Haitis Präsident klopft sich auf die Schulter

Michel Martelly, Haitis Präsident, zieht nun die Bilanz seiner Amtszeit: Er ist zufrieden – viele Haitianer aber ganz und gar nicht. Sie kämpfen immer noch mit den Folgen des Erdbebens 2010.

Haitis Präsident Martelly winkt in die Menge. Dahinter die First Lady.

Bildlegende: Haitis Präsident Martelly lobt sich und seine Amtszeit in einem 500seitigen Buch. Keystone

Michel Martelly, der amtierende Präsident Haitis, blickt zurück: Der ehemalige Schlagerstar, den seine Anhänger «Sweet Micky» nennen, tut das in einem 500 Seiten dicken Buch. Es listet seine Verdienste auf, soll den Erfolg dokumentieren.

SRF-Auslandredaktor Daniel Voll: «Michel Martelly war schon immer ein grosser Selbstinszenierer.» Alles andere als sehr viel Lob in dem Buch wäre eigentlich erstaunlich gewesen. Man höre aber auch ganz anderes: Die Schäden des grossen Erdbebens von 2010 sind noch immer nicht behoben. Es leben immer noch über 300‘000 Leute in Zelten. «So erfolgreich, wie er sich gefeiert hat, ist er sicher nicht», sagt Voll.

Der Wiederaufbau nach dem schlimmen Erdbeben vor drei Jahren kommt nur schleppend voran. Obwohl drei Jahre vergangen sind. «Aber das Ausmass dieser Zerstörung war und ist natürlich enorm», sagt der Haiti-Spezialist. Ein schwacher Staat wie Haiti könne so etwas auch gar nicht in wenigen Jahren bewältigen.

Keine Struktur für Wiederaufbau

«Die Kapazität der Bauindustrie zum Beispiel ist gar nicht vorhanden», sagt Voll. Sehr viele Aufträge gehen an ausländische Unternehmen. Haiti hat es versäumt, eigene Strukturen aufzubauen.

Martelly ist in seiner Regierungsbilanz nicht speziell auf die Erdbebenfolgen eingegangen. Er hielt sich in erster Linie an drei Punkte: die Reform des Schulgelds, ein verbesserter Sozialschutz sowie die Wiederankurbelung von Investitionen und des Tourismus.

Diese drei Punkte waren seine grossen Wahlversprechen. Vor allem liege vieles bei der Schule im Argen, sagte Martelly. Ob sich tatsächlich was gebessert hat, ist sehr umstritten. Es fehlen immer noch viele Schulhäuser, und es gibt nach wie vor nicht genügend Lehrer.

Und es gebe noch mehr Probleme, so Voll: «Ein grosser Mangel, den Martelly selbstverständlich nicht angesprochen hat, ist das Justizsystem.» Es sei seit Jahrzehnten dürftig.

Kritische Bevölkerung

Die haitianische Bevölkerung ist kritisch, und Martelly ist sehr umstritten. Es gibt solche, die nach wie vor Fans sind. Sie sind begeistert. Andere sind sehr enttäuscht. Es gibt immer wieder Demonstrationen mit Haitianern, die seinen Abgang fordern.

Martellys grösster Rivale war und ist der frühere Präsident Jean-Bertrand Aristide. Doch als Gegenkandidat kann er Martelly bei den nächsten Präsidentenwahlen nicht gefährlich werden. Denn keiner der beiden kann bei den nächsten Wahlen antreten: Martelly nicht, weil er direkt anschliessend an seine erste keine zweite Amtszeit machen kann. Und Aristide nicht, weil er keine dritte Amtszeit anstreben kann.

Blockade in Politik vorprogrammiert

Aber Aristide will wahrscheinlich nächsten Herbst für einen Sitz im Parlament kandidieren. Dann wäre er natürlich als direkter Rivale im Parlament, das immer ein Problem mit Martelly hatte. Und dann wäre das System wahrscheinlich wieder blockiert.