Immer mehr Juden in Ungarn denken ans Auswandern

Seit heute Sonntag tagt der Jüdische Weltkongress in Budapest. Der Tagungsort ist bewusst gewählt worden. In Ungarn regiert der Rechtskonservative Orban. Herbert Winter vom Schweizerisch-israelitischen Gemeindebund (SIG) beschreibt, wie sich die Lage für Juden und Roma in Ungarn verschlechtert hat.

Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban

Bildlegende: Ministerpräsident Victor Orban von der Fidesz-Partei sieht sich Antisemitismus-Vorwürfen ausgesetzt. Reuters

SRF News Online: Warum hat sich der Jüdische Weltkongress Budapest als Tagungsort ausgesucht?

Herbert Winter: Der Jüdische Weltkongress will damit Solidarität mit den jüdischen Menschen in Ungarn beweisen. Diese sind seit einiger Zeit einer wachsenden antisemitischen und allgemein rassistischen und fremdenfeindlichen Atmosphäre ausgesetzt.

Was erwarten Sie sich von der Rede Viktor Orbán?

Ich nehme an, dass der ungarische Ministerpräsident diese Situation verharmlosen und die Bedeutung der jüdischen Gemeinschaft in Ungarn und ihre Lage in ein positives Licht setzen wird.

Was erwarten Sie von der Rede Guido Westerwelles?

Vom deutschen Aussenminister erwarte ich doch, dass er sich klar gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Ungarn positioniert und die Verantwortlichen des Staates dazu auffordert, sich mit allen Kräften dagegen einzusetzen.

Orbán wehrt sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Für wie glaubwürdig halten Sie das?

Ich bin mit dem Vorwurf des Antisemitismus ganz allgemein immer sehr zurückhaltend. Immerhin stelle ich fest, dass der ungarische Ministerpräsident sehr wenig tut gegen den grassierenden Antisemitismus in Ungarn, ja sogar bekennende Antisemiten häufig stillschweigend agieren lässt.

«  Ich kann nur hoffen, dass sich die Situation für die Juden in Ungarn wieder bessert. »

Herbert Winter
Präsident des SIG

Welche Positionen sollten andere Länder gegenüber Ungarn einnehmen?

Die EU sollte darauf drängen, dass Ungarn die verbindlichen demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln der Gemeinschaft anerkennt und einhält. Auch die Schweiz, die sich immer wieder für die Einhaltung der Menschenrechte in anderen Ländern einsetzt, kann und sollte sich für diese Ziele einsetzen.

Wie hat sich das Leben der jüdischen Gemeinschaft – der drittgrössten in Europa – seit der Wahl Orbáns verändert?

In Gesprächen mit ungarischen Juden höre ich immer wieder, wie massiv sich die Situation für sie seit einiger Zeit verschlechtert hat. Der offen zur Schau getragene Antisemitismus, teilweise in den Medien, vor allem aber auch seitens der Jobbik-Partei, macht ihnen grosse Sorgen. Vermehrt sind Juden Beleidigungen, Beschimpfungen bis hin zu physischen Angriffen in der Öffentlichkeit ausgesetzt. Mindestens so schlimm, wenn nicht noch schlimmer stellt sich die Lage aber für die Roma dar. Das darf nicht unerwähnt bleiben.

Wie sehen Sie die nähere Zukunft Ungarns in Bezug zum jüdischen Leben dort?

Ich kann nur hoffen, dass sich die Situation für die Juden in Ungarn wieder bessert. Tatsache ist aber, dass eine wachsende Zahl an Auswanderung denkt.

Fürchten Sie eine Zunahme des Antisemitismus von Ungarn ausgehend in Europa?

Der Antisemitismus nimmt in verschiedenen Ländern in Europa zu, vor allem in Mittel- und Osteuropa, aber auch teilweise in Westeuropa. Dies macht mir Sorge. Ich denke aber nicht, dass dies von der Situation in Ungarn ausgeht, sondern allgemein extremistischem Gedankengut entspringt.

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Ungarn auf nationalem Kurs

6:32 min, aus Kulturplatz vom 6.3.2013

World Jewish Congress (WJC)

Der WJC mit Sitz in New York ist eine Vereinigung jüdischer Gemeinden und Organisationen in 100 Ländern. Er vertritt die Interessen der ausserhalb Israels lebenden Juden. Gegründet wurde der WJC 1936 in Genf zur Mobilisierung der Öffentlichkeit gegen den Nazi-Terror. Alle vier Jahre tritt die Plenarversammlung des WJC zusammen.