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International Israel: «Kritik am Krieg ist leiser geworden»

Israel sei ein konservatives Land geworden, sagt SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger. Stimmen, welche den Krieg in Frage stellten, hätten es schwer. Das liege auch an den jüngsten Einwanderern.

Ein kollabiertes Minarett in Gaza City
Legende: Das Klischee von den armeegläubigen israelischen Medien stimme so nicht, sagt Fredy Gsteiger. Keystone

Seit Beginn des Kriegs liefern sich Israel und die Hamas eine Propaganda-Schlacht um die internationale öffentliche Meinung. Fredy Gsteiger, wie berichten die Medien in Israel selber über den Krieg?

Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent SRF: Die kritischen Stimmen sind in den letzten Jahren sicher leiser geworden. Das liegt zum einen an der Medienwelt an sich: Liberale Medien wie die Zeitung «Haaretz» haben enorm viele Leser verloren – so wie Zeitungen überall auf der Welt. Ein anderer Grund für diesen Leserschwund ist die Lancierung der Gratiszeitung «Israel Hayom», die heute den Markt dominiert. Dahinter steht der amerikanische Kasino-König und pro-israelische Hardliner Sheldon Adelson: Die Zeitung dient ihm als Sprachrohr für seine konservativen Ansichten und als Unterstützung für die Regierung Netanjahu. Als Milliardär kann sich Adelson erlauben, mit seiner Zeitung Geld zu verlieren und durch seine Marktmacht die anderen Medien an den Rand zu drängen.

Ist der Leserschwund der liberalen Medien nicht auch ein Ausdruck dafür, dass sich die Gesellschaft verändert hat?

Ja, sie ist in den letzten zehn, zwanzig Jahren konservativer und nationalistischer geworden. Und in der Tendenz religiöser.

Woran liegt das?

Die Orthodoxen machen einen immer grösseren Teil der Bevölkerung aus, weil sie auch am meisten Kinder haben. Gleichzeitig spielen die neuen Einwanderer eine wichtige Rolle: Viele von ihnen kommen aus Russland und den arabischen Ländern – aus Regionen, die nicht eben für ihre Toleranz bekannt sind. Liberalere Politiker wie Schimon Peres sind heute zur Randfiguren geworden. Das sieht man auch daran, dass die Arbeitspartei praktisch inexistent ist. Vom ganzen Staatsverständnis her ist Israel orientalischer geworden. Was man etwa daran sieht, dass Israel früher als vorbildlicher, sauberer Staat galt. Heute ist die Korruption in der Politik weit verbreitet.

Zurück zur Kriegsberichterstattung: Wer kommt in den israelischen Medien zu Wort?

Da gibt es nach wie vor viele verschiedene Stimmen zu hören – es ist also keineswegs so, dass nur die Sicht des Militärs wiedergegeben wird. Zwar sind die Personen, die grundsätzliche Kritik am Krieg üben, rarer und leiser geworden. Aber dieses Kräfteverhältnis spiegelt eben die öffentliche Meinung wider. Der Tenor ist, dass es vorläufig keine Lösung mit den Palästinensern geben wird und deshalb ein hartes Durchgreifen nötig ist. Das sehen die meisten Israelis so. Dazu kommt: Sobald sich ein Land im Kriegszustand befindet, ist die Solidarisierung mit den Soldaten gross.

Je länger der Krieg dauert, desto leiser wird die Kritik an der Regierung?

Ja. Wobei die israelische Regierung sicher nicht so weit geht wie Russland oder Iran. Dort bauen die Machthaber einen äusseren Feind auf, um die innenpolitische Position zu stärken und die Medien auf Regierungslinie zu bringen. Dennoch sind ähnliche Tendenzen auch in Israel spürbar.

Die Kritik führt bei manchen Israelis zu einer Trotzreaktion
Autor: Fredy GsteigerSRF-Korrespondent

Welchen Einfluss hat die internationale Berichterstattung auf die öffentliche Meinung in Israel?

Die Kritik am Land führt bei manchen Israelis eher zu einer Trotzreaktion – im Sinne von: «Die haben keine Ahnung und sind sowieso israel- oder sogar judenfeindlich.» Man fühlt sich ungerecht behandelt und hegt den Verdacht, dass nicht wenige Kritiker aus Antisemitismus heraus handeln. Was ja auch nicht gänzlich abwegig ist, wie die Demonstrationen in Europa gezeigt haben.

Wie sieht es in Gaza aus: Gibt es dort so etwas wie eine freie Presse?

Nein. Die Hamas kontrolliert und zensiert die Medien. Diese sind viel schwächer als etwa in Israel, auch wirtschaftlich. Sie können es sich nicht erlauben, einen unabhängigen Kurs zu fahren. Dazu kommt die Selbstzensur der Journalisten, die – berechtigte – Angst vor der Reaktion der Hamas haben.

Wie berichtet die arabische Welt über den Krieg?

Sehr einseitig. Praktisch alle Medien nehmen eine pro-palästinensische Position ein, wobei auch Israel-Hass eine Rolle spielt. «Al Jazeera English» versucht noch halbwegs offen für andere Argumente zu sein. Sonst aber ist die Tonalität überall dieselbe – selbst in Ägypten, wo die neue Regierung wenig für die Hamas übrig hat. Bei den Ägyptern liegen die Sympathien bei den Palästinensern allgemein, hingegen nicht bei der Hamas.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Othmar Piller, Biel
    Traurig. Seit ich auf der Welt bin geht kaum ein Tag vorbei, an welchem in Palästina kein Blut vergossen wird. Täglich sterben Menschen. Wenige Schuldige, viele unschuldige Männer und Frauen und vor allem Kinder. In beiden Lagern. Und jeder Tote schürt neuen Hass. In beiden Lagern. So verwerflich die Attentate und Raketenwürfe der Hamas sind, so verwerflich ist auch die teils unzimperlichen Reaktionen der Israelis. Es wird nie Frieden geben, solange Waffen sprechen. In beiden Lagern. PEACE!
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  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    In Israel haben linke Träumer ihre Glaubwürdigkeit verloren, weil die Menschen sehen, dass diese Friedensfantasien genau das sind - Fantasien. Die nüchternen Realos haben gewonnen. Kein Wunder stehen 95% der Israelis momentan hinter den Aktionen der IDF in Gaza. Man ist sich bewusst, dass der Schlange Hamas den Kopf abgeschlagen werden und alle Terrortunnels gesprengt werden müssen, wenn man wieder einigermassen Ruhe haben will und es eines Tages so etwas wie Frieden geben soll.
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  • Kommentar von Thomas Käppeli, Guatemala Ciudad
    Welch Tohuwabohu, wörtl. „wüst und leer“. Der Begriff hat seine Etymologie im Buch Moses 1:1-2. Geht nicht um Tora, AT oder Koran, sondern aufzuzeigen wohin religiös blinder Hass führt. Das Traurige dabei, auf beiden Seiten will die säkular/moderate Mehrheit, Israelis wie Palästinenser, nur in Frieden ein normales Dasein führen. Aber beide verfügen über ihre (w)irren, in einander verbissene Kampfhunde. Bin es ehrlich auch müde, zum Horror Szenario überhaupt noch was zu schreiben. Zensuriert!
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