1988 gehörte er zu den Gründern der ersten unabhängigen politischen Organisation Jugoslawiens, der UJDI (Vereinigung für eine jugoslawische demokratische Initiative).

5 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
    Ich staune immer wieder über die Blauäugigkeit gewisser Kommentatoren, Politiker und Journalisten. Das Thema Balkan ist noch längst nicht vom Tisch mit oder ohne EU, UNO etc. Offenbar übergehen gewisse Leute geflissentlich die Geschichte der letzten 200 Jahre (seit dem Wiener Kongress) dieser Region. Auch in Bosnien-Herzegowina, Kosovo etc. ist diese Pendenz noch längst nicht erledigt.
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    1. Antwort von Ružica Trnova, Hegnau
      Wie sehr Sie Recht haben. Leider. Blauäugig oder infantil, EU folgt den Instruktionen des Onkel Sams und seit '89 ruiniert alles was einigermaßen funktionierte.Man will über Nacht aus von soz.Experiment rückstendiger Masse europa-konforme Bürger/Folger machen...Unglaublich.Dabei übersieht man genau diese letzten 200 Jahre, Ereignisse die nie verarbeitet sondern unter den Teppich gekehrt wurden. Mich nimmt es sehr Wunder wie dieses unfaire Spiel ausgehen wird.
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  • Kommentar von Christian Bühler, Zürich
    Ein Beispiel mehr welches zeigt, dass diese Länder mit ihrem Gedankengut nichts in der EU verloren haben. Dies gilt auch für die Türkei. Im Pulverfass vom Balkan bis zur Türkei wird immer noch mit dem Feuer gespielt. Die explosive Mischung aus Macht, Religion und Nationalismus wird uns im Westen bestimmt noch mehr beschäftigen als uns lieb sein wird.
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  • Kommentar von c.jaschko, Bern
    200 000 Serben vertreiben aus der Heimat und keiner sagt ein Wort im Westen :-) über 1 Million Russen in der Ukraine vertrieben und wieder mal keiner verliert nicht mal ein Wort darüber im Westen :-) Es ist doch so gut ein Freund des Alten-Reiches gewesen zu sein :-) Was für eine Witz-Welt :-) Deutschland und Amerika haben aus dieser Welt einen Zirkus gemacht: Den Schwarz ist nicht gleich mal Schwarz wenn es wirklich Schwarz ist sondern nur dann wenn die aus DUSA es als Schwarz freigeben :-)
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    1. Antwort von Marcel Chauvet, Neustadt
      In Deutschland ist, um mit Ihren Worten zu sprechen, wirklich der "Zirkus" los. Dahin kommen nämlich Hundertausende "Vertriebene" aus dem Westbalkan, hauptsächlich Serben. Warum flüchten diese Leute eigentlich nicht zu Putin? Dieser "Flucht" wird zu 99 % früher oder später ein Ende gemacht, indem man sie sie ohne Rückporto wieder abschiebt. Während des Jugoslawien-Krieges hatten wir in Deutschland über viele Jahre hinweg ca. 300.000 vor den Serben Geflüchtete beherbergt und verköstigt.
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