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Geopolitischer Akteur? Bei Rosneft hat Putin das letzte Wort

Moskau setzt den staatlich kontrollierten Energiekonzern auch einmal für seine Geopolitik ein. So etwa in Nordirak.

Glänzendes Firmenschild mit dem Rosneft-Logo.
Legende: Rosneft tätigt Ölgeschäfte – dabei spielt die Politik des Kreml oftmals eine massgebende Rolle. Keystone Archiv

«Zum Wohle Russlands!» ist nicht etwa der Leitspruch einer politischen Partei, sondern von Rosneft. Der Ölkonzern ist eines der wichtigsten Unternehmen des Landes.

Mehr als umgerechnet 80 Milliarden Franken setzte Rosneft im vergangenen Jahr um. Die Aktien werden an der Börse in London gehandelt, die britische BP und ein chinesischer Investor halten grössere Anteile an der Firma.

Der Kreml hat die Zügel in den Händen

Doch kontrolliert wird Rosneft vom russischen Staat – genauer – vom Kreml. «Je nach Situation verhält sich das Unternehmen wie ein privater oder wie ein staatlicher Akteur. Rosneft ist eine Art Hybrid», sagt Anton Valujskikh, Chefredaktor des Ölbranchen-Portals «Neftjanka».

Rosneft ist eine Art Hybrid aus staatlichem und privatem Konzern.
Autor: Anton ValujskikhChefredaktor des Ölbranchen-Portals «Neftjanka».

Die Geschäfte in den irakischen Kurdengebieten sind ein gutes Beispiel für diesen Dualismus, glauben Experten in Moskau. Ein privates Unternehmen hätte sich kaum zu dieser Milliarden-Investition durchgerungen, sagt der Moskauer Nahost-Experte Sergej Balmasov. Denn: «Die Risiken sind angesichts der abgespannten Lage in der Region erheblich.»

Er sei sich nicht sicher, ob Rosneft in der kurdischen Stadt Erbil am Ende wirklich Geld verdienen werde. «Aber man muss sehen, dass die Entscheidung für dieses Investment kaum in der Konzernzentrale allein gefällt wurde; das letzte Wort hatte wohl eher Wladimir Putin.»

Geschäfte mit irakischen Kurden

Im September schloss Rosneft einen Vertrag mit der nordirakischen Autonomiebehörde zum Bau von Gaspipelines im Umfang von rund einer Milliarde Dollar ab. Bereits Anfang Jahr war Rosneft mit kleineren Krediten ins Ölgeschäft mit den Kurden eingestiegen, im Juni schliesslich erhielt der russische Konzern Zugang zu fünf Ölfeldern im Kurdengebiet. Im Gegenzug versprach Rosneft, sich über zwanzig Jahre hinweg im kurdischen Ölgeschäft zu engagieren.

Wenig Freude an den Geschäften der Kurden mit ausländischen Erdölkonzernen hat die irakische Zentralregierung in Bagdad. Sie pocht darauf, dass sie solche Vereinbarungen billigen müsse – und verlangt nun Klärung von Rosneft. Es ist offen, wie sich das Kräftemessen weiterentwickelt. Sicher ist: Nach den schweren Rückschlägen der Kurden in den letzten Wochen kommt das klare Bekenntnis aus Russland in Erbil als eine der wenigen guten Nachrichten an. (solp)

Investitionen auch in Venezuela

Ist Rosneft also ein Erfüllungsgehilfe der Aussenpolitik des Kreml? Die Firma selber hat auf eine entsprechende Anfrage nicht geantwortet. Fest steht jedoch, dass Russlands Rolle im Nahen Osten wichtiger geworden ist, seit der Kreml sich an der Seite von Präsident Baschar al-Assad in den syrischen Bürgerkrieg eingemischt hat.

Auch in anderen Weltregionen decken sich die Interessen des Kreml mit der Strategie von Rosneft. So hat der russische Staatskonzern Milliarden Dollar in die Wirtschaft von Venezuela gesteckt. Im Austausch erhalten die Russen Zugriff auf die immensen Ölvorkommen in dem südamerikanischen Land.

Geopolitik mit Rosneft

Für die Regierung des Sozialisten Nicolas Maduro sind die Milliarden aus Moskau eine Art Überlebenshilfe. Mit dem Geld kann die kriselnde Wirtschaft vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. Im Gegenzug erhalten die Russen einen neuen Verbündeten in unmittelbarer Nähe zum geopolitischen Erzfeind USA.

«Von Aussen betrachtet ist es schwer nachzuvollziehen, wie diese Geschäfte in Venezuela gewinnbringend sein können», sagt Rohstoff-Experte Valujskikh. Das heisse wohl, dass auch geopolitische Erwägungen eine Rolle spielten. «Aber: Was soll daran schlecht sein?»

