Homo-Ehe im «Bible Belt»

Die Legalisierung der Homo-Ehe bewegt die USA. Gegner und Befürworter stehen sich unerbittlich gegenüber. Wie gespalten die USA sind, zeigt sich am Beispiel von Tennessee.

Homo-Ehe im «Bible Belt»

Mit einem historischen Urteil im Juni hat das Oberste US-Gericht Schwulen und Lesben in ganz Amerika erlaubt zu heiraten – die Reaktionen darüber sind gespalten. Nirgends zeigt sich das besser als im Bundesstaat Tennessee im Süden der USA.

«Verfassungsrechtlicher Putsch»

Die Leute in Nashville nennen ihre Stadt die Schnalle des Bibelgürtels («the buckle of the bible belt»). Der «Bible Belt» erstreckt sich von Georgia bis Texas – nirgendwo in den Vereinigten Staaten stehen die Kirchen so dicht. Für die meisten Christen hier ist und bleibt Homosexualität eine Sünde, die gleichgeschlechtliche Ehe Blasphemie und das Urteil des Höchsten Gerichtshofs der USA eine Attacke gegen ihre Werte.

David Fowler wähnt sich gar in einem Kulturkrieg. Fowler ist der schärfste Lobbyist der Christlich-Konservativen in Tennessee. Das Urteil des Supreme Court ist für ihn ein verfassungsrechtlicher Putsch: Gegen den Föderalismus der Gliedstaaten und gegen die Demokratie.

Denn die Ehe sei nicht einfach ein Bürgerrecht für alle – eine Frage der Gleichheit vor dem Recht, wie einst die Emanzipation der Schwarzen in den Südstaaten. «Rasse könne man nicht wählen, sexuelle Orientierung jedoch schon», sagt Fowler.

Pfarrer Larry Robertson

Bildlegende: Pfarrer Larry Robertson sieht die Home-Ehe als Ankündigung der Endzeit, wie sie die Bibel prophezeit. Isabelle Jacobi

«Gemütliche Christenheit ist vorüber»

Auch Pfarrer Larry Robertson in Clarksville ist im Kampf. «Christen sind jetzt fremd im amerikanischen Rechtsstaat», predigt Robertson.

Robertson befürchtet, dass Geistliche im Militär gezwungen würden, homosexuelle Paare zu verheiraten. Oder dass religiöse Bäcker einen Hochzeits-Kuchen für ein schwules Paar backen müssen. Käme es soweit in Tennessee – Robertson wäre zum zivilen Ungehorsam bereit.

«Wer sich liebt, muss zusammen sein dürfen»

Nashville ist eine liberale Insel mitten im konservativen Gliedstaat – und eine pulsierende Country-Metropole. Am Broadway findet man viele US-Touristen, die ganz anders über die Homoehe denken. «Es war an der Zeit, klar, dass das kommen musste», meinen zwei Frauen. «Wer sich liebt, muss zusammen sein dürfen», sagt eine andere Country-Liebhaberin.

Louisa und Terry.

Bildlegende: Louisa und Terry wollen im Frühling in Nashville heiraten. Isabelle Jacobi.

Die Rechtsprofessorin Terry lebt ihre Homosexualität offen und freut sich riesig über das Urteil des Supreme Court. Aber sie befürchtet auch eine Gegenreaktion nach dem Urteil zur Homo-Ehe. «Existierende religiöse Ausnahmegesetze könnten gegen Lesben und Schwule angewendet werden», vermutet sie. Tennessee hat seit sechs Jahren einen Religious Freedom Restoration Act, der es Unternehmen erlaubt, Kunden aus religiösen Gründen abzulehnen.

Für die Befürchtungen der Evangelikalen, dass ihre Religionsfreiheit durch die Homo-Ehe verletzt wird, hat Terry kein Verständnis: «Sie wollen den Staat missbrauchen, um ihre religiösen Ansichten durchzusetzen, und sehen sich als Bewahrer der Moral. Sie verstehen nicht, dass sie selber die Rechte anderer Bürger verletzen.»

«Homosexualität ist keine Sünde»

Tracy ist aus der ländlichen Provinz nach Nashville angereist, um das Urteil zu feiern. In den Südstaaten lesbisch zu sein, sei nicht einfach, sagt sie. «Die meisten sind Baptisten, und wenn du da in eine Kirche gehst, dann schauen Dich alle an und reden verächtlich über dich.»

Pfarrer Stan Mitchell

Bildlegende: Pfarrer Stan Mitchell hat über die Hälfte der Kirchgemeinde verloren, seit er Lesben und Schwule in die Kirche lässt. Isabelle Jacobi.

Es gibt nur einzelne evangelikale Kirchen, die Schwule und Lesben willkommen heissen – seit Januar auch die Grace Pointe Church. Pfarrer Stan Mitchel sagt: «Wir schliessen diese Menschen nicht nur ein im Sinne, wir akzeptieren Eure Sünde, sondern es ist unser Glaube, unser Gefühl, dass Homosexualität nicht etwas ist, das Gott missbilligt.»

Sendung zu diesem Artikel