Immer mehr Kinder für Selbstmordattentate benutzt

In den von Boko Haram terrorisierten Ländern hat das Kinderhilfswerk Unicef einen alarmierenden Trend ausgemacht: Die Terrorgruppe missbraucht in Afrika immer häufiger Kinder für Selbstmordattentate. Die meisten der instrumentalisierten Kinder sind Mädchen.

Eine Mutter aus Nigeria hält weinend ein Foto ihrer von Boko Haram gekidnappten Tochter in die Kamera.

Bildlegende: Tausende von Kindern sind in den letzten Jahren in die Fänge von Boko Haram geraten. Ihr Schicksal ist ungewiss. Keystone/Symbolbild

Die Zahl minderjähriger Selbstmordattentäter in Nigeria und den Nachbarländern ist 2015 Jahr drastisch nach oben geschnellt.

Letztes Jahr haben sich in Kamerun, Tschad und Nigeria insgesamt 44 Minderjährige in die Luft gesprengt – im Vorjahr waren es noch vier. Dies geht aus einer Studie des Kinderhilfswerks Unicef hervor. Die Zahlen zeigen zudem: In den vergangenen zwei Jahren war fast jeder fünfte Selbstmordattentäter in der Region noch schutzbedürftig. Manche Kinder waren bloss 8 Jahre alt.

«  Eines muss klar sein: Diese Kinder sind Opfer, nicht Täter. »

Manuel Fontaine
Unicef-Direktor für West- und Zentralafrika

Drei Viertel der Selbstmordattentate seien von Mädchen ausgeführt worden, teilte Unicef weiter mit. Hinter den Gräueltaten wird die islamistische Terrormiliz Boko Haram vermutet.


«Das ist eine sehr perverse Form von Terrorismus»

4:16 min, aus SRF 4 News aktuell vom 13.04.2016

Kinder überredet oder gezwungen

«Eines muss klar sein: Diese Kinder sind Opfer, nicht Täter», sagte der Unicef-Direktor für West- und Zentralafrika, Manuel Fontaine. Die Täuschung und tödliche Instrumentalisierung der Kinder sei einer der schlimmsten Auswüchse der Gewalt in Nigeria und den Nachbarländern, sagte er weiter. Die Kinder werden zum Tragen von Sprengstoffgürteln überredet oder gezwungen.

Wer den Fängen der Terroristen entkommt, ist vor weiterem Leid dennoch nicht gefeit. Besonders Mädchen, die aus der Gefangenschaft von Boko Haram fliehen, würden als potentielle Sicherheitsrisiken betrachtet und daher von Gemeinden ausgeschlossen und diskriminiert, erklärt Fontaine. Der kalkulierte Einsatz von Minderjährigen habe eine Atmosphäre der Angst und des Argwohns geschaffen.

Tausende Kinder von Eltern getrennt

Aufgrund von Angriffen und Anschlägen der Terrormiliz wurden knapp 1,3 Millionen Kinder in Nigeria, Kamerun, dem Tschad und Niger vertrieben, berichtet Unicef. Mehr als 5000 Mädchen und Jungen wurden aufgrund der Gewalt von ihren Eltern getrennt. Rund 1800 Schulen mussten schliessen.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) erhalten allein im Nordosten Nigerias fast eine Million Kinder keinen oder nur sporadischen Schulunterricht wegen dem Terror von Boko Haram. Die Islamisten verübten regelmässig Anschläge auf Schulen und zerstörten die Gebäude. Die Auswirkung auf das Bildungssystem sei «katastrophal», teilt HRW mit.

Die sunnitischen Fundamentalisten der Boko Haram kämpfen im Nordosten Nigerias und den angrenzenden Gebieten der Nachbarländer für die Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Bei Angriffen und Anschlägen der Terrormiliz wurden in den vergangenen Jahren mindestens 14'000 Menschen getötet.