Ölbohrturm udn rauchender Schlot im Schnee bei Sonnenaufgang.
Legende: Rosneft-Förderstelle nördlich der sibirischen Stadt Krasnoyarsk. Reuters

Chodorkowskis Yukos nach Enteignung übernommen

Tatsächlich hat Rosneft als staatlich kontrolliertes Unternehmen schon immer politische Aufgaben gehabt. Gegründet worden ist der Konzern in den 1990er-Jahren. Oligarchen sicherten sich damals die Filet-Stücke der sowjetischen Öl- und Gasindustrie. Die Staatsfirma Rosneft fasste zusammen, was übrig blieb – und das war zunächst nicht viel.

Rosneft hat zusammengekauft, was anderen weggenommen wurde.
Autor: Michail KrutichinEnergieexperte der Beratungsfirma Rusenergy

Der Aufstieg zum Grosskonzern begann erst, als Putin in der Energiepolitik den Kurs änderte. Der Präsident wollte Russlands Rohstoff-Ressourcen wieder unter staatliche Kontrolle bringen. Rosneft profitierte davon.

Die Firma übernahm im Jahr 2004 einen grossen Teil des zerschlagenen Yukos-Konzerns. Dessen Gründer und Eigentümer Michail Chodorkowski war gerade für zehn Jahre ins Gefängnis verschwunden. Später schluckte Rosneft auch noch andere Konkurrenten.

Setschin und Putin in Nahaufnahme.
Legende: Rosneft-Chef Setschin und Präsident Putin. Das Letzte Wort hat wohl jeweils der Präsident. Reuters

Von zahlreichen Enteignungen profitiert

Rosneft sei sehr intransparent, sagt der Moskauer Energieexperte Michail Krutichin von der Beratungsfirma Rusenergy. «Sie hat zusammengekauft, was anderen weggenommen wurde», stellt er fest. Krutichin ist ein scharfzüngiger Kritiker von Rosneft. Er hält die Firma für ineffizient, weil sie zu viele politische Aufgaben lösen müsse.

Zweifellos spielt Rosneft in Moskau eine Sonderrolle. Das hat vor allem mit dem Chef der Firma zu tun hat: Starker Mann bei Rosneft ist seit vielen Jahren Igor Setschin, ein alter Vertrauter von Staatspräsident Putin. Er gilt als einer der mächtigsten Männer in Moskau.

Im Zuge der Ukraine-Krise sind Setschin und Rosneft mit westlichen Sanktionen belegt worden. Gute Verbindungen in alle Welt haben sie trotzdem: Erst vor wenigen Wochen liess sich der ehemalige deutsche Bundeskanzler und Russland-Freund Gerhard Schröder zum Verwaltungsratspräsidenten von Rosneft wählen.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    Rosneft ist durchaus ein kommerzieller Akteur. Eine 300 fache Dividendensteigerung seit 1999 beweist das. Der Deal mit den Kurden ist primär finanzieller Art. (Vorauszahlung) für Reparaturen und Verbesserung am Pipeline System. Für Rosneft eine 20% Gewinn - und Vertriebsmöglichkeiten von günstigem Oel. Netto rund 130 Mio je Jahr. Richtige langjährige Deals mit dem Iran 30 Mia - werden auch politisch beidseitig durch beide Staatspräsidenten behandelt. (Das ist dann weit mehr als nur eine Deal)
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Der Westen sieht es nicht gerne, wenn die Ressourcen eines Landes dessen Bevölkerung zu gute kommen. Und im Falle Russland mit den enormen Ressourcen ist es für die westlichen Konzerne besonders bitter, dass nicht mehr ein prowestlicher Staatschef wie Jelzin regiert, der die Ressourcen ausl. Investoren zur Verfügung stellt. In Syrien und im Iran wurden demokratische Regierungen von der CIA (Dulles-Brüder) gestürzt, weil sie das Volk profitieren lassen wollten von den Ressourceneinnahmen.
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Um Menschenleben- und Rechte respektierende Volks-Politik machen zu können, benötigt es primär "Rückgrat"!! Auch die zuständigen Verantwortlichen in der Schweiz in: Bundesrat, Parlament/Politik, Ämter/Behörden, sollten damit ausgestattet sein, was leider bei den wenigsten der Fall ist! Dafür werden: Vetternwirtschaft, Lobbyismus, lukrative VR-Mandate grossartig gelebt!! Habgier und Eigeninteressen-Verfolgung, haben Priorität, bei zu vielen, welche von den Volks-Steuergeldern entlöhnt werden!
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