Zum Sinn von Geberkonferenzen Geld sammeln für ein gutes Gewissen?

Die Krisenherde lodern, die Weltgemeinschaft trifft sich in Konferenzsälen. Warum das mehr als Symbolpolitik ist.

Gruppenbild der Teilnehmer der Syrien-Konferenz vom 4. April 2017 in Brüssel

Bildlegende: Stelldichein der Weltdiplomatie: An der jüngsten Syrien-Konferenz versammelte sich viel Polit-Prominenz. Reuters

Heute startet in Genf eine Geberkonferenz für das Bürgerkriegsland Jemen. Die humanitäre Situation im Land ist dramatisch, die Bilder des Elends – hungernde Kinder, vertriebene Familien, zerstörte Dörfer und Städte – verstören. Militärisch herrscht ein blutiger Patt.

Für humanitäre Organisationen ist es immer schwieriger, die notleidenden Menschen zu erreichen. Dazu kommt: Es fehlen die finanziellen Mittel. Die UNO bezifferte den Bedarf jüngst auf 2,1 Milliarden Dollar; drei Viertel der Bevölkerung benötigen Nothilfe.

Bin-Laden-Propaganda auf einem Jeep.

Bildlegende: Bin Ladens Erben überziehen den Jemen mit Anschlägen. Experten warnen vor einer neuen Brutstätte des globalen Terrors. Keystone

Viele Worte, wenig Taten?

Immer wieder haben die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen die Weltgemeinschaft dazu aufgefordert, das Leid der Zivilbevölkerung zu lindern. Die internationale Geberkonferenz zum Jemen ist auch ein Versprechen, genau das zu tun. Doch ist sie mehr als ein Lippenbekenntnis?

Für Fredy Gsteiger lässt sich solchen Konferenzen ein «gewisser Erfolg» nicht absprechen – denn sonst würde man sie nicht immer wieder abhalten, sagt der diplomatische Korrespondent von SRF:

«  Das Problem ist aber, dass tendenziell mehr versprochen als am Schluss gehalten wird.  »

Fredy Gsteiger
Diplomatischer Korrespondent von SRF

Ein Grund dafür, dass eine gewisse Diskrepanz zwischen Worten und Taten herrscht: Die Konferenzen sind auch ein Schaufenster für Diplomaten. «Die Vertreter der Länder, oft sind es die Aussenminister, möchten auch aus PR-Gründen als jene dastehen, die etwas tun und helfen», sagt Gsteiger.

Im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit

So werden oft beträchtliche Summen versprochen. Nicht immer würden diese dann aber auch vollumfänglich bezahlt, weiss Gsteiger. Pauschalurteile sind jedoch fehl am Platz: «Es gibt Länder und Ländergruppen, die einen guten Ruf haben. Etwa die Schweiz, Skandinavien oder die EU.»

Die Gründe für eine Teilnahme an den Konferenzen sind vielschichtig. Zum durchaus aufrichtigen Motiv, den Menschen in Krisenländern zu helfen, kommen auch strategische Überlegungen: Insbesondere Staaten, die selber in Konflikte involviert oder eng mit Krisenländern verflochten sind, können ihr Image mit einer aktiven Rolle aufpolieren.

Das Protokoll einer Geberkonferenz

SRF-Experte Gsteiger skizziert, wie eine internationale Geberkonferenz abläuft. In der Regel werden Konferenzen auf der ganz grossen Bühne vom UNO-Generalsekretär eröffnet. Er stellt auch heute in Genf die Bedürfnisse des Krisenlandes Jemen dar. Dann folgen Auftritte von Didier Burkhalter und seiner schwedischen Amtskollegin, Aussenministerin Margot Wallström – dies, weil die Schweiz und Schweden Ko-Organisatoren der Jemen-Konferenz sind. Schliesslich teilen die Ländervertreter mit, was sie zu tun gedenken. «Am Schluss wird auch zahlenmässig Bilanz gezogen. Ob die Mittel tatsächlich fliessen, ist eine andere Frage», sagt Gsteiger.
Didier Burkhalter am 12.1.2017 in Genf.

Bildlegende: Bundesrat Burkhalter, hier an der Zypern-Konferenz in Genf, vermittelt immer wieder in internatiolen Konflikten. Keystone

Im Fall des Jemen dürften etwa, wie Gsteiger darlegt, insbesondere die benachbarten Golfstaaten und Saudi-Arabien Interesse daran haben, in einem guten Licht dazustehen: «Sie dürften relativ grosse Summen zusagen.»

Hoffnung für ein vergessenes Land

Dafür, dass diesmal auch substanzielle Gelder gesprochen werden, spricht für Gsteiger einiges. «Die Not im Jemen ist objektiv betrachtet gross. Der Jemen war schon vor dem Bürgerkrieg eines der ärmsten Länder der Welt. Zudem geht es um einen vergessenen Konflikt. Syrien ist etwa medial und politisch viel präsenter.»

Kerry und Lawrow 2013 in Genf

Bildlegende: Blockade in den heiligen Hallen der Diplomatie: Konferenzen zu Syrien verlaufen seit Jahren ohne echte Fortschritte. Reuters

Gsteigers Prognose: «Ich denke, salopp gesagt, dass die Länder in die Tasche greifen werden.» Ob die Hilfe in den Wirren des Krieges auch zu den Menschen komme, sei die andere Frage.

Trotzdem ist für den SRF-Experten klar, dass es die internationalen Geberkonferenzen braucht:

«  Viele derartige Konflikte finden im Schatten der Schlagzeilen statt. »

Fredy Gsteiger
Diplomatischer Korrespondent von SRF

Denn im Gegensatz zu plötzlich auftretenden Naturkatastrophen wie Unwettern oder Vulkanausbrüchen sei es gerade bei langandauernden Konflikten schwierig, die Spendebereitschaft der Menschen zu mobilisieren. «Bei Konflikten wie in Somalia, Syrien oder dem Jemen macht sich irgendwann eine Spendenmüdigkeit breit.»

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Jemen-Konferenz und Hintergründe

    Aus Tagesschau vom 25.4.2017

    Rund 50 Länder haben dem Jemen heute gut eine Milliarde Franken versprochen. Gemäss Bundesrat Didier Burkhalter hat die Schweiz ihren Beitrag für dieses Jahr um 50 Prozent auf 14 Millionen Franken erhöht. Auch wenn der Konflikt im Jemen heute auf der internationalen Agenda aufscheint, bleibt der Krieg ein vergessener Krieg